Prof'in Dr. H. Grimm
 
 
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Störungen der Sprachentwicklung

Was kennzeichnet die SSES?
Sprachentwicklungsscreening in der kinderärztlichen Praxis
Vorurteile und falsche Annahmen
Frühdiagnostik: Subjektiv oder wissenschaftlich begründet?
Diagnostische Verfahren
Sprachtherapie
Im Überblick: Sprachentwicklungsscreening


Die Sprache ist in besonderem Maße für Entwicklungsstörungen anfällig. Dabei sind zwei Formen zu unterscheiden:

  1. Sekundäre Störungen der Sprachentwicklung, die zusammen mit anderen Defiziten auftreten. Dies gilt für Kinder mit Hörstörungen, für blinde Kinder, für Kinder mit erworbenen Aphasien, für mental retardierte Kinder wie Down-Syndrom-Kinder oder Williams-Beuren-Syndrom-Kinder sowie für Kinder mit frühkindlichem Autismus.
  2. Primäre Störung der Sprachentwicklung, die auch als Spezifische Sprachentwicklungs- störung (SSES) bezeichnet wird. Spezifisch ist diese Störung deshalb, weil es sich um eine umschriebene Sprachentwicklungsstörung handelt, die eben nicht infolge einer Intelligenzminderung oder einer anderen Beeinträchtigung entsteht.
    Im Gegensatz zu den Sekundären Störungen ist die SSES gerade dadurch gekennzeichnet, dass eine sprachliche Normabweichung bei sonst keinen anderen offensichtlichen Abweichungen besteht.

Was kennzeichnet die SSES?

Vorurteile und falsche Annahmen

 

Vorurteil 1: Störungen der Sprachentwicklung entstehen durch ein unzureichendes Sprachangebot.
Häufig wird den Müttern vorgeworfen, dass sie zu wenig mit dem Kind sprechen oder dass sie Dialekt sprechen. Das ist Unsinn und man macht sich die Ursachenfindung viel zu einfach. Denn durch zahlreiche Untersuchungen belegte Tatsache ist, dass Kinder über spezifische Entwicklungsvoraussetzungen verfügen, die es ihnen ermöglichen, selbst unter nicht optimalen Bedingungen ihre Muttersprache zu erwerben.

Vorurteil 2: Störungen der Sprachentwicklung nehmen immer mehr zu.
Über die Zeit hinweg und international gilt, dass die Prävalenzrate von SSES bei 6 bis maximal 8 Prozent liegt. Entgegen wissenschaftlicher Belege sprechen einzelne Phoniater von deutlichen Zunahmen, die sie zudem mit dem Fernsehkonsum oder Computerspielen in Zusammenhang bringen. Dagegen ist ganz eindeutig festzuhalten, dass es keine einzige anerkannte wissenschaftliche Arbeit gibt, die dies bestätigen könnte.

Falsche Annahme 1: Eine Sprachentwicklungsstörung "wächst sich aus".
Diese "Abwarten-und-Tee-trinken"-Haltung ist nachgewiesenermaßen falsch und dient nicht dem Wohle des Kindes. Denn Kinder mit frühen Sprachdefiziten tragen ein hohes Risiko, später Lese-Rechtschreibprobleme sowie insgesamt schulische Lernprobleme auszubilden. Denn das ist klar: Sprachdefizite führen nicht nur zu Beeinträchtigungen der Kommunikationsfähigkeit, sondern wirken sich auch ganz erheblich im Sinne einer Intelligenzminderung aus.

Falsche Annahme 2: Es wird zu früh therapiert.
Wenn der Vorwurf erhoben wird, dass zu früh therapiert werde, so stehen häufig wirtschaftliche Erwägungen im Vordergrund. Richtig ist, dass eine frühzeitige Förderung verhindern kann, dass späte Wortlerner eine SSES mit den damit verbundenen Lerndefiziten ausbilden. Allerdings bedarf es einer sehr genauen und validen Diagnose, um die späten Wortlerner mit einem echten Entwicklungsrisiko von solchen Kindern zu unterscheiden, die nur eine periphere Wortschatzverzögerung ohne ein weiteres Entwicklungsrisiko aufweisen. Wenn nur die tatsächlich gefährdeten Kinder eine therapeutische Förderung erhalten, ist dies sehr wirtschaftlich, vor allem deshalb, weil eine relativ kurze Therapie ausreichend sein kann.

Frühdiagnostik: Subjektiv oder wissenschaftlich begründet?

Wenn Mütter den Verdacht haben, dass ihr Kind eine Sprachentwicklungsverzögerung aufweist, tragen sie diesen Verdacht gewöhnlich zunächst dem Kinderarzt/der Kinderärztin vor. In sehr zahlreichen Fällen haben die Kinderärzte aber keine Verfahren, die ihnen ermöglichen, eine genaue und zutreffende Diagnose zu stellen. Dies bringt sie dazu, sich auf eine erfahrungsbasierte und damit sehr subjektive Frühdiagnostik zu stützen, was unausweichlich Fehldiagnosen zur Folge hat.
Seit drei Jahren liegen jedoch neue standardisierte Verfahren vor, die eine verlässliche Sprachentwicklungsdiagnostik bei Kindern zwischen 12 Monaten bis zum Abschluss ihres sechsten Lebensjahres erlauben. Die Mütter sollten darauf bestehen, dass diese Verfahren bei ihrem Kind Anwendung erfahren.

Diagnostische Verfahren, die dem Kinderarzt/der Kinderärztin für das Kleinkind- und Vorschulalter zur Verfügung stehen

 

  • U6 (12 Monate): Elternfragebogen (ELFRA-1), mit dem die für den Spracherwerb wirklich relevanten Vorläuferfähigkeiten sowie erste produktive und rezeptive Sprachkenntnisse abgefragt werden.
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  • U7 (24 Monate): Elternfragebogen (ELFRA-2), der den Wortschatz und erste grammatische Fähigkeiten erhebt. Mit diesem Fragebogen können Risikokinder eindeutig identifiziert werden.
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    Beide Elternfragebögen sind für die Früherkennung standardisiert und spiegeln den aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand wider. Sie sind preiswert sowie einfach und schnell anzuwenden und auszuwerten. Es ist unverständlich, warum nicht alle Kinderärzte diese Elternfragebögen einsetzen, die nachweislich einen sehr hohen Aussagewert bei einem absolut geringen Aufwand haben.
    Die Elternfragebögen sollen während der Vorsorgeuntersuchungen ausgehändigt werden und können gleich ausgefüllt werden. Sobald eine Risikodiagnose gestellt wird, sollten erste Fördermaßnahmen eingeleitet werden. Dabei wird der Mutter ein Ratgeber zur Sprachförderung ausgehändigt, der zu den Elternfragebögen gehört.

  • U8 (43. - 48. Monat): Sprachscreening für 4-jährige Kinder (SSV)
  • U9 (ab 60. Monat): Sprachscreening für 5-jährige Kinder (SSV)
  • Diese beiden Verfahren, die dazu dienen, um bei älteren Vorschulkindern eine Sprachentwicklungsstörung zu erkennen, sind ganz neu für Kinderärzte entwickelt worden. Damit ist es möglich, zu jedem Untersuchungszeitpunkt schnell und zuverlässig zu einer genauen Sprachdiagnose zu kommen.

    Sprachtherapie

    Ohne Zweifel muss vor der Therapie eine exakte und differenzierte Diagnose stehen. Deshalb sollte der Kinderarzt, wenn ein Kind beim Sprachscreening auffällig ist, eine ausführliche Diagnostik veranlassen, die Logopäden, Sprachheilpädagogen oder Psychologen vornehmen. Dafür stehen die folgenden Verfahren zur Verfügung: SETK-2; SETK 3-5. Diese Verfahren liefern qualitativ wertvolle Hinweise für das therapeutische Vorgehen. In den therapeutischen Prozess sollten die Eltern einbezogen werden. Wenn sie auch nicht die Ursache für die Sprachdefizite ihrer Kinder sind, so können sie doch lernen, sich maximal sprachfördernd zu verhalten. Ritterfeld hat hierfür das Konzept der Pragmatischen Elternpartizipation entwickelt.

    In dem Buch Störungen der Sprachentwicklung (H. Grimm, 2003) finden sich leicht lesbar alle wichtigen Erkenntnisse zu Sprachentwicklungsstörungen und deren Ursachen sowie zu neuen diagnostischen Methoden und neuen Therapieansätzen.

    Im Überblick: Sprachentwicklungsscreening in der kinderärztlichen Praxis von der U6 bis zur U9

    Die folgende Zusammenstellung zeigt, dass 4 Screeningverfahren für den Sprachbereich vorliegen, die das gesamte Vorschulalter abdecken und als Ergänzung zum Kinderuntersuchungsheft geeignet sind. Diese Verfahren wurden im Anschluss an die internationale Forschung entwickelt und sind empirisch vollständig erprobt. Sie haben sich als sensibel, sensitiv und prognostisch hoch valide erwiesen. Das gesamte Sprachscreening wurde von Hogrefe verlegt und kann dort bestellt werden (www.testzentrale.de).

    U-Untersuchung       Verfahren   Zeitlicher Aufwand U6: 12 Monate   ELFRA-1   max. 10 Min. U7: 24 Monate   ELFRA-2   max. 10 Min. U8: 4 Jahre   SSV für 4-Jährige   max. 10 Min. U9: 5 Jahre   SSV für 5-Jährige   max. 10 Min.   

     

    Kurzbeschreibungen:

    ELFRA-1: Elternfragebogen für die Früherkennung von Risikokindern für eine Sprachentwicklungsverzögerung. Der Fragebogen wird eingesetzt, wenn das Kind 12 Monate alt ist. Er wird während der Vorsorgeuntersuchung der Mutter ausgehändigt, die ihn während der Wartezeit ausfüllen kann. Die gestellten Fragen zu den für den Spracherwerb nachgewiesenen relevanten Vorausläuferfähigkeiten sind so verständlich formuliert, dass keine weiteren Erläuterungen notwendig sind.
    Die Auswertung ist sehr einfach und in wenigen Minuten durchführbar. Gemessen wird der erreichte Entwicklungsstand bei produktiven und rezeptiven sprachlichen Fähigkeiten sowie beim gestischen Verhalten und der Feinmotorik. Für diese Bereiche sind kritische Werte vorgegeben. Erreicht ein Kind diese standardisierten Normwerte nicht, wird eine Risikodiagnose gestellt. Als erste Fördermaßnahme kann der Mutter ein Elternratgeber ausgehändigt werden. In diesem Merkblatt werden gut nachvollziehbare Hinweise für Kommunikationsverhalten beschrieben, die für die Sprachentwicklung des Kindes maximal hilfreich sind.

    ELFRA-2: Dieser zweite Elternfragebogen für die Früherkennung von Risikokindern wird eingesetzt, wenn das Kind 24 Monate alt ist. Besonderer Wert wird auf den produktiven Wortschatz gelegt. Dieser erfährt bei unauffälligen Kindern einen gewaltigen Schub im Alter von 18 Monaten und leitet die komplexere grammatische Entwicklung ein. Wenn ein Kind mit 24 Monaten noch nicht den kritischen Wert von 50 produktiven Wörtern erreicht hat, ist eine Risikodiagnose zu stellen. Wie bei ELFRA-1 füllt die Mutter den Fragebogen im Wartezimmer aus. Die Auswertung ist besonders einfach. Sobald eine Risikodiagnose gestellt wird, erhält die Mutter wiederum einen Elternratgeber, in dem besonders förderliche Interaktionsstile beschrieben sind.
    Wichtig ist: Wenn ein Kind bei ELFRA-2 den kritischen Wert nicht erreicht hat und auch schon bei ELFRA-1 auffällig war, dann ist unbedingt eine weitere diagnostische Abklärung erforderlich, sodass das Kind an eine entsprechende Stelle zu überweisen ist.
    Wenn ein Kind erstmals bei ELFRA-2 eine Risikodiagnose erhält, sind die folgenden Maßnahmen indiziert: Entweder erfolgt eine weitere Abklärung mit dem SETK-2 (Sprachentwicklungstest für zweijährige Kinder) oder das Kind wird spätestens im Alter von 3 Jahren mit dem Sprachscreening für 3-jährige Kinder (SSV) untersucht. Dieses Sprachscreening fehlt in der obigen Zusammenstellung, weil zu diesem Zeitpunkt eigentlich keine U-Untersuchung vorgesehen ist. Weitere Informationen hierzu sind unter www.testzentrale.de abrufbar.

    SSV für 4-jährige Kinder: Es handelt sich hierbei um die Screeningversion des SETK 3-5 (Sprachentwicklungstest für drei- bis fünfjährige Kinder), der in der Praxis schon umfassend eingesetzt wird. Mit dem Gesamttest teilt das Screening dessen inhaltlichen und methodischen Vorteile. Die Untersuchung nimmt maximal 10 Minuten in Anspruch. Die Auswertung ist sehr einfach und nimmt nur wenige Minuten in Anspruch. Der Test besteht aus zwei Untertests, die prognostisch hoch valide Aussagen erlauben. Mit dem ersten Untertest (PGN) wird die phonologische Gedächtnisfähigkeit gemessen, die für Wortschatz und Grammatik entwicklungsbedeutsam ist. Der zweite Untertest (SG) misst den syntaktischen und morphologischen Kenntnisstand. Dieses Verfahren, das ohne aufwendiges Material auskommt, ist auch für ausländische Kinder sehr gut geeignet und läßt bei Sprachrückständen eine Entscheidung darüber zu, ob die Ursachen beim Kind selbst oder bei Umwelteinflüssen zu suchen sind.

    SSV für 5-jährige Kinder: Es handelt sich hierbei um die gleiche Screeningversion, die für Kinder im Alter von 5;0-5;11 Jahre normiert ist.
    Weitere Informationen gibt die Web-Seite des Hogrefe-Verlags (www.testzentrale.de).


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