Wie "sozial" ist
die Türkei?

Über uns

"Wie "sozial" ist die Türkei? Das türkische System der sozialen Sicherheit im europäischen Kontext" ist ein am Institut für Weltgesellschaft der Universität Bielefeld und am Fachbereich für Politikwissenschaften der Bilkent Universität in Ankara angesiedeltes internationales Forschungsprojekt. Das Projekt begann am 1. Januar 2017 und wird bis zum 31. Dezember 2019 fortgeführt werden.

Soziale Sicherungssysteme und Wohlfahrtsstaaten sind Kernelemente westlicher Nachkriegsgesellschaften. Wohlfahrtsstaaten verwenden zwischen zwanzig und dreißig Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes für Sozialpolitik. Diese beeinflusst grundlegende soziale Strukturen wie Arbeitsmärkte, sozio-ökonomische Ungleichheit, Gender und das Verhältnis von Staat, Märkten und der Zivilgesellschaft (Castles et al. 2010; Leibfried/Mau 2008, Esping-Andersen 1990, T.H. Marshall 1950). Bei der Sozialpolitik geht es um das fundamentale, normative (Selbst-)Verständnis einer Gesellschaft. In diesem Sinne konstituiert sie einen Sozialkontrakt und stärkt den sozialen Zusammenhalt. Außerdem kann Sozialpolitik die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes gravierend beeinflussen. Auf der europäischen Ebene wird von vielen Akteuren der Gedanke eines "sozialen Europa" als essentielles Element des "europäischen Modells" gesehen (Kaelble/Schmid 2004). Die Situation der Türkei ist in diesem Kontext unklar. Zwischen Europa und Asien gelegen, steht das Land an der Schwelle zwischen dem globalen Süden und dem globalen Norden und wurde bisher in der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung kaum beachtet.

Das Forschungsprojekt bringt führende Sozialpolitikforscher aus Deutschland und der Türkei zusammen, um die Türkei in das Blickfeld der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung zu rücken und um den Türkeistudien in Deutschland neue Impulse zu geben. Das Projekt wendet neueste Theorien, sowie qualitative und quantitative Forschungsmethoden an, um die Erfahrungen der Türkei auf dem Gebiet der sozialen Sicherung in die Welt der Wohlfahrtsstaaten vergleichend einzuordnen. Dabei werden spezifische Sozialpolitiken und deren politische und ideelle Hintergründe in vier Kernbereichen der sozialen Sicherung zu erforscht (Gesundheit, Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe und Rentenpolitik) werden. Die Analyse der Türkei wird dabei helfen, bestehende konzeptuelle Werkzeuge der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung neu zu kalibrieren und das in den letzten Jahren zunehmend populäre Forschungsfeld der Schwellenländer zu bereichern.

Außerhalb des akademischen Kontextes wird das Projekt außerdem versuchen, zu einem besseren Verständnis der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik der Türkei in Deutschland beizutragen. Obwohl sich die Türkei seit 1961 selbst als Sozialstaat bezeichnet, und obwohl mehr als ein Drittel der Staatsausgaben für Sozialpolitik ausgegeben werden, würde man das Land normalerweise nicht mit Sozialstaatlichkeit assoziieren. Soziale Rechte in der Türkei ? nicht nur zivile und politische Rechte ? sind aber bedeutsam für die Beziehungen zwischen der Türkei und Europa. Es stellt sich daher die grundlegende Frage, ob die Türkei in die Familie der europäischen Sozialstaaten und zum Modell des "sozialen Europa" passt.

Das Projekt ist Teil des Programms "Blickwechsel: Studien zur zeitgenössischen Türkei" und wird gefördert durch die Stiftung Mercator.

www.blickwechsel-tuerkei.de