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Bielefelder Studie räumt mit Vorurteilen auf
Das schlechte Abschneiden bei der PISA-Studie hat den Ruf nach Sprachförderprogrammen in hohem Maße verstärkt.
Dahinter steht die richtige und durch die Forschung belegte Einsicht, dass Kinder, die im Vorschulalter
Sprachdefizite aufweisen, ein hohes Risiko haben, in der Schule Leseprobleme sowie globalere
Lernschwierigkeiten auszubilden.
Der Nutzen einer frühzeitigen Sprachförderung ist wissenschaftlich unbestritten.
Denn wenn vorhandene Sprachdefizite rechtzeitig vor Schuleintritt kompensiert werden können,
reduziert sich das Risiko nachfolgender schulischer Lernprobleme ganz erheblich.
Die Eltern erwarten daher, dass ihre Kinder entsprechend gefördert bzw. therapiert werden.
Demgegenüber wird immer wieder von Seiten der Kinderärzte moniert, dass zu früh, zu oft und zu lange therapiert
werde.
Der Leiter des Kinderneurologischen Zentrums in Bonn, Hans-Georg Schlack, führt dies darauf zurück, dass, wie er sagt,
es außerordentlich schwierig sei zu diagnostizieren, wann eine normale Abweichung und wann eine krankhafte Störung vorliege.
Am Lehrstuhl für Allgemeine und Angewandte Entwicklungspsychologie hat Professorin Hannelore Grimm mit ihren Mitarbeitern
ein Sprachscreening für das Vorschulalter (SSV) entwickelt und normiert, das geeignet ist, eindeutig
zu entscheiden, ob ein Kind eine Sprachtherapie braucht oder nicht. Dieses neue Screeningverfahren kann in
10 Minuten durchgeführt werden und eignet sich somit für ein flächendeckendes Untersuchungsvorgehen, was
Hannelore Grimm am Beispiel der Stadt Bielefeld nachgewiesen hat.
Sowohl für Deutschland wie auch international erstmalig wurden die Vorschulkinder einer Stadt diagnostisch
erfasst, um herauszufinden, wie viele der Kinder sprachauffällig sind und einer Förderung bzw. Therapie
bedürfen. Bielefeld eignet sich in besonderem Maße als Modellstadt, weil neben industriellen Zentren
ländliche Gebiete vertreten sind und weil der Ausländeranteil hoch ist. Denn die Sprachkompetenz junger
ausländischer Kinder stellt ein besonders wichtiges Thema dar.
Im Februar und März 2003 wurden alle Tageseinrichtungen für Kinder in Bielefeld angerufen, deren Telefonnummer
im Vorwahlbereich von Bielefeld liegt und die nicht heilpädagogisch arbeiten. Das Interesse der Erzieherinnen
und Eltern war überwältigend groß und beweist damit deutlich, für wie wichtig das Thema Sprachentwicklung
gehalten wird.
Insgesamt haben 8 sorgfältig geschulte Studentinnen innerhalb von 6 Monaten 1490 Vorschulkinder im Alter
zwischen 4 und 6 Jahren (exakt: 4 Jahre bis 5 Jahre 11 Monate) mit dem neuen Sprachscreening untersucht.
Von diesen Kindern konnten 1395 in die endgültige Auswertung übernommen werden.
Professorin Hannelore Grimm fasst die Ergebnisse wie folgt zusammen:
Von den 1395 Kindern erwiesen sich 836 als unauffällig. Das heißt, dass sie den Sprachtest bestanden haben.
Alle anderen Kinder zeigten jedoch Sprachdefizite, sodass 59,9% der untersuchten Vorschulkinder in Bielefeld
eine normal entwickelte Sprachkompetenz zeigen, 40,1% jedoch davon abweichen.

Abbildung 1: Prozentualer Anteil von sprachunauffälligen Kindern und Kindern mit sprachlichen Defiziten in der
Gesamtstichprobe (N = 1395; 4;0 - 5;11 Jahre)
Das ist eine enorm große Zahl, die man so nicht erwartet hätte und die deshalb genauer zu durchleuchten ist.
Was steckt dahinter? Wenn man zunächst die 40,1% sprachlich auffälligen Kinder genauer differenziert, so
zeigt sich, dass davon 15,9% Defizite sowohl im syntaktischen wie auch im phonologischen Bereich zeigen.
Das sind diejenigen Kinder, wie auch in der Literatur belegt, die die tatsächliche Risikogruppe der eindeutig
sprachdefizitären Kinder darstellen. Es sind diejenigen Kinder, die mit großer Wahrscheinlichkeit später
Leseprobleme und andere schulische Schwierigkeiten ausbilden.
Demgegenüber können die Kinder, die nur in einem Bereich, also dem syntaktischen oder phonologischen, den
Kritischen Normwert nicht erreicht haben, als Verdachtskinder bezeichnet werden. Sie sollten allerdings im
weitern Entwicklungsverlauf im Blick behalten werden.
Die Gesamtgruppe der Kinder muss zweitens für ein besseres Verständnis in deutschsprachige und in
nicht-deutschsprachige Kinder aufgeteilt werden. Denn tatsächlich sind allein 25% der Kinder an der
Gesamtstichprobe nicht deutschsprachig.

Abbildung 2: Prozentualer Anteil von sprachunauffälligen Kindern und Kindern mit sprachlichen Defiziten
in der Stichprobe der deutschsprachigen Kinder (N = 1014; 4;0 - 5;11 Jahre)
Der Vergleich zwischen der Gruppe der deutschsprachigen Kinder (1014 Kinder) und der Gruppe der nicht
deutschsprachigen Kinder (347 Kinder) zeigt folgendes bedeutsames Ergebnis: Bei der ersten Gruppe sind 70,5%
der Kinder sprachlich normal entwickelt, sodass nur noch knapp 30% Auffälligkeiten zeigen. Von diesen 30%
können wiederum nur 9,7% der Kinder als echte Risikokinder identifiziert werden. Das ist ein Prozentsatz,
der mit nationalen wie internationalen Daten übereinstimmt. Bei der Gruppe der ausländischen Kinder dreht
sich dann das Blatt quasi um: Über 60% der Kinder zeigen sprachliche Auffälligkeiten, wobei der Anteil der
echten Risikokinder allein 34,5% beträgt, also mehr als dreimal so viel wie bei den deutschsprachigen
Kindern. Bedenkenswert ist, dass der Anteil sprachlich im Normbereich liegender Kinder mit 28% am niedrigsten liegt.

Abbildung 3: Prozentualer Anteil von sprachunauffälligen Kindern und Kindern mit sprachlichen Defiziten in der Stichprobe der
nicht deutschsprachigen Kinder (N = 347; 4;0 - 5;11 Jahre)
Die vorschulischen Einrichtungen, an denen die Untersuchungen erfolgt sind, unterscheiden sich z.T. ganz erheblich darin,
wie groß der Anteil nicht deutschsprachiger Kinder ist. Deshalb wurden zusätzlich die standardisierten
Sprachleistungen derjenigen Kinder verglichen, die eine Einrichtung mit niedrigem (unter 20%) bzw. hohem
(größer als 70%) Ausländeranteil besuchen.
70% der Vorschulkinder (sowohl deutsche wie ausländische Kinder) erreichen danach die kriterialen Normwerte,
wenn der Ausländeranteil sehr gering ist. Dies ist bei nur 40% der Kinder der Fall, wenn der Ausländeranteil
extrem hoch ist. Sehr wichtig bleibt dabei zu beachten, dass die beobachteten Unterschiede in den
Sprachleistungen bei den ausländischen Kindern sehr viel deutlicher als bei den deutschen Kindern ausgeprägt
sind. Oder anders formuliert: Ausländische Kinder, die eine Einrichtung mit geringem Ausländeranteil besuchen,
haben geringere Sprachprobleme als ausländische Kinder in Einrichtungen mit hohem Ausländeranteil. Dabei sind
die Sprachprobleme im syntaktischen Bereich sehr viel ausgeprägter als im phonologischen, wobei die
syntaktischen Probleme sehr eng mit Wortschatzproblemen zusammenhängen.
Da sich bei deutschsprachigen Kindern keine signifikanten Leistungsunterschiede in den verschiedenen
Einrichtrungen zeigen, kann geschlossen werden, dass die Sprachentwicklung der deutschsprachigen Kinder auch
bei hohem Ausländeranteil nicht negativ beeinflusst wird. Damit dürfte ein wichtiges Vorurteil ausgeräumt sein.
Bei allen unseren Vergleichen konnten keine bedeutsamen Unterschiede zwischen den Sprachfähigkeiten von
Mädchen und Jungen gefunden werden. Auch dieses Vorurteil, dass Mädchen eine höhere Sprachkompetenz als
Jungen haben, sollte damit endgültig vom Tisch sein. Tatsächlich zeigen sich zwar bei sehr kleinen Kindern
geschlechtsspezifische Unterschiede, die aber im dritten Lebensjahr nicht mehr nachweisbar sind.
Welche Konsequenzen sind aus diesen Befunden zu ziehen?
Die erste Konsequenz muss sein, dass sprachdiagnostische Untersuchungen in vorschulischen Einrichtungen zum
Regelfall werden, um betroffene Kinder zu identifizieren. Ohne eine zuverlässige und aussagefähige Diagnose
kann keine begründete therapeutische Entscheidung fallen.
Die zweite Konsequenz ist, dass auf die Tatsache reagiert werden muss, dass immerhin fast 10% der
deutschsprachigen Kinder keine normal entwickelte Sprachkompetenz aufweisen. Diese Kinder müssen logopädisch
oder sprachheilpädagogisch behandelt werden.
Die dritte Konsequenz ist, dass darauf zu reagieren ist, dass sehr viele Ausländerkinder die deutsche Sprache
nur sehr unzureichend beherrschen. Mit Förderprogrammen muss erreicht werden, dass diese Kinder sprachlich
aufholen können, damit sie bei der Einschulung fit für das Lernen sind.