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Jahrgang 34, Heft 1, Februar 2005/Volume 34, Number 1, February 2005

 

Pfadabhängigkeit ist nicht gleich Pfadabhängigkeit!
Wider den impliziten Konservatismus eines gängigen Konzepts

Not All Path Dependence Is Alike - A Critique of the "Implicit Conservatism" of a Common Concept

 

Jürgen Beyer
Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Paulstraße 3 D-50676 Köln


Zusammenfassung: Das Konzept der Pfadabhängigkeit hat sich zu einem der meist genutzten Erklärungsansätze der sozialwissenschaftlichen und ökonomischen Forschung entwickelt. Die Stabilitätsneigung pfadabhängiger Prozesse wird hierbei in der Regel als ausgesprochen hoch eingestuft. Im Zusammenhang mit Pfadabhängigkeit ist vielfach auch vom institutionellen "lock-in" die Rede, was die Assoziation nahe legt, dass weitreichende Pfadabweichungen oder Pfadwechsel als Ausnahmefälle betrachtet werden können. Der Beitrag unterzieht die vermeintlich allgemein gegebene Stabilitätsneigung pfadabhängiger Prozesse einer kritischen Prüfung. Die in der Literatur vorfindbaren Differenzen in der Begründung von Pfadabhängigkeiten deuten darauf hin, dass verschiedene kontinuitätssichernde Mechanismen wirksam sein können, wenn von Pfadabhängigkeit die Rede ist ("increasing returns", Komplementarität, Sequenzen etc.). Da die Mechanismen in unterschiedlicher Weise für grundlegenden Wandel anfällig sind, kann der Begriff der Pfadabhängigkeit nur als bedingt erklärungskräftig angesehen werden. Die ergänzende Benennung des jeweils zugrunde liegenden kontinuitätssichernden Mechanismus' ist demnach geboten, wenn der empirische Wert einer Aussage über ein an sich belangloses, weil immer zutreffendes "history matters" hinausgehen soll. Mit der Identifizierung von Mechanismen treten Chancen für intendierte Richtungswechsel ins Blickfeld der Betrachtung, womit auch einem impliziten Konservatismus des Pfadabhängigkeitstheorems entgegengewirkt werden kann.

Summary: "Path dependence" is at present one of the most widely used concepts in social science. The reinforcing nature of path-dependent processes is usually believed to be very strong and the idea of an institutional "lock-in" is often mentioned. Fundamental change or the switch to another path therefore seems to be unlikely when one or several of the social mechanisms are at work that are assumed to cause path dependency (e.g. increasing returns, complementarity, sequentiality). A closer look at the debate shows that these mechanisms cannot be considered entirely equivalent in terms of their potential to generate stability. They are each vulnerable to nongradual change in different ways and degrees. Thus, the explanatory power of the term "path dependence" is limited. An explicit specification of the actual mechanism is necessary if path dependence is to mean more than just the all too trivial observation that "history matters." With a focus on underlying mechanisms the feasibility of deliberate path departure comes to the fore and the all too probable "implicit conservatism" of the path dependence concept may be avoided.

 

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aktualisiert am 18.02.2005       http://www.uni-bielefeld.de/soz/zfs/

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