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Christian Hilgert Graduiertenkolleg Raum U10 - 128 Status: Forschungsstudierender Betreuer: Prof. Hartmann Tyrell |
Der Glaube und seine Generalisierung. Fragen zur Ausdifferenzierung der Religion in der Weltgesellschaft.
Gott hat Nietzsche überlebt!
– so eine anonyme Zeitdiagnose, publiziert an einem wenig angesehenen Ort. Ob
durch Evolution oder Revolution, die Religionskritiker der Aufklärung waren
sich sicher: in der zukünftigen, der modernen Gesellschaft würde es keinen
Bedarf für Religion mehr geben und deshalb auch keinen Platz.Die Moderne ist längst Gegenwart geworden,
gar Vergangenheit für einige Beobachter, doch das prophezeite Verschwinden der
Religion hat sich nicht ereignet. Vielmehr erscheint diese in ihrer
Mannigfaltigkeit als prosperierende gesellschaftliche Sinndomäne mit hohem
Identifikations- aber auch erheblichem Konfliktpotential.
Unter den irritierten
Beobachtern steht die Soziologie, genauer die für Soziales im Weltmaßstab
zuständige Abteilung Gesellschaftstheorie: die Theorie funktionaler
Differenzierung. Wie soll man umgehen mit der Religion?
Im lebensweltlichen Verkehr lässt sich religiöse Praxis meist en passant von anderen Unterfangen unterscheiden. Wissenschaftlich ist klar: sprechen wir von Religion im Ganzen, kommt für das Phänomen allein auf Grund von Größe und Spezifität nur der Status eines Funktionssystems in Frage. Aber worin finden wir die Systemhaftigkeit der Religion? Worin gibt sich der Zusammenhang aller religiöser Kommunikation über die Sinngrenzen der einzelner Religionen hinweg zu erkennen? Im Vergleich zu anderen Funktionssystemen fällt die Religion durch ein hohes Maß an interner Inkohärenz und Disparität auf, sowie durch gewisse Tendenzen, ihre gesellschaftliche Umwelt für sich zu vereinnahmen (bzw. sich von ihr vereinnahmen zu lassen) - man denke an Karikaturen, Kreationismus, Gottesstaaten und verbotene Liebe.
Die Frage nach der Einheit der Religion ist bisher nicht überzeugend beantwortet worden und, so meine Vermutung, durch gesteigerte analytische Anstrengungen ceteris paribus auch zukünftig nicht oder höchstens szientistisch positiv zu beantworten, denn die paradoxe Lösung muss lauten: die Religion selbst ist es, die bis dato nicht zu einer Antwort gefunden hat. Die Rede von der Religion (der Gesellschaft) im Singular, wie im lebensweltlichen Verkehr durchaus üblich, ist wissenschaftlich gesehen eine Übergeneralisierung, insofern sie mehr Einheit unterstellt als faktisch vorhanden ist.Die Litanei von der Antiquiertheit der Religion möchte ich differenzierungstheoretisch auf den Kopf – um nicht zu sagen: vom Kopf auf die Füße – stellen, mit der Behauptung einer gewissen Juvenilität, ja Unfertigkeit der Religion. Dies lässt sich zuspitzen auf folgende Arbeitshypothese.
Den Religionen fehlt ein gemeinsames, symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium, das über alle Heterogenität hinweg religiöses Handeln und Erleben füreinander anschlussfähig hält und es gleichzeitig ermöglicht, religiöse Kommunikation nach außen hin abzudichten und indifferent zu machen, insbesondere gegen Macht, Wahrheit und Liebe.
Hiermit soll kein
evolutionärer Determinismus behauptet oder gar ein normativer Appell ausgerufen
werden, nach der Art, die Religion müsse die allgemeine Formtypik funktionaler
Systeme annehmen. Lediglich wird davon ausgegangen, dass es Faktoren interner
und externer Art gibt, die Religion unter den Erwartungsdruck setzen, sich
ihrer gesellschaftlichen Umwelt anzupassen. Massenmediale
Beobachtungsmöglichkeiten des räumlich und sozial fern Liegenden, hohe
Produktivität und Rationalitätserwartungen anderer, wesentlich umfangreicher
als Religion auf formale Organisation abstellender Funktionssysteme, sowie die migrationsbedingt
zunehmende Wahrscheinlichkeit von quer zu Religiosität sich anbahnenden
Intimbeziehungen stellen einige dieser Aspekte dar. Wie sich dieser
Erwartungsdruck artikuliert und wie die Religionen darauf reagieren - disparate
Identitätskonsolidierung oder symbolische Generalisierung? - ist Gegenstand
dieses Projekts. Damit soll versucht werden einen bescheidenen Beitrag zu leisten,
einerseits zur soziologischen Reflexion der Religion und andererseits zur Ausarbeitung
der Theorie funktionaler Differenzierung.
Zu diesem Zweck soll die Theoriearbeit – das Instrumentarium stellt, unschwer zu erkennen, die Systemtheorie Niklas Luhmanns - mit einer qualitativen Fallstudie verbunden werden. Dazu werde ich die Regensburger Rede "Glaube, Vernunft und Universität." von Pabst Benedikt XVI und einige ausgewählte Reaktionen islamischer Gelehrter, sowie Reaktionen auf die Reaktionen von Seiten des Vatikans, als Sequenz (meta)religiöser Kommunikation zwischen prominenten Vertretern von Christentum und Islam auf der Bühne einer massenmedial produzierten Weltöffentlichkeit, hinsichtlich interessierender Fragestellungen analysieren.

