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Lisa Knoll Institut für Weltgesellschaft Kontakt |
’Lokales und globales Wissen’ und ’lokale und globale Experten’:
Selbstbeschreibung und Struktur der Entwicklungszusammenarbeit
Die multi- und bilaterale Entwicklungszusammenarbeit (EZ) hat sich seit den 1950er Jahren als Teil der Weltgesellschaft herausgebildet. Dichotome Zuschreibungen wie entwickelt-unterentwickelt, globallokal, nord-süd, modern-traditionell, universal-partikular, rational-irrational sind konstitutiv für die EZ, die aus Gebern und Nehmern besteht. Auch Wissen wird entlang dieser Differenz verortet. Wissenstransfer von Industrieländern in Transformations- und Entwicklungsländer gehört zum Selbstverständnis der EZ. Seit die Weltbank 1998/99 Wissen zur zentralen Ressource für Entwicklung erhoben hat (WB 1998/99), ist es das Anliegen der Entwicklungsorganisationen entwicklungspolitisches Fach- und Erfahrungswissen systematisch zu produzieren, aufzubereiten und zu verbreiten. Die ‚globale Wissensarchitektur’ der EZ ist eine Antwort auf diese Forderung nach Wissensmanagement (Evers/Kaiser/Müller 2003). Obwohl diese globale Architektur über dezentrale Strukturen auf Projektebene gewonnenes lokales Wissen zunehmend aufnimmt, bleibt der zugrundeliegende Wissensbegriff einer modernisierungstheoretischen Vorstellung geschuldet. Lokales Wissen (auch indigenes Wissen genannt) ist ein entwicklungspolitisches Konzept und steht für Angepasstheit und Nachhaltigkeit. Es fließt nur bedingt – ethnologisch oder wissenschaftlich aufbereitet – in diese globale Wissensstruktur ein und wird dem globalen Expertenwissen als substantiell verschieden, kulturgebunden und traditionell entgegengestellt (Pasquale 1998 und kritisch Agrawal 1995). Im Forschungsprojekt wird der Wissensbegriff in der EZ und dessen Dichotomie lokalen und globalen Wissens mit der Wissenssoziologie (Wissenschaftssoziologie/ Wissensgesellschaft) konfrontiert (vgl. McGrath 2001), um dann den Zusammenhang zwischen Wissensbegriff und Personalstruktur in der EZ zu beleuchten. Der ‚Einsatz lokalen Wissens’ und der ‚Einsatz lokaler Fachkräfte’ (BMZ 1995, GTZ 1996) sind verschiedene entwicklungspolitische Konzepte, die in ihrem Bezug auf das Lokale verglichen werden. Lokalen Experten – im Zuge der Bildungsmigration oft an westlichen Hochschulen ausgebildet – wird ihre lokale Zugehörigkeit als wesentliche Qualifikation zugeschrieben. Kenntnisse über Sprache und Kultur werden als Vorteil gegenüber ausländischen Experten ausgewiesen und gleichzeitig als Nachteil formuliert, indem auf potentielle Loyalitätskonflikte zwischen lokaler Eingebundenheit und entwicklungspolitischer Zielsetzung hingewiesen wird (vgl. GTZ 1996). Die inzwischen in der EZ verbreitete Personalstruktur differenziert in nationales, regionales und internationales Personal. Diese ermöglicht systematisch die Untervertragnahme lokaler Experten unter internationale Verträge, indem deren Qualifikation (weniger Lokalität) zum zentralen Kriterium erhoben wird (interne Policy für Nationales Personal der GTZ). Das Verhältnis des Wissensbegriffs zum personalstrukturellen Wandel in der EZ ist der Gegenstand dieses Forschungsprojekts. Es wird ein Zusammenhang von Begriff und Struktur vermutet und anhand der systemtheoretischen Unterscheidung Sozialstruktur und Semantik untersucht (Luhmann 1980, Stäheli 1998, Stichweh 2000). Geht man vom klassischen Konzept der ‚Nachträglichkeit von Semantik’ aus, dann haben wir es in der EZ mit Selbstbeschreibungen zu tun, die sich an Dichotomien orientieren, deren Entstehung in die Zeit der Aufklärung zu datieren ist: Modernität vs. Traditionalität, Objektivität vs. Subjektivität, Rationalität vs. Irrationalität (Alvares 1993, Luhmann 1995, Böhle 2003). Dagegen haben sich die sozialstrukturellen Verhältnisse in der EZ verändert: Lokale Experten in Führungspositionen sind, aufgrund der ausdifferenzierten Weltwissenschaft und Weltwirtschaft Normalität im entwicklungspolitischen Alltag. Das ‚Zusammenwachsen der Welt’ macht es schwieriger ‚kulturelle Differenzen’ und andere dichotome Einteilungen, wie die Zuschreibung von Globalität und Lokalität (Moderne und Tradition) zur primären Entscheidungsgrundlage zu machen. Die Frage lautet also: Sind es die Selbstbeschreibungen der EZ (z. B. die Forderungen nach „lokalem Wissen“ und „Nachhaltigkeit“), oder ist es die globale Ausdifferenzierung von Funktionssystemen, die einen strukturellen Wandel vorantreiben?
Lisa Knoll studiert seit dem Wintersemester 1998/1999 an der Universität Bielefeld Diplomsoziologie mit den Studienschwerpunkten Entwicklungsplanung und Strukturpolitik sowie Wirtschaftssoziologie. Nach dem Vordiplom im Sommersemester 2000 studierte sie ein Semester an der ‚Universitat Autònoma de Barcelona' und absolvierte später Praktika bei der Carl Duisberg Gesellschaft (CDG) und bei der Bielefelder Wirtschaftsförderung. Im Rahmen der Lehrforschung "globalisierende Wirkungen der Entwicklungszusammenarbeit" in Sri Lanka forschte sie zum Thema der interkulturellen Zusammenarbeit zwischen lokalen (nationalen) und globalen (internationalen) Experten. Seit dem Sommersemester 2003 ist sie als Forschungsstudierende am Graduiertenkolleg "Weltbegriffe und globale Strukturmuster" angestellt und arbeitet zum Thema lokalen und globalen Wissens und lokaler und globaler Experten in der Entwicklungszusammenarbeit.

