Jahrgang 32, Heft 4, August 2003
Die Evolution von Fairnessnormen im Ultimatumspiel
Eine spieltheoretische Modellierung
The Evolution of Norms of Fairness in the Ultimatum Game
A Game Theoretical Model
Manuela Vieth
Universität Leipzig, Institut
für Soziologie, Beethovenstr. 15, D-04107 Leipzig
Zusammenfassung:Das Ultimatumspiel beschreibt eine soziale
Verhandlungssituation, in der Fairnessüberlegungen bei der
Aufteilung eines Gutes relevant werden können. In spieltheoretischen
Experimenten werden mehrheitlich gleichmäßige Aufteilungen
vorgenommen und geringe Angebote durchaus abgelehnt. Diese Befunde
wiedersprechen der spieltheoretischen Vorhersage, wenn sie auf materiellen
Nutzen eingeschränkt wird. Um faires Verhalten (und allgemein
Moral) zu erklären, müssen daher andere als materielle
Anreize ebenfalls in Betracht gezogen werden. In diesem Beitrag
wird ein neues evolutionäres Fairnessmodell vorgestellt, das
die Ablehnung von Angeboten im Ultimatumspiel aus dem Blickwinkel
der Rational Choice Theorie erklärt. Frank (1992) folgend,
werden Emotionen als Signale eingeführt. Diese können
Sanktionsdrohungen Glaubwürdigkeit verleihen, wenn sie bei
anderen erkennbar sind. Binmore und Samuelson (1994) haben eine
Fehlerwahrscheinlichkeit (noise level) vorgeschlagen,
um faires Verhalten zu erklären. Diese wird hier nicht als
zufälliges Fehlverhalten, sondern als Erkennungswahrscheinlichkeit
mit Franks Idee der Überprüfungskosten (inspection
costs) verknüpft. Mit diesem Modell sind Computersimulationen
durchgeführt worden. Die Ergebnisse zeigen, dass eine Fairnessnorm
(disjunkte soziale Norm) entstanden sein und sich erhalten haben
kann: Für diejenigen, die ein Angebot erhalten, ist es evolutionär
betrachtet vorteilhaft, niedrige Angebote abzulehnen, weil dadurch
das Angebotsverhalten insgesamt erhöht wird. Anhand des hier
vorgestellten Modells ist somit erklärbar, dass es durchaus
dem rationalen Eigeninteresse des Menschen entspricht, sich an Fairness
zu orientieren.
Summary: The ultimatum game describes a social bargaining
situation in which considerations of fairness become relevant. At
first sight, experimental research seems to contradict game theoretical
predictions: The majority of proposals are aimed at equal division,
and responders are willing to refuse offers that are perceived as
too low. In order to explain fair behavior (and morality in general),
non-material incentives are also important. In this article, a new
evolutionary model of fairness is presented that explains the rejection
of positive offers. I follow Frank's (1992) approach, in which emotions,
if perceived, are recognized as rendering the threat of sanctions
creditable. Furthermore, the idea of inspection costs is combined
with the noise level suggested by Binmore and Samuelson (1994).
Computer simulations demonstrate the evolution of norms of fairness:
It is beneficial for responders to refuse low offers because this
raises the share offered. As a result, this model explains orientations
toward fairness as an outcome of evolutionary forces which themselves
are due to individual self-interest.
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