Fakultät für Soziologie
 
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Was ist soziologische Theorie?

Theoriearbeit erfordert den Mut und Willen zu eigenem Denken und zur Auseinandersetzung mit schwierigen Texten – auch schon im Studium. Anders als in der Schule oder in stärker standardisierten Teilen des Studiums geht es hier nicht darum, genau vorgegebene Wissenselemente zur Kenntnis zu nehmen und wiederzugeben oder festgelegte Schemata (Formeln, Handlungsrezepte usw.) auf immer neue Fälle anzuwenden. Vielmehr geht es darum, im Rahmen eines komplexen begrifflichen Gerüsts selbst denken zu lernen, Zusammenhänge durchdringen zu können, Sachverhalte mit größtmöglicher Klarheit zu beschreiben und zu analysieren, begriffliche Probleme und Widersprüche zu erkennen, usw. Theoriearbeit ist ein intellektuelles Abenteuer, geeignet für StudentInnen, die mit ambivalenten, unsicheren, wenig strukturierten Lagen zurechtkommen und eine nicht-standardisierte, nicht-schulmäßige Art des Studiums bevorzugen.
Soziologische Theorie beschäftigt sich mit sozialen Ordnungen auf verschiedenen Größenordnungen. Auf der „größten“ Ebene liegt die Gesellschaftstheorie, die danach fragt, wie die Gesellschaft aufgebaut ist, was ihre zentralen Strukturen und Reibungspunkte sind. Beispiele für solche Fragen sind etwa: Leben wir in der deutschen (österreichischen, französischen usw.) Gesellschaft oder aber in einer Weltgesellschaft? Ist die kapitalistische Wirtschaft der Kern und die „Basis“ der Gesellschaft, oder besteht das Problem der modernen Gesellschaft darin, dass sie viele mehr oder weniger gleichberechtigte Bereiche nebeneinander enthält (Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Recht, Bildung, Familien usw.), die sich jeder für sich optimieren und keine gemeinsame Sprache sprechen? Ist die moderne Gesellschaft wesentlich eine Klassen- oder Schichtgesellschaft, die ohne die Oben/Unten-Differenz nicht existieren könnte, oder sind Schichtdifferenzen nur noch „lästige“, nicht loszuwerdende, aber auch nicht mehr notwendige und deshalb durchwegs kritisierte Strukturelemente? Sind religiös-kulturelle Überzeugungen generell auf dem Rückmarsch, ist im Zuge von Globalisierungsprozessen ein Revival solcher Überzeugungen zu verzeichnen, oder gibt es gar eine neue, einflussreiche „säkulare“ Religion, die z.B. Demokratie, Menschenrechte, Bildungssysteme nach internationalem Standard zu allgemein angebeteten Objekten erhebt und ganze Staaten dazu bringt, sich gemäß diesen Zielen umzustrukturieren?
Außer mit der Gesellschaft beschäftigt sich die soziologische Theorie aber auch mit „kleineren“ sozialen Ordnungen, etwa mit Organisationen und face-to-face-Interaktionen. Hier können Fragen gestellt werden wie: Sind Organisationen zweckorientierte, rationale und kühl kalkulierende Akteure, oder sind sie träge, änderungsunwillige und zu rationaler Entscheidung unfähige Gebilde, die sich „durchwursteln“ und mit den Erfolgsrezepten von gestern die Probleme von heute zu lösen versuchen? Ist die Interaktion unter Anwesenden vor allem eine Gelegenheit, der eigenen Identität authentischen Ausdruck zu verschaffen, oder ist sie eher eine Art Bühne, die uns zur Selbstdarstellung, Imitation und Verstellung zwingt?
Auf all diese Fragen gibt es mehr als eine Antwort. Die Soziologie ist eine theoriepluralistische Wissenschaft, d.h. es gibt nicht eine Theorie, sondern viele, teils miteinander konkurrierende und debattierende Theorien. Dies ermöglicht und erfordert eigene Urteilsbildung und selektive Schwerpunktsetzung. Dies gilt auch für StudentInnen ab einer gewissen, fortgeschrittenen Stufe. Ein theorieorientiertes Studium soll die StudentInnen dazu in die Lage versetzen, sich selbst im Feld soziologischer Theorien zu positionieren, bestimmte theoretische Positionen zu vertreten und andere abzulehnen, und Theorien nicht nur von außen, als kurzfristig und oberflächlich betrachteten Lernstoff zur Kenntnis zu nehmen.
StudentInnen, die an Theoriearbeit in diesem Sinn Interesse haben, finden in Bielefeld optimale Bedingungen vor. Allein der Arbeitsbereich 1: Theoretische Soziologie besteht aus einer größeren Gruppe von ca. 8 SoziologInnen, die in Forschung und Lehre theoretisch anspruchsvolle Soziologie betreiben; zahlreiche weitere Personen in anderen Arbeitsbereichen haben ebenfalls starke theoretische Interessen. Vielfalt und Qualität des Bielefelder Angebots an theoretisch orientierter Lehre sind deshalb im deutschsprachigen Raum einzigartig. Ein Bielefelder Schwerpunkt liegt dabei traditionsgemäß auf der Systemtheorie Niklas Luhmanns, da Luhmann – neben Jürgen Habermas der bedeutendste deutsche Soziologe jüngerer Zeit – jahrzehntelang in Bielefeld gelehrt hat (=> Prof. André Kieserling). Daneben finden sich aber auch andere, breiter gefächerte theoretische Interessen, etwa an einer Theorie der Weltgesellschaft und einer Theorie von face-to-face-Interaktionen (=> Prof. Bettina Heintz). Ebenso wird ein Einblick in das Denken älterer, „klassischer“ Soziologen wie Karl Marx, Georg Simmel, Max Weber und Karl Mannheim geboten (=> Prof. Volker Kruse).
Weitere Theorierichtungen – etwa: Kritische Theorie, Phänomenologie, Klassen- und Habitustheorie, Neoinstitutionalismus usw. – sind im Lehrangebot des Arbeitsbereiches je nach der Präsenz von Personen vertreten. Theorien können nur bei solchen Personen ernsthaft studiert werden, die auch in ihrer eigenen Forschung mit den entsprechenden Theorien arbeiten und sich in den komplexen Theoriegebäuden gut auskennen. Diese Personabhängigkeit der Theorielehre ist grundsätzlich nicht zu vermeiden – an anderen Universitäten ebensowenig wie in Bielefeld. Gerade angesichts dieser Lage bietet die Bielefelder Fakultät aufgrund ihrer Größe und Vielfalt ideale Bedingungen für StudentInnen, die an einem theorieorientierten Studium Interesse haben.
Wer sich vorab näher über die Lehrenden einer Universität informieren möchte, kann dies im Übrigen auch über den Zugriff auf deren Publikationen tun. (Nahezu) jeder Lehrende an einer Universität ist gleichzeitig auch Autor wissenschaftlicher Schriften, die auf seiner Homepage aufgeführt sind. Die Texte, die ein Wissenschaftler veröffentlicht, entsprechen zwar nicht Punkt für Punkt dem Inhalt seiner Lehre, aber dennoch kann man sich auf diesem Weg ein grobes Bild von Themen und Theoriepräferenzen der Person verschaffen.



 

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