Universität Bielefeld, Informations- und Pressestelle


Pressedienst Forschung, Nr. 17/1998
 

Neue Musik soll die Menschen erreichen

Der Komponist und Musikpädagoge Hans Poser

Seine "Rendsburger Tänze" zählen zu den meist gespielten Kompositionen an Jugendmusikschulen, vielen Musiklehrern ist sein Name vertraut: Der Hamburger Komponist Hans Poser (1917 1970) ist vor allem als Komponist von Unterrichtsliteratur und sonstiger "Gebrauchsmusik" bekannt geworden. In der deutschen Musikgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts zählt Hans Poser eher zur Gruppe der Unbekannten und Außenseiter. Sein Engagement für die Musikpädagogik und für die Musiklehrerausbildung trug ein Übriges dazu bei, daß er nicht zur Komponisten-Elite gerechnet wird.
Interessant sind sein Werdegang und sein kompositorisches Schaffen dennoch. Das hat eine Untersuchung des Bielefelder Musikpädagogen Dr. Jürgen Ollesch ergeben. Hans Poser hat ebenso wie einige seiner zeitgenössischen Kollegen versucht, einen anderen Weg zu gehen als den der kompositorischen Avantgarde, die mit spektakulären Inszenierungen arbeitete und gleichwohl nur von einem kleinen Zirkel verstanden wurde. Sein Ziel war es, gute Musik zu schreiben und dennoch das breite Publikum zu erreichen. Diese Zielsetzung war ebenso wie die eher traditionelle Kompositionstechnik Posers gegen den Trend der Zeit gerichtet.
Hans Poser galt als ein Mensch der Stille und der Unauffälligkeit. Die oftmals lautstarken Selbstinszenierungen avantgardistischer Kollegen waren ihm ein Gräuel. Kompositorische Experimente als Selbstzweck lehnte er ab; öffentliche Sensation war ihm zuwider. Es war ihm am Ausreifen und Klären neuer Ansätze gelegen und weniger am kurzfristigen, Aufmerksamkeit heischenden Effekt, den er in der Musik eines Karlheinz Stockhausen oder eines John Cage sah. Ihn begeisterten die Werke Paul Hindemiths und Witold Lutoslawskis   und ebenso der Jazz. Trotz des Festhaltens an traditionellen Weisen des Komponierens ist Poser kein "Reaktionär" in einem Kontext "progressiver" Kräfte.
Die Bielefelder Untersuchung über Leben und Werk Hans Posers öffnet einen Blick in die "zweite Reihe" deutscher Komponisten und vor allem auf die Musikpädagogik des zwanzigsten Jahrhunderts. Musikgeschichte wird ebenso wie die Geschichte der Musikpädagogik häufig an exponierten, quasi "heroischen" Persönlichkeiten festgemacht. "Leise Heroen", die weniger im Rampenlicht standen, aber bis in die Gegenwart nachwirken, werden häufig übersehen. Daß ihre Musik bis heute lebt, belegen die Verkaufszahlen ihrer Werke.
Hans Poser wurde 1917 im vogtländischen Tannenbergsthal geboren. Nach dem Abitur und dem Arbeitsdienst wurde er Soldat der Luftwaffe. Als Pilot geriet er 1940 in englische und später kanadische Gefangenschaft. In kanadischen Gefangenenlagern betrieb Poser intensive musikalische Studien und gründete diverse Ensembles, unter anderem ein Symphonieorchester und eine Tanzkapelle. Über das kanadische Rote Kreuz gelang es ihm, eigene Kompositionen an Paul Hindemith zur Begutachtung zu schicken; dennoch zählte er nicht eigentlich zu dessen Schülern.
Nach der Entlassung aus der Gefangenschaft studierte Poser bei Ernst Gernot Klussmann in Hamburg Komposition und bei Wilhelm Brückner-Rüggeberg Dirigieren. Nach kurzem Studium wurde er Lehrbeauftragter für Tonsatz und Gehörbildung an der Schule für Musik und Theater in Hamburg, aus der die heutige Hochschule für Musik und Darstellende Kunst hervorging. Er war vorwiegend in der Ausbildung von Musiklehrern tätig. 1962, acht Jahre vor seinem Tod, wurde er zum Professor ernannt.
Poser hat einiges an "Gebrauchsmusik" hinterlassen, vor allem Unterrichtsliteratur für Klavier und für Blockflöte, Lieder und Kanons; alles das, was im Sprachgebrauch der fünfziger Jahre unter "Sing- und Spielmusik" gefaßt wurde. Viele dieser Kompositionen gehören heute noch zum Standardrepertoire der deutschen Musikschulen.
Über die Gebrauchsmusik hinaus schuf Poser Orchesterwerke, weltliche und geistliche Chormusik, Fernsehopern, Kunstlieder und Kammermusik. Die wohl bedeutendste Komposition Posers ist das 1966 entstandene Requiem für vier- bis zwölfstimmigen Chor a capella. Weniger prominente, jedoch abendfüllende Kompositionen Posers sind das Capriccio "Till Eulenspiegel" und die Kantate "Vom Fischer und seiner Frau".
In seinen Fernsehopern "Die Auszeichnung" (nach einer Novelle von Guy de Maupassant) und "Die Baßgeige" (nach einer Erzählung von Anton Tschechow) wird besonders deutlich, wie Poser seine Musik an den Erwartungen des Hörers orientierte. Ihm schwebte die Idee einer eher populären neuen Musik vor, einer Musik, die auch über den Kreis von wenigen Experten hinaus ihre Zuhörerschaft findet.
Analysen der akribisch geführten Haushalts- und Kompositionstagebücher Posers belegen übrigens, daß er es meisterhaft verstand, die Wünsche seiner Verleger und Auftraggeber mit seinen künstlerischen und finanziellen Interessen zu verbinden. Ohne die Einnahmen aus seinen Kompositionen hätte Poser bis zum Ende der fünfziger Jahre den Lebensunterhalt für sich und seine Familie nicht bestreiten können.
Poser war vor allem auch Musikpädagoge, den die "pädagogische Seite der neuen Musik" interessierte. In seiner Schulzeit war er mit der Jugendbewegung bekannt geworden; deren Ideale wie Gemeinschaftsinn und Heimatverbundenheit beeinflußten auch Posers musikästhetische Vorstellungen. Als sich die Jugendmusikbewegung zu Beginn der fünfziger Jahre neu zu orientieren begann, war Poser mit dabei. Er war an verschiedenen Arbeitstagungen beteiligt, die von Partizipanten aus dem Umfeld der Jugendmusikbewegung veranstaltet wurden. Hier wurde versucht, handwerkliche und musiktheoretische Grundlagen neuer Musik auf der Basis konventioneller Konzepte und damit eine Gegenposition zu Veranstaltungen avantgardistischer Kollegen zu erarbeiten. In der öffentlichen Diskussion blieben diese Bemühungen eine Randerscheinung. Ihr Anliegen galt in der Mitte der fünfziger Jahre als gescheitert.

Dr. Jürgen Ollesch
Fakultät für Theologie,
Geographie, Kunst und Musik
Fach Musik Universität Bielefeld
Postfach 10 01 31
33501 Bielefeld
Tel. 0521/106 6086 oder 106-6072 (Sekretariat)



Pressestelle, 1998-07-30
E-mail: veronika.reiss@uni-bielefeld.de