Fakultät für
Soziologie

Fragestellung formulieren

Das Studium der Soziologie ist in einem zentralen Punkt besonders anspruchsvoll. In der Regel erwarten Lehrende von Studierenden, die eine Seminar- oder Abschlussarbeit schreiben möchten, dass sie eigenständig eine Fragestellung vorschlagen, die sie bearbeiten möchten. „Den Haken setzen!“ nennen die Herausgeber des Academy of Management Journal diese Herausforderung, die sich beim  wissenschaftlichen Arbeiten immer wieder stellt (Grant und Pollock 2011). „Das Herz jeder guten Arbeit ist ein Rätsel und eine gute Idee, um es zu lösen“, leitet Andrew Abbott (2004) sein Buch Methods of Discovery ein. Er erläutert eindrücklich, wie man eigentlich Sozialwissenschaften 'macht‘.

 

Der Unterschied von Thema, wissenschaftlicher Fragestellung und Forschungsfragen

Um zu einer soziologischen Fragestellung zu gelangen, die Sie beim Forschen und Schreiben orientiert und motiviert, empfehlen wir, sich zunächst einmal den Unterschied zwischen Thema, wissenschaftlicher Fragestellung und Forschungsfragen bewusst zu machen (Ebster & Stalzer 2008: 40).

  • Das Thema ist eine vergleichsweise allgemeine Beschreibung Ihres Untersuchungsgegenstands. Es hat seinen Platz in der Regel auf dem Deckblatt oder im Titel Ihres Texts.
  • Die wissenschaftliche Fragestellung ist – in den Worten Abbotts – das Rätsel, das Ihren Untersuchungsgegenstand kennzeichnet. Kurz: Was möchten Sie herausfinden? Sie erläutern dieses Rätsel in der Regel in der Einleitung Ihre Texts. Nutzen Sie dafür ruhig die Formulierung „Ich möchte herausfinden, wie/was/wieso/weshalb/warum …“.
  • Forschungsfragen zielen auf die Aspekte Ihres Untersuchungsgegenstands ab, die Sie wissen und ihrem Publikum erörtern müssen, um das Rätsel, das Sie sich stellen, bearbeiten zu können und Ihre Schlussfolgerungen nachvollziehbar darzulegen. In der Regel erläutern Sie dieses Wissen Schritt für Schritt in Ihrem Text. So stellt die Beantwortung der Forschungsfragen im Grunde die Bearbeitung Ihres Rätsels dar. Nennen Sie diese Fragen ruhig auch schon in der Einleitung, nachdem Sie Ihr Rätsel („ich möchte herausfinden…“) vorgestellt haben.

Die berühmte ‚Gewindebohrerstudie‘ von Joseph Bensman und Israel Gerver (1973; Kühl 2015) ist ein gutes Beispiel, um den Unterschied zwischen Thema, wissenschaftlicher Fragestellung und Forschungsfragen zu verstehen. Das Thema der Fallstudie ist die Informalität in Industriebetrieben und ihre Funktion, um geforderte Aufgaben zu erfüllen. Das zentrale Rätsel ist, warum die Monteure eines großen Flugzeugwerks fortlaufend ein Werkzeug – den berühmten Gewindebohrer – einsetzen, obwohl es offiziell verboten ist, sie bei Zuwiderhandeln mit Strafen rechnen müssen und der Einsatz obendrein die Flugsicherheit gefährdet. Um das Rätsel zu bearbeiten, stellen sich diverse Forschungsfragen: Wie viele Monteure nutzen den Gewindebohrer? Wer ist dabei anwesend? Wo wird das Werkzeug aufbewahrt? Welche Strafen existieren, wenn ein Monteur erwischt wird? Und so weiter und so fort. Man könnte das jeweilige Set an Forschungsfragen daher auch die Operationalisierung einer Studie nennen.

Insbesondere Studierende, die noch relativ frisch immatrikuliert sind, neigen dazu, nur ein Thema, aber keine Fragestellung zu bearbeiten. Das ist dann oft verbunden mit zwei zusätzlichen Fehlern: Zum einen behandeln sie das Thema mit dem erstbesten Material, das ihnen in die Hände fällt. Sie prüfen nicht ausreichend , ob es einen fachlichen Leitfaden gibt, welches Material für sie relevant sein könnte (Abbott 2010: 28). Zum anderen setzen sich die Studierenden unter Druck, das gewählte Thema möglichst vollständig zu behandeln, legen dann aber zu viele inhaltliche Fäden aus, um sie im Fazit des Texts noch sinnvoll verknüpfen zu können. Unsere Empfehlung ist: Beschränken Sie sich! Sie beugen damit Schreibtischfrust und Schreibblockaden vor. 

 

Rätsel entdecken

Fest steht: Studieren und Forschen brauchen ein gehöriges Maß an Inspiration. Man muss jedoch kein Genie sein. Denn es gibt diverse pragmatische Wege, um die nötige Inspiration für soziologische Rätsel zu finden sowie für geeignete Ausgangspunkte , um sie zu bearbeiten. Drei Vorschläge:

  1. Sie nutzen Ihre eigenen Beobachtungen „auf der Straße“ – was natürlich die Straßenbahn, das Uniseminar, die Kneipe, den eigenen Arbeitsplatz. etc. einschließt (Hoebel 2012). Schauen Sie sich um! Das ist im Grunde die beste Strategie, um seine soziologische Vorstellungskraft zu kultivieren (Sztompka 2008: 24).
  2. Sie lesen problemzentriert die in Seminaren besprochene Fachliteratur, die tägliche Zeitung, wöchentliche Magazine oder den investigativen Blog Ihrer Wahl. Problemzentriert heißt dabei, dass Sie ein Argument, die Datengrundlage der Autorinnen und Autoren oder das verwendete theoretische Konzept hinterfragen. Was finden Sie überraschend, erstaunlich, widersprüchlich, ungerechtfertigt oder unverständlich? Machen Sie Ihren eigenen ‚Widerstand‘ gegenüber dem Gelesenen zu einem möglichen Startpunkt für eine eigene Arbeit zu dem jeweiligen Thema.
  3. Sie folgen ebenfalls problemzentriert der hoffentlich angeregten Diskussion in den Seminaren, die Sie besuchen. Achten Sie darauf, welche Fragen in der Diskussion auftauchen, welche Probleme die Lehrperson aufwirft und welche Vorschläge in den Raum geworfen werden, um einen besprochenen Aspekt vertiefender zu behandeln, besser zu verstehen oder schlüssig zu erklären. Interessiert Sie eine solche Anregung, gehen Sie diesem Interesse doch einfach nach!

Alle drei Vorschläge basieren auf dem Grundgedanken, sich bestmöglich in einen ‚Modus des Erstaunens‘ zu versetzen, wenn Ihnen etwas passiert, Sie über etwas lesen und von etwas hören. „Die Fähigkeit des Erstaunens über den Gang der Welt“, so betonte bereits Max Weber (1998: 221), „ist Voraussetzung der Möglichkeit des Fragens nach ihrem Sinn“. Oftmals wird Ihnen ein Ereignis, ein Vorgang oder ein Sachverhalt als selbstverständlich präsentiert oder das betreffenden Geschehen Ihnen selbst ganz gewöhnlich vor. Im ‚Modus des Erstaunens‘ gehen Sie anders an die Sache heran, nämlich hinterfragend. Sie problematisieren dann z.B., (a) wie und warum etwas passiert ist, (b) warum es (scheinbar) selbstverständlich ist, dass etwas geschieht, oder (c) welche Folgen es hat, dass etwas immer wieder oder in ähnlicher Weise passiert. Anhand dieser Fragen sind Sie bereits mittendrin, die entsprechenden Ereignisse, Vorgänge und Sachverhalte soziologisch zu reflektieren und soziologische Fragestellungen zu entwerfen.

 

Sieben W-Fragen

Vorsicht! Eigene Beobachtungen, Lektüren und Seminardiskussionen bieten erst einmal ‚nur‘ gute Ausgangspunkte für eine eigene wissenschaftliche Arbeit. Sie sind noch nicht der Haken selbst. In der Regel müssen Sie die Anregungen zunächst in die Form einer Frage oder einer These zu Ihrem Untersuchungsgebiet bringen, die Sie bearbeiten oder begründen möchten. Sieben W-Fragen können Ihnen helfen, den Haken zu setzen (Esselborn-Krumbiegel 2008: 64-66; leicht modifiziert):

  1. Was will ich herausfinden?
  2. Welche Unterfragen könnte ich stellen?
  3. In wie weit ist meine Fragestellung anderen Fragestellungen meinem Untersuchungsgebiet  ähnlich, in wie weit ähnelt sich meine These anderen Thesen?
  4. Worin unterscheidet sich meine Fragestellungen von ähnlichen Zugängen zu meinem Untersuchungsgebiet, worin unterscheidet sich meine These von anderen Thesen?
  5. Was könnte sich an meiner Fragestellung oder These noch ändern, wenn ich erst einmal begonnen habe, sie zu bearbeiten bzw. zu begründen?
  6. Was soll an meiner Fragestellung oder These unbedingt so bleiben?
  7. Welchen Platz hat meine Fragestellung oder These ungefähr in der Forschungslandschaft? (Studieren Sie Bachelor? Dann kümmern Sie sich nicht allzu sehr um die siebte Frage. Sie wird erst ab dem Masterstudium bedeutsamer.)

Nehmen Sie sich dabei auf jeden Fall die Freiheit, nur ein Detail des angeregten Themas zu bearbeiten, wie Judith Wolfsberger es in ihrem Ratgeber „Frei geschrieben“ ausdrückt. Sie empfiehlt die Methode des Freewriting von Peter Elbow (1989, 1998), um dieses Detail zu fassen bekommen und alle Energie auf eine Frage zu fokussieren. Mit dieser Methode schreiben Sie einfach drauf los und gestatten sich, erst einmal ‚schmutzige‘ Textfassungen zu produzieren.

 

Gütekriterien einer bearbeitbaren Fragestellung

Woran Sie schließlich erkennen, dass Sie eine bearbeitbare wissenschaftliche Fragestellung haben? Idealerweise sind Sie der Meinung, dass Ihre Frage keinem oder nur wenigen dieser zehn Punkte widerspricht (Wolfsberger 2009: 83-84; leicht modifiziert): Ihre Fragestellung

  • ist für Sie als Schreibende bzw. als Schreibenden interessant.
  • ist in dem fachlichen Kontext, in dem die Arbeit angesiedelt werden soll, relevant.
  • ist aus eigenen Beobachtungen über einen auffälligen Sachverhalt, über ein fachliches Problem, einen Widerspruch oder eine Forschungslücke entstanden.
  • ermöglicht es Ihnen, ein Argument zu entwickeln.
  • ermöglicht es Ihnen, abschließende Schlussfolgerungen anzustellen.
  • hat die Form einer direkten Frage oder einer Behauptung, die Sie belegen können.
  • beinhaltet eine klare Hauptfrage und nur wenn unbedingt nötig Nebenfragen.
  • ist präzise formuliert.
  • ist kurz (Daumenregel: maximal fünf Zeilen).
  • wird in der Einleitung vorgestellt und bildet die Basis dafür, wie Sie Ihren Text gliedern.

 

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Freewriting? Gute Idee! Externer Link

 

Verwendete Literatur

Abbott, A., 2004: Methods of Discovery. Heuristics for the Social Sciences. New York: W.W. Norton.

Abbott, A., 2010: Varianten der Unwissenheit. S. 15–33 in: D. Gugerli, M. Hagner, P. Sarasin & J. Tanner (Hrsg.), Nach Feierabend: Universität. Zürcher Jahrbuch für Wissensgeschichte, Bd. 6. Zürich: diaphanes.

Bensman, J. & I. Gerver, 1973: Vergehen und Bestrafung in der Fabrik: Die Funktion abweichenden Verhaltens für die Aufrechterhaltung des Sozialsystems. S. 126–138 in: H. Steinert (Hrsg.), Symbolische Interaktion. Arbeiten zu einer reflexiven Soziologie. Stuttgart: Klett.

Ebster, C. & L. Stalzer, 2008: Wissenschaftliches Arbeiten für Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler. Wien: Facultas-WUV.

Elbow, P., 1989: Toward a Phenomenology of Freewriting. Journal of Basic Writing 8: 42–71.

Elbow, P., 1998: Writing without Teachers. New York: Oxford University Press.

Esselborn-Krumbiegel, H., 2008: Von der Idee zum Text. Paderborn; München; Wien; Zürich: Schöningh.

Grant, A.M. & T.G. Pollock, 2011: Setting the Hook. Publishing in AMJ--Part 3. Academy of Management Journal 54: 873–879.

Hoebel, T., 2012: Die Themen liegen auf der Straße. Doch wie sammelt man sie ein? Sozusagen (Sommersemester 2012): 38-39. PDF

Kühl, S., 2015: Rezension: Bensman, Joseph/Gerver, Israel (1963): Crime and Punishment in the Factory. S. 85–88 in: S. Kühl (Hrsg.), Schlüsselwerke der Organisationsforschung. Wiesbaden: Springer VS.

Sztompka, P., 2008: The Focus on Everyday Life. A New Turn in Sociology. European Review 16: 23–37.

Weber, M., 1998: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. Bd. 3. Tübingen: Mohr Siebeck.

Wolfsberger, J., 2009: Frei geschrieben: Mut, Freiheit und Strategie für wissenschaftliche Abschlussarbeiten. Wien; Köln; Weimar: Böhlau.