Jahrgang 36, Heft 1, Februar 2007 / Volume 36, Number 1, February
2007
Warum sind einige Länder so viel reicher als andere?
Zur institutionellen Erklärung von Entwicklungsunterschieden
Why Are Some Countries So Much Richer than Others?
On the Institutional Explanation of Developmental Differences
Johannes Berger
Universität Mannheim, Fakultät für Sozialwissenschaften,
D 7, 27, D-68159 Mannheim
E-mail: jberger@sowi.uni-mannheim.de
Zusammenfassung: Die gegenwärtige Lage
der Weltwirtschaft ist von enormen Einkommensunterschieden zwischen reichen
und armen Ländern geprägt. Entwicklungsunterschiede dieser Art gibt es
erst seit der Epoche des modernen wirtschaftlichen Wachstums (Kuznets).
Daher steht die Frage zur Beantwortung an, warum einige Länder wirtschaftlich
so viel erfolgreicher sind als andere. Im Aufsatz wird die Antwort des ökonomischen
Neoinstitutionalismus auf diese Frage behandelt. Dieser Ansatz erblickt
in „guten“ Institutionen die letztlich entscheidende Ursache des wirtschaftlichen
Erfolgs und versteht unter „guten“ Institutionen im Wesentlichen gesicherte
Eigentums- und Verfügungsrechte. Ohne die Relevanz „guter“ Institutionen
grundsätzlich in Zweifel zu ziehen, stellt der Autor kritische Fragen
an die Reichweite dieses Ansatzes und plädiert dafür, der Rolle des technischen
Fortschritts ein stärkeres Gewicht beizumessen. Entwicklungsunterschiede
sind zu einem großen Teil technologisch bedingt. Zwar hängt der technische
Fortschritt auch von gesicherten Eigentumsrechten an Erfindungen ab, aber
ein auf Dauer gestellter technischer Fortschritt verlangt eine kulturelle
Umgebung, die dazu ermutigt, die Grenzen vorhandenen Wissens zu überschreiten.
Wenn man die Grundannahme der neoklassischen Wachstumstheorie aufgibt,
daß der technische Fortschritt autonom und homogen ist, bleiben zwei Wege
offen, technologische Heterogenität zu modellieren: Der technische Fortschritt
ist entweder ein privates Gut, dessen Erzeugungsrate von länderspezifischen
Forschungsanstrengungen abhängt, oder er ist prinzipiell für alle Länder
gleich zugänglich, aber politische und kultureller Barrieren stehen seiner
Ausschöpfung im Wege. Aus soziologischer Sicht favorisiert der Aufsatz
den letzteren Ansatz und schließt mit einem Blick auf die sich aus ihm
ergebenden Folgerungen für die Wissenschafts- und Bildungspolitik.
Summary: Huge income differences across countries are a striking feature of the world economy today. Such developmental differences did not exist before the “epoch of modern economic growth” (Kuznets). Therefore the question arises why some countries are economically much more successful than others. This paper discusses how neo-institutionalist economics answers this question. This school of thought views “good” institutions as the fundamental cause of differences in economic development, defining good institutions as those that secure property rights. While it does not question the relevance of good institutions altogether, the paper proposes putting more emphasis on the role of technological progress. Developmental differences are largely determined by technology. It is true that technological progress depends on secure property rights in inventions, but continuous advances in science require a cultural environment that motivates people to transcend the limits of existing knowledge. If one dismisses the basic assumption of neo-classical growth economics that technological progress is autonomous and homogenous, two ways of conceptualizing a heterogeneous technology remain. Either technological progress is a private good, whose rate of production is dependent on country-specific investments in research and development, or it is equally open to all countries, but cannot fulfill its potential because of political and cultural barriers. From the sociological point of view the paper sympathizes with the latter assumption and concludes with a discussion of its political consequences.
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