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Jahrgang 31, Heft 4, August 2002

Professionalisierungsschub oder Auflösung ärztlicher Autonomie
Die Bedeutung von Evidence Based Medicine und der neuen funktionalen Eliten in der Medizin aus system- und interaktionstheoretischer Perspektive

Werner Vogd
Institut für Medizinsoziologie, Thielallee 47, D-14195 Berlin

Zusammenfassung: Die unter dem Stichwort "Evidence Based Medicine" (EBM) in Gang gebrachte Bewegung der "Verwissenschaftlichung" der Medizin wird im Hinblick auf ihre Bedeutung für die ärztliche Professionalisierung diskutiert. Hierzu werden im ersten Schritt aus einer systemtheoretischen Perspektive heraus die Konsequenzen in Hinsicht auf Anschlussmöglichkeiten für Recht, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft betrachtet. EBM eröffnet den verschiedenen Funktionssystemen Perspektiven, die ihnen in ihrer jeweils eigenen Logik verschiedenartige Zugriffe auf das Medizinsystem gestatten. Die Medizin als System hätte in diesem Sinne mit intelligenteren Störungen seitens ihrer Umwelt zu rechnen und wäre ihrerseits gefordert, hierauf intelligent, das heißt mit Komplexitätszunahme zu reagieren. Als Konsequenz dieser Analyse wird vermutet, dass EBM das Verhältnis von medizinischer Wissenschaft und Praxis nicht wie angestrebt vereinfacht, sondern mit zusätzlicher Komplexität belastet. Im zweiten Schritt wird die Professionsdynamik aus einer interaktionstheoretischen Perspektive heraus beleuchtet. Die in ausformulierten Evidenz-basierten Leitlinien und damit juristisch einforderbaren Ansprüche führen für den einzelnen Arzt zu einer verschärften Bewährungsdynamik, die entweder in Richtung vermehrter Autonomie oder um den Preis einer technokratischen Regression gelöst werden kann. Wie im dritten Analyseschritt gezeigt wird, kann die Bewegung der EBM auch als eine Form der Wissensinszenierung verstanden werden. Aus dieser Perspektive gesehen würden die zuvor geschilderten Konflikte entschärft, freilich um den langfristigen Preis der Dekonstruktion der eigenen wissenschaftlichen Basis. Wenn die EBM-Bewegung den Bogen der Rationalität in Richtung einer Ideologie des Rationalismus überspannt, wären in diesem Sinne durchaus paradoxe Effekte zu erwarten, die bis hin zur Deprofessionalisierung und funktionellen Entdifferenzierung ärztlicher Professionen reichen könnten.


An Increase in Professionalization or Erosion of Medical Autonomy?
The Implications of Evidence Based Medicine and the New Functional Elites in Medicine Seen from the Perspective of Systems and Interaction Theory

Werner Vogd

Summary: The current trend towards "scientifically validated medicine", as defined by 'Evidence Based Medicine', is discussed from the point of view of its implications for the medical profession. In a first step, its consequences for the relationships between the medical profession and the spheres of law, science, politics, and industry are considered. EBM provides opportunities for points of contact for different functional systems, allowing them to interact with the medical system in accordance with their own specific logic. In this sense medicine as a system may expect to be affected by intelligent interference from its environment and itself to react more intelligently, i.e. with an increase in complexity. The results of this analysis lead us to assume that EBM does not, in fact, simplify the conditions of medical science and practice as intended, but burdens it with increased complexity. In a second step, the dynamics of the profession are examined from the perspective of interaction theory. The standards expressed in evidence-based guidelines have legal standing and increase the demands placed on each individual physician, who can then respond either by increasing his or her autonomy or by resorting to a technocratic retreat. As shown in a third analytical step, the trend towards EBM can also be understood as a manner of staging knowledge. In this view, the above-mentioned conflicts would be defused, albeit in the long term at the expense of deconstructing the profession's own aspirations to maintain its scientific bases. If the trend towards EBM becomes exaggerated and results in an ideology of rationality, paradoxical effects are to be expected which could even go so far as to include a deprofessionalization and functional dedifferentiation of the medical professions.

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aktualisiert am 27.09.2002       http://www.uni-bielefeld.de/soz/zfs/

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