Institut für Weltgesellschaft - Personen - Amrei Fuchs

Personen

Amrei Fuchs

amreifuchs@web.de

Raum: L4-126
Tel.: ++49-(0)521-106-4232

Institut für Weltgesellschaft
- Graduiertenkolleg -
Fakultät für Soziologie
Universität Bielefeld
Postfach 10 01 31
33501 Bielefeld
Deutschland

 

Projekttitel: Vertrautes Fremdes, fremdes Vertrautes?

‚Globale Mikrostrukturen’ und kulturelle Differenzen:
Versuch einer Konzeptionalisierung von Kulturdifferenz in Interaktionen in der Weltgesellschaft

Das Thema meiner Arbeit ist der Versuch einer Konzeptionalisierung von kulturellen Differenzen in Interaktionen in einem globalen Kontext. Damit bettet sich meine Arbeit in den Forschungskontext um ‚globale Mikrostrukturen’ ein.
Für die Beschreibung von Face-to-face-Interaktionen im Kontext globaler Mikrostrukturen setze ich in einem ersten Schritt am Phänomen der Fremdheit als soziale Erfahrung an.
Über die Beschreibung der Figur des Fremden in der soziologischen Theorie nähere ich mich Erklärungslogiken von Fremdheit in verschiedenen Formen der Gesellschaftsbeschreibung.
Für meine Fragestellung ist die Behauptung R. Stichwehs zentral, die für die Weltgesellschaft von einem Verschwinden des Fremden ausgeht. Er überträgt damit das Theorem der Generalisierung/Universalisierung bzw. des Verschwinden des Fremden, wie es für die moderne funktional differenzierte Gesellschaft beschrieben wird, auf die globale Ebene. Gemeint ist hier, dass es mit der Ausbreitung der funktionalen Differenzierung zu einer funktionalen Spezifikation von Interaktionen und auch von Intentionen kommt. In funktional spezifizierten Interaktionen begegnen sich Menschen primär als Funktionsträger, womit die Person in den Hintergrund tritt. Der Andere kann als Person fremd bleiben; die Fremdheit des Gegenübers ist für die Interaktion irrelevant. Darüber hinaus erlaubt die zivilisatorische Errungenschaft der Indifferenz eventuelle Irritationsmomente einer Interaktion mit Fremden zu entproblematisieren. Diese Form von Begegnungen unter Fremden als Normalfall auch auf die Ebene der Weltgesellschaft zu übertragen, wie Stichweh es tut, ließe sich als Bedingung der Möglichkeit verstehen, für Interaktionen im globalen Kontext von ‚Vertrautheit’ zu sprechen.
Für die Bestimmung von kulturellen Differenzen wird in einem nächsten Schritt die Frage nach‚Kultur’ in der globalisierten Welt bzw. in der Weltgesellschaft gestellt. Der kulturalistische Aspekt ist in den Forschungen um die Weltgesellschaft bisher eher vernachlässigt worden. Hier möchte ich wiederum Stichweh zu Rate ziehen. Dieser schlägt ein Doppelkonzept von Kultur vor: die global gewordenen Funktionssysteme bilden eigene Kulturen heraus, in deren Rahmen dekontextualisierte generalisierte Symbole die Anschlussfähigkeit der Kommunikation ermöglichen. Diese Kulturen werden hier als deterritorialisierte verstanden. Sie interagieren mit den Regionalkulturen, von deren Weiterbestehen Stichweh ausgeht. Hierdurch kommt es Stichweh zufolge zu einer Zunahme von kultureller Diversität.
Für die Folgen dieser behaupteten Zunahme an kultureller Diversität auf der Verhaltensebene postuliert Stichweh nur, dass von einem Verschwinden von Verhaltensdifferenzen und kulturellen Differenzen nicht auszugehen sei; vielmehr deutet er die Möglichkeit an, dass Akteure sich zu dem neuen Auswahlbereich kreativ verhalten. Die Konsequenzen dessen auf einer Ebene der Interaktion thematisiert Stichweh nicht.
Ziel meiner Arbeit ist es, eine Beschreibungsform von kulturellen Differenzen in Interaktionen im Kontext globaler Mikrostrukturen zu finden, die diesem Spannungsverhältnis zwischen aufgrund von Indifferenz funktionierenden funktionsspezifischen Interaktionen und weiter bestehenden kulturellen Differenzen gerecht wird. Ich möchte hier für die einzelne Interaktion davon ausgehen, dass es sowohl zu Vertrautheit aufgrund der funktionalen Spezifikation von Interaktionen kommt, dass aber regionalkulturelle Differenzen – aufgrund der Unterschiede in der Herkunft – dennoch bestehen bleiben und, jenseits der Indifferenz, beobachtet werden können.
Um diese Gleichzeitigkeit von Vertrautheit und Fremdheit in derselben Interaktion zu erklären, greife ich auf das Konzept der kulturellen Interferenzen nach A. Reckwitz zurück. Reckwitz arbeitet mit einem praxeologischen Kulturverständnis, demzufolge Kultur in ihrer kleinsten Einheit eine Praktik und das ihr zugehörige inkorporierte Wissen ist. Diese Praktiken können intersubjektiv (Individuum-Individuum) und interobjektiv (Individuum-Artefakt) sein und sind – als routinisierte Körperbewegungen - direkt beobachtbar. Praxis-Wissens-Komplexe können Beständen von allgemein geteiltem Alltagswissen und Beständen von spezialisiertem Sonderwissen zugeordnet werden. Reckwitz geht von einem Individuum aus, welches sich aus diesen Beständen bedient; damit, dass sich verschiedene Praxis-Wissens-Komplexe im Individuum kreuzen, entwirft er das Individuum als ‚Kreuzpunkt verschiedener Wissensformen’. Die Grenzziehung für Wissensformen verläuft also nicht entlang von Grenzen von Gemeinschaften und auch nicht entlang körperlicher Grenzen von Akteuren.
Das Kulturkonzept von Reckwitz erscheint mir aus verschiedenen Gründen geeignet, um kulturelle Differenzen in Face-to-face-Interaktionen im globalen Kontext so zu beschreiben, dass Vertrautheit und Fremdheit in der gleichen Interaktion simultan auftreten können.
Erstens können Bestände von Alltagswissen als übersubjektiv geteilte Wissensbestände einer Regionalkultur verstanden werden, während spezifische Wissensbestände als Sonderwissen den Funktionssystemen zugeordnet werden können. Damit kann ein Doppelkonzept von Kultur aus globalen entterritorialisierten Kulturen und Regionalkulturen in verschiedene, sich überlagernde Wissensformen und Sinnbestände übersetzt werden.
Zweitens wird das Individuum, welches sich verschiedener Wissensformen aus verschiedenen Beständen bedient, zum Träger verschiedener Wissensformen. Diese Wissensformen überschneiden und überlagern sich im Individuum selbst. Indem das Individuum als Träger verschiedener Wissensformen verstanden wird, kann für die einzelne Interaktion die Gleichzeitigkeit von irritationsfreier funktionsspezifischer Vertrautheit und regionalkultureller Fremdheit in erklärt werden.
Drittens wird Kultur im Bereich intersubjektiver/ interobjektiver sozialer Praktiken verortet, wodurch Kultur und damit kulturelle Differenz direkt beobachtbar ist.
Eine Zuordnung von Praktiken und deren Wissensformen zu verschiedenen kulturellen Beständen – seien es Regionalkulturen oder globale spezifische Sonderkulturen - wird so möglich, muss jedoch, vor allem in seiner Gewichtung, jeweils am speziellen empirischen Fall vorgenommen werden.

Vita

seit März 07     Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (Berlin): Praktikum

Mai 05-           Universität Bielefeld         Institut für Weltgesellschaft:
März 06           Forschungsstudierende am Graduiertenkolleg ‚Weltbegriffe und globale Strukturmuster’ (Betreuer: Prof. Dr. H. Tyrell)

WS 04/05        Universität Bielefeld Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie:
Tutorin für die Einführungsveranstaltung des Diplomstudiengang Soziologie

seit 2004          Universität Bielefeld, Fakultät für Soziologie: Hauptstudium Soziologie (Diplom)

Sept. 02           Universität Wien     Ludwig – Boltzmann – Institut für Stadtethologie: Praktikum

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau: Grundstudium Historische Anthropologie und Soziologie (Magister)

2001                Viktoriaschule Darmstadt: Abitur

 

Teilnahme an Tagungen und Veranstaltungen im Rahmen der Mitgliedschaft am GK

27.10. 2006                 ‚Globale soziale Ungleichheit’, Klausurtagung des Instituts für Weltgesellschaft 2006 in Osnabrück

17./18.5.2006              Klausurtagung des Graduiertenkollegs ‚Weltbegriffe und globale Strukturmuster’ in Loccum

25.-28.1.2006             ‚Die Natur der Kulturen’, Tagung am ZIF der Universität Bielefeld

8. 7. 2005                   Klausurtagung des Instituts für Weltgesellschaft 2005 in Minden