ORDEX

Aktuelles

Wir möchten alle Interessierten herzlich zur Vortragsreihe "Organisation, Dauer und Eigendynamik von Gewalt" einladen. Sie startet im Sommersemester 2018 mit vier Vorträgen:

Mittwoch, 30.05.2018, 16-18h, Raum X-E1-232:
Die Kurzsichtigkeit der mikrosoziologischen Gewaltforschung
Chris Schattka (Universität Bielefeld/ORDEX)

In der soziologischen Gewaltforschung hat sich ein mikrosoziologischer Ansatz etabliert, mit dem die Situationen analysiert werden, in denen Gewalt ausgeübt wird. Im Vortrag wird diesem Ansatz – der maßgeblich von Randall Collins inspiriert ist – eine Kurzsichtigkeit attestiert, die dazu führt, dass Veränderungen in den Gewaltsituationen keine große Beachtung finden, obwohl sie gewinnbringend in die Analyse eingebaut werden könnten. Um diese Kurzsichtigkeit zu bearbeiten, werden im Vortrag die Grundzüge einer rahmenanalytischen Erweiterung vorgestellt.

Mittwoch, 13.06.2018, 16-18h, Raum X-E1-232:
Demütigung und symbolische Gewalt
Rainer Schützeichel/Youssef Ibrahim (Universität Bielefeld)

Der Vortrag wird sich mit den konzeptionell und theoretisch wie empirisch bisher in der Soziologie kaum analysierten wie reflektierten sozialen Prozessen der Demütigung, Entehrung oder Entwürdigung auseinandersetzen. Zunächst wird die Frage thematisiert, wie sich Demütigungen in sozialen Prozessen selbst herstellen. Was sind die sozialen Bedingungen von Demütigungen und welche sozialen Dynamiken lassen sich unterscheiden? Im zweiten Teil des Vortrags gehen wir auf empirische Untersuchungen ein und stellen am Beispiel von polizeilichen Demütigungssituationen gewisse Grundmuster dar.

Mittwoch, 27.06.2018, 16-18h, Raum X-E1-107:
Gewalt als Legitimationsproblem
Tobias Werron (Universität Bielefeld)

Nimmt die Gewalt in der Moderne ab oder zu? In der Literatur stehen sich zwei Lager mehr oder weniger unversöhnlich gegenüber: Eine optimistische Position, die Gewalthandeln als immer seltenere Abweichung oder Anomalie begreift; und eine pessimistische Gegenposition, die annimmt, dass dem Ideal der Gewaltlosigkeit die menschliche Natur selbst im Wege steht. Der Vortrag schlägt eine dritte Alternative vor: Statt über Modernisierungseffekte oder anthropologische Konstanten zu spekulieren, sollten wir versuchen, die sozialen Konstellationen präzise zu analysieren, in denen Gewalthandeln möglich und wahrscheinlich werden kann. Dann wird die empirische Beobachtung wichtig, dass private und staatliche Konfliktakteure seit dem 19. Jahrhundert zunehmend mit der Erwartung konfrontiert werden, auf Gewalt möglichst zu verzichten. Das führt nicht zwingend zum Rückgang von Gewalt, wie die Modernisierungsoptimisten meinen. Aber es stellt Gewalt vor ein Legitimationsproblem: Es macht Gewalthandeln zu einer Option, die mit der ablehnenden Beobachtung durch Dritte und also mit Legitimitätsverlusten rechnen muss, zugleich aber auch mit Aufmerksamkeitsgewinnen rechnen kann. Der Vortrag diskutiert theoretische Prämissen dieser These und erläutert sie an ausgewählten Beispielen.

Mittwoch, 11.07.2018, 16-18h, Raum X-E0-220:
Techniken der Situationskontrolle - das Massaker von Srebrenica
Tabea Koepp (Universität Bielefeld/ORDEX)

In der Auseinandersetzung mit gewaltgezeichneten Situationen fällt auf, dass in einer Vielzahl von Fällen große Gefangenengruppen von bewaffneten Minderheiten kontrolliert werden. Die Tatsache, dass es einzelnen Täter*innen möglich ist, zahlenmäßig weit überlegene Gefangenengruppen zu internieren, zu deportieren und zu exekutieren, wird bisher von der soziologisch inspirierten Gewaltforschung entweder gar nicht erst hinterfragt, oder auf die Bewaffnung der dominierenden Partei zurückgeführt. In diesem Vortrag wird ein genauerer Blick auf die Frage geworfen, wie solche asymmetrischen Konfrontationssituationen eigentlich von der gewaltausübenden Partei kontrolliert werden. Am Fall des Massakers von Srebrenica werden insgesamt fünf „Techniken der Situationskontrolle“ vorgestellt, mithilfe derer – so die These – die Soldaten emotionale Dominanz über die Gefangenengruppe erzeugen und so die Situation über Tage hinweg bis zur Exekution der Gefangenen unter Kontrolle halten.

Ziel der Vortragsreihe ist es, Ergebnisse aus der ORDEX-Forschungsgruppe vorzustellen und den Austausch des Projekts mit anderen Wissenschaftler*innen zu fördern. Dafür haben wir gezielt ein statusübergreifendes Format gewählt, das - angelehnt an die Struktur der Forschungsgruppe - neben Professor*innen und Promovierenden auch Studierende mit Vorträgen zu Wort kommen lässt.

Es ist geplant, die Vortragsreihe im Wintersemester 2018/2019 fortzuführen. Insbesondere Studierende sind herzlich eingeladen, sich bei uns mit einer Vortragsidee unter ordex@uni-bielefeld.de zu melden.

 

Forschungsprogramm

Die Forschungsgruppe ORDEX untersucht, wie soziale Situationen entstehen, in denen kontinuierlich oder immer wieder aufs Neue Gewalt stattfindet. Sie besteht seit Dezember 2015 und setzt sich aus Nachwuchswissenschaftler*innen verschiedener Universitäten zusammen. ORDEX steht für das Forschungsinteresse an der ORganisation, Dauer und Eigendynamik von Situationen, in denen Gewalt stattfindet. Das X markiert stellvertretend die diversen Fälle gewaltgezeichneter Situationen, auf die sich das Augenmerk richtet.

Die Forschungsgruppe arbeitet primär mit und an mikro- und organisationssoziologisch orientierten Perspektiven. Die Forschungsarbeit ist sowohl von situationistischen Studien und Theorien kollektiver Gewalt inspiriert als auch von Studien und Theorien, die transsituative Formen sozialer Ordnung für die Analyse fruchtbar machen. Methodologisch geht die Forschungsgruppe in erster Linie fall- und prozessorientiert vor und nutzt interpretative und rekonstruktive Methoden der Datengewinnung und Auswertung. Ein weiterer Schwerpunkt der gemeinsamen Arbeit liegt auf der Entwicklung der Methode zur sequenziellen Ereignisrekonstruktion (SeqER), mit der bereits u.a. die Anschläge durch Dschihadisten in Paris am 13. November 2015 und die Massenerschießungen durch deutsche Ordnungspolizisten in Józefów am 13. Juli 1942 rekonstruiert wurden. 

 

Kontakt

E-Mail: ordex@uni-bielefeld.de

 

Mitglieder

Braunsmann, Katharina, *1993, studiert Soziologie im Master an der Universität Bielefeld und ist dort als Wissenschaftliche Hilfskraft am Arbeitsbereich Soziologische Theorie der Fakultät für Soziologie tätig. Ihre Interessensschwerpunkte umfassen neben der Organisationssoziologie, der Geschlechtersoziologie und der visuellen Soziologie vor allem die Soziologie der Gewalt und die Mediensoziologie. katharina.braunsmann@uni-bielefeld.de

Aktuelle Publikation
Arbeit und Gewalt (zusammen mit Thomas Hoebel, Andreas Braun, Fabian Klisch und Kathrin Wagner). In: Günther Vedder & Henry Johns (Hrsg.), Organisation von Arbeit und berufsbegleitendem Lernen. München; Mering: Hampp, 2018. Im Erscheinen.

Dratwa, Bastien, *1992, studiert Internationale Kriminologie im Master an der Universität Hamburg und arbeitet als Studentische Hilfskraft an der Professur für Soziologie der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg. Seinen Bachelor für Soziologie hat er an der Universität Bielefeld erworben. Thematisch interessieren ihn vor allem Geschichte und Theorie der Kriminologie sowie die sozialwissenschaftliche Erforschung von Städten unter besonderer Berücksichtigung von qualitativen Methoden der empirischen Sozialforschung. bastien.dratwa@gmx.de

Fiegenbaum, Laura, *1994, studiert Soziologie im Master an der Universität Bielefeld und ist dort Peer-Tutorin im Projekt Peer Learning im Zentrum für Lehren und Lernen (ZLL). Neben dem Interesse an Gewalt- und Organisationssoziologie befasst sie sich mit interaktions-, gruppen- und professionssoziologischen Phänomenen, die sie mit Methoden der qualitativen Forschung beobachtet und untersucht. laura.fiegenbaum@uni-bielefeld.de

Aktuelle Publikationen
Theoretische und methodische Problemstellungen soziologischer Prozessforschung (zusammen mit Tabea Koepp). Veranstaltungsbericht. In: Soziopolis. Gesellschaft beobachten, 2017 (externer Link).

Ordnung der sozialen Umordnung. Eine Zugfahrtgeschichte. In: sozusagen. Bielefelder Studierendenmagazin. Ausgabe Wintersemester 2015/16, 2016.

Hauffe, Tobias (externer Link)

Hoebel, Thomas, *1981, ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Interdisziplinäre Arbeitswissenschaft an der Leibniz Universität Hannover. Seine Interessenschwerpunkte umfassen die Organisationssoziologie, die Soziologie der Gewalt und die Methodologien qualitativer Sozialforschung. thomas.hoebel@wa.uni-hannover.de

Aktuelle Publikationen (Auswahl)
Dynamiken soziologischer Gewaltforschung (zusammen mit Tobias Hauffe). Soziologische Revue 40, 2017: 369–384 .

Organisierte Plötzlichkeit. Eine prozesssoziologische Erklärung antisymmetrischer Gewaltsituationen. Zeitschrift für Soziologie 43, 2014: 441–457.

Klisch, Fabian, *1989, studiert Soziologie im Master an der Universität Bielefeld mit den Schwerpunkten Organisation und Methoden. Seine Interessensschwerpunkte liegen in der Organisations- und Arbeitssoziologie und auf der Soziologie der Gewalt. fabian.klisch@uni-bielefeld.de

Aktuelle Publikation
Arbeit und Gewalt (zusammen mit Thomas Hoebel, Andreas Braun, Katharina Braunsmann und Kathrin Wagner). In: Günther Vedder & Henry Johns (Hrsg.), Organisation von Arbeit und berufsbegleitendem Lernen. München; Mering: Hampp, 2018. Im Erscheinen.

Koepp, Tabea, *1988, ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Organisationssoziologie an der Universität Bielefeld und arbeitet als Consultant bei der  Organisationsberatung Metaplan in Hamburg. Ihre Forschungsinteressen umfassen neben der Organisationstheorie insbesondere mikrosoziologische und prozesssoziologische Zugänge der Gewaltforschung. Weitere Interessen betreffen die Schnittstelle von Interaktionssoziologie und Organisationssoziologie sowie die Methoden qualitativer Sozialforschung. tabea.koepp@uni-bielefeld.de

Aktuelle Publikationen
Theoretische und methodische Problemstellungen soziologischer Prozessforschung (zusammen mit Laura Fiegenbaum). Veranstaltungsbericht. In: Soziopolis. Gesellschaft beobachten, 2017 (externer Link).

Flucht und Organisation. Ein Gespräch mit Veronika Tacke über Formalitätskrisen, Krisenstäbe und neue Chefs. In: Soziopolis. Gesellschaft beobachten, 2016 (externer Link).

Kordges, Konstantin, *1993, studiert Soziologie im Master an der Universität Bielefeld. Seine Forschungsinteressen beinhalten neben Politischer Soziologie und Organisationssoziologie hauptsächlich mikrosoziologische Zugänge der Gewaltforschung. konstantin.kordges@uni-bielefeld.de

Schattka, Chris, *1988, ist Wissenschaftliche Hilfskraft an der Leibniz Universität Hannover und arbeitet hier im Modul "Situationsanalysen" des Forschungsnetzwerks "Mapping #NoG20". Er studiert Soziologie im Master an der Universität Bielefeld. Seine Interessenschwerpunkte umfassen die Politische Soziologie, die Organisationssoziologie und die Soziologie der Gewalt. chris.schattka@uni-bielefeld.de

Aktuelle Publikationen
Die (In-)Transparenz der Piratenfraktion. Über die Folgen öffentlicher Fraktionssitzungen. 360° - Das studentische Journal für Politik und Gesellschaft 10, 2015: 61-69.

"Wir sahen überall Feinde". Die paranoide Selbstzerstörung der Roten Khmer. Soziologiemagazin 9, 2016: 81-95. 

Wagner, Kathrin, *1991, ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für islamische Theologie der Universität Osnabrück. Dort ist sie im Verbundprojekt "Mapping und Analyse von Präventions- und Distanzierungsprojekten im Umgang mit islamistischer Radikalisierung" (MAPEX) tätig. Sie hat Soziologie an der Universität Bielefeld studiert und und war dort von Dezember 2015 bis Juni 2017 als Wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für interdisziplinäre Konflikt und Gewaltforschung (IKG) beschäftigt (Projekt "Soziologische Analyse des bewegungsförmigen Rechtsextremismus"). kathrin.wagner@uni-osnabrueck.de

Aktuelle Publikation
Arbeit und Gewalt (zusammen mit Thomas Hoebel, Andreas Braun, Katharina Braunsmann und Fabian Klisch). In: Günther Vedder & Henry Johns (Hrsg.), Organisation von Arbeit und berufsbegleitendem Lernen. München; Mering: Hampp, 2018. Im Erscheinen.