Fakultät für
Soziologie

Fallstudien schreiben

Fallstudien sind ein fester Bestandteil soziologischen Forschens. Es handelt sich um eine Forschungsstrategie, die sich primär an den Standards qualitativer Sozialforschung orientiert und dazu dient, einen möglichst multiperspektivischen Blick auf einen "Fall" zu werfen. Ziel ist es, diesen Fall in seinen Eigenarten zu verstehen und ggf. zu erklären. Dafür kann man sich ganz unterschiedlicher Methoden bedienen: von teilnehmender Beobachtung über Experteninterviews hin zu Artefaktanalysen. Viele weitere Methoden sind denkbar. Der Fall muss dabei nicht zwingend eine Entscheidungssituation sein, sondern kann auch eine Organisation als Ganzes, eine Person, ein besonderes Ereignis u.v.m. sein.

 

Zweischrittige Umsetzung

Die konkrete Umsetzung einer Fallstudien ist im Grunde zweischrittig. Dabei lohnt es sich, einen Vortrag von Niklas Luhmann unter dem Titel "Was ist der Fall und was steckt dahinter?" im Hinterkopf zu haben. Luhmann zielt hier zwar nicht auf die Methodik von Fallstudien ab. Der Titel wirft jedoch Licht auf die typische Vorgehensweise bei Fallstudien:

  • Erster Schritt ist die Fallkonstruktion: Was ist der Fall?
  • Zweiter Schritt ist die Deutung und/oder Erklärung des zuvor konstruierten Fall mit "Theoriebezug" (siehe dazu den weiter unten genannten Text von Pflueger u.a.): Was steckt dahinter?

In formaler Hinsicht orientiert sich eine Fallstudie, die Sie während Ihres Studiums schreiben, an konventionellen Formaten von Qualifizierungsarbeiten:

  • Die Einleitung dient dazu, die Erwartungen zu klären, die eine Leserschaft haben darf (Problemstellung, Vorgehensweise) .
  • Das Fazit fasst die Ergebnisse der Fallstudie zusammen, wirft aber inhaltlich keinen neuen Punkt mehr auf (Ausnahme: weitere Forschungsoptionen, die sich aus der Studie ergeben).
  • Der Umfang hängt von der wissenschaftlichen Fragestellung ab, die Sie mit der Fallstudie verfolgen.

Um sich vertiefender mit dem Schreiben von Fallstudien zu beschäftigen, lesen Sie idealerweise hier weiter. Die Reihenfolge ist dabei Ihnen überlassen.

Flyvbjerg, B., 2006: Five Misunderstandings About Case-Study Research. Qualitative Inquiry 12: 219–245.

Hartley, J., 2004: Case Study Research. S. 323-333 in: C. Cassell & G. Symon (Hrsg.), Essential Guide to Qualitative Methods in Organizational Research. London; Thousand Oaks: Sage.

Pflüger, J., H.J. Pongratz & R. Trinczek, 2010: Methodische Herausforderungen arbeits- und industriesoziologischer Fallstudienforschung. Arbeits- und Industriesoziologische Studien 3: 5–13 – hier vor allem die Abschnitte 2 und 3.

Ragin, C.C., 1992: Introduction: Cases of „What is a case?“ S. 1–17 in: C.C. Ragin & H.S. Becker (Hrsg.), What is a Case? Exploring the Foundations of Social Inquiry. Cambridge; New York: Cambridge University Press.

Thomas, G., 2011: What is a Case Study? S. 3–24 in: How To Do Your Case Study: A Guide for Students and Researchers. Los Angeles: Sage.

 

Klassiker

Die Organisationssoziologie ist gerade in ihren Anfangsjahren – primär in den 1940er und 1950er Jahren - stark durch Fallstudien geprägt. Sie dienten dazu, allgemeine Theorien der Organisation und des Organisierens zu nutzen, um empirische Sachverhalte zu erklären. Gleichzeitig führten die betreffenden Fallstudien zu theoretischen Weiterentwicklungen. Berühmte Beispiele sind:

  • Philip Selznick über die Tennessee Valley Authority (TVA): Selznick, P., 1949: TVA and the Grass Roots: A Study of Politics and Organization. New York: Harper & Row.
  • Alvin Gouldner über eine Gipsfabrik mit angeschlossener Mine: Gouldner, A.W., 1954: Patterns of Industrial Bureaucracy. A Case Study of Modern Factory Administration. New York: Free Press.
  • Seymor M. Lipset u.a. über eine US-amerikanische Gewerkschaft der Drucker, die International Typographical Union (ITU): Lipset, S.M., M. Trow & J.S. Coleman, 1956: Union Democracy. The Internal Politics of the International Typographical Union. Garden City: Anchor Books.

 

Vorsicht, Verwechslungsgefahr!

Verwechseln Sie Fallstudien als soziologische Forschungsstrategie bitte nicht mit einem Texttyp, der ebenfalls als Fallstudie bezeichnet wird, jedoch primär managementorientiert und aus der Perspektive einer Führungskraft geschrieben ist. Diese Case Studies sind vor allem ein organisationswissenschaftliches Handwerkszeug, um Führungskräfte zu beraten, und dienen nicht in erster Linie dazu, Organisationen und Prozesse des Organisierens zu erforschen. Ihre Autorinnen und Autoren arbeiten vielmehr heraus, welche Optionen Führungskräfte in eine konkreten Entscheidungssituationen haben, die hier als Fälle fungiert. Typisch sind Case Studies, die z.B. im Kontext der Harvard Business School geschrieben und veröffentlicht werden. Das Handelsblatt hat dazu mal direkt in Harvard nachgefragt: externer Link.