Fakultät für
Soziologie

Publikationsorientierte Vermittlung von Schreibkompetenzen

Glaubt man den entsprechenden Beschreibungen aus den Massenuniversitäten, dann besteht die Rückmeldung zu dem Text eines Studierenden nicht selten einzig und allein in der Mitteilung einer Note. Früher mussten sich die Studierenden die Noten noch in der Form eines Scheins in den Sekretariaten der Lehrenden abholen und bekamen so wenigstens die schriftlichen Kommentare der Lehrenden zu den Arbeiten mitgegeben. Mit der Durchsetzung der Campus-Management-Systeme an den Universitäten und Fachhochschulen ist häufig noch nicht einmal mehr das nötig, weil die Note von den Dozenten nur noch elektronisch eingestellt werden muss und über die Note hinausgehende inhaltliche Rückmeldungen nicht mehr erforderlich sind. Diese für die Lehrenden und Studierenden interaktionsschonende Variante mag in den meisten Studiengängen die Ausnahme sein, aber es besteht kaum ein Zweifel, dass es an Bemühungen mangelt, die Studierenden zum Schreiben anzuregen.

Die fehlende Schreibkompetenz der Studierenden ist nicht nur deswegen ein Problem, weil Studierende nicht in der Lage sind, sich in den wichtigsten wissenschaftlichen Kommunikationsmedien auszudrücken, sondern besonders deswegen, weil dadurch die Leistungsentwicklung von Studierenden generell behindert wird. ...

Der Grundgedanke des Konzeptes der publikationsorientierten Vermittlung von Schreibkompetenzen ist es, Studierende systematisch an den wissenschaftlichen Publikationsprozess heranzuführen. Zentral ist dabei, dass die an wissenschaftlichen Publikationen orientierte Vermittlung von Schreibkompetenzen kein „Eliteförderungsprogramm“ für einige besonders begabte und fleißige Studierende ist. ... Bei dem hier vorgestellten Konzept der publikationsorientierten Vermittlung von Schreibkompetenzen geht es vielmehr darum, dass sich möglichst alle Studierenden eines Seminars oder einer Lehrforschung beim Schreiben von Texten am wissenschaftlichen Publikationsprozess orientieren. Es kommt in dem Konzept – und das soll ausdrücklich hervorgehoben werden – nicht darauf an, dass auch nur jeder fünfte oder zehnte Studierende eines Studiengangs einen wissenschaftlichen Fachartikel in einer Zeitschrift oder einem Sammelband publiziert. Zentral ist vielmehr, dass jede schriftliche Arbeit eines Studierenden sich am wissenschaftlichen Publikationsprozess orientiert – unabhängig davon, ob ein Text am Ende publiziert wird oder nicht.

Das Grundprinzip des Konzeptes ist, dass Studierende von Beginn des Studiums an nicht für die Schublade, sondern für Leser schreiben sollen und diese Leserschaft nicht nur aus einem einzigen Lehrenden besteht. Sicherlich – viele Texte von Studierenden, aber auch von Wissenschaftlern werden für die (elektronische) Schublade geschrieben: die Notizen zu gelesenen Texten, Mitschriften von Diskussionen, Zusammenfassungen eigener Gedanken oder am Ende letztlich abgebrochene Veröffentlichungsversuche. Das Grundprinzip einer publikationsorientierten Vermittlung von Schreibkompetenzen ist aber, dass Studierende im Rahmen ihres Studiums an das wissenschaftliche Publizieren herangeführt werden. Dabei kann das gesamte Spektrum wissenschaftlicher Textformen als Orientierungspunkt genutzt werden. ...

Für eine Orientierung der Vermittlung von Schreibkompetenzen am wissenschaftlichen Publikationsprozess ist nicht der Aspekt entscheidend, dass Studierende genau diese Textform später regelmäßig abfassen werden. Relevant ist vielmehr, dass man beim Schreiben von Rezensionen, Artikeln oder Essays Fähigkeiten erlernt, die in ganz unterschiedlichen Berufen erwartet werden: Das Schreiben einer Rezension zwingt dazu, die Essenzen eines umfangreichen Textes zu erfassen und auf einer oder zwei Seiten zusammenzufassen und zu kritisieren. Das Anfertigen eines Artikels verlangt vom Autor, ein Problem allgemeinverständlich darzustellen und dieses dann in einer Abfolge von Schritten analytisch zu bearbeiten. Das Verfassen eines Essays befähigt den Autor, ein Thema in der Regel mit einem einzigen theoretischen Zugang prägnant und allgemeinverständlich darzustellen. ... Aus dieser Perspektive ist die Orientierung an einer wissenschaftlichen Publikation nicht der Zweck, der am Ende eines Studiums erreicht werden soll, sondern ein Mittel, um die Kompetenzen von Studierenden zum Schreiben von Texten zu verbessern.

Stark gekürzte und an einigen Stellen ergänzte Fassung des Artikels „Die publikationsorientierte Vermittlung von Schreibkompetenzen. Zur Orientierung des studentischen Schreibens in der Soziologie am wissenschaftlichen Veröffentlichungsprozess“ von Stefan Kühl, der erstmals 2015 in Heft 1 des 44. Jahrgangs der Zeitschrift „Soziologie“ erschienen ist. Die Fußnoten haben wir für den gekürzten Text nicht übernommen.

Direkt weiterlesen

Kühl, S., 2015a: Die publikationsorientierte Vermittlung von Schreibkompetenzen. Zur Orientierung des studentischen Schreibens in der Soziologie am wissenschaftlichen Veröffentlichungsprozess. Soziologie 44: 56–77. PDF

Kühl, S., 2015b: Der publikationsorientierte Erwerb von Schreibkompetenzen. Das Hochschulwesen 63: 143–157. PDF

 

Der eigene Fachartikel?

Die Latte für einen eigenen Fachartikel liegt zugegebenermaßen hoch. Sie ist aber zu überwinden! Sicher, wenn man im zweiten oder dritten Fachsemester seine erste Hausarbeit schreibt, erscheint der erste eigene wissenschaftliche Artikel meilenweit entfernt. Aber fangen Sie an, sich an den in einschlägigen Fachzeitschriften publizierten Vorbildern zu orientieren. Vielleicht riskieren Sie ja auch später einmal, eine eigene Arbeit in den wissenschaftlichen Publikationsbetrieb einzuspeisen. Am Arbeitsbereich Organisationen haben wir gute Erfahrungen mit diesem publikationsorientierten Schreiben gemacht. Einige Beispiele:

  • Von der Hausarbeit zum wissenschaftlichen Fachartikel: Die Sammelbände "Black-Box Beratung" (externer Link) und "Soziologische Analysen des Holocaust" (externer Link)
  • Von der Zusammenfassung von Büchern zur Rezension: Integration von studentischen Rezensionen im Band "Schlüsselwerke der Organisationsforschung" (externer Link)
  • Von der studentischen Abschlussarbeit zum Buch: Die Reihe „Studien der Organisationsforschung“ (externer Link)
  • Vom studentischen Essay zum wissenschaftlich informierten Artikel in den Massenmedien: Der Blog „Sozialtheoristen“ (externer Link) und das Magazin „sozusagen“ (externer Link)

Wie auch immer, publikationsorientiert zu schreiben bedeutet in jedem Fall, sich intensiv mit dem Format des geplanten Texts und seiner potentiellen Leserschaft auseinanderzusetzen. Nur dann können Sie damit rechnen, dass Ihr Text auch interessiert gelesen wird. Ezra Zuckermann hat dazu zehn Tipps, die ganz hilfreich sind:

  1. Machen Sie Ihren Text für Ihre Leserschaft interessant.
  2. Machen Sie sich klar, wer Ihre Leserschaft ist.
  3. Wählen Sie die Theorie, die Sie verwenden möchte, nicht aus ästhetischen, sondern aus inhaltlichen Gründen.
  4. Starten Sie mit einem Rätsel, das Sie bearbeiten möchten.
  5. Orientieren Sie sich beim Schreiben an Ihrem Rätsel, nicht an der Darstellung von "Lesefrüchten".
  6. Es reicht, wenn Sie Ihren Text auf eine Kernaussage hin schreiben!
  7. Stellen Sie so gut wie möglich dar, welche konkurrierende Sichtweise zu Ihrem Rätsel Sie entkräften möchten - und entkräften Sie diese dann auch tatsächlich.
  8. Machen Sie die konkurrierende These zu Ihrem Rätsel nicht lächerlich, sondern behandeln Sie diese als ernsthafte Alternative - dann werden Sie auch selbst ernst genommen.
  9. Führen Sie Ihre Leserschaft durch Ihren Text.
  10. Schreiben Sie niemals einfach nur Wiedergaben von Texten, die Sie (zufällig) gelesen haben.

Schauen Sie am Besten mal, was Zuckerman selbst zu sagen hat: externer Link.