Jahrgang 36, Heft 2, April 2007 / Volume 36, Number 2, April
2007
Value of Marriage
Der subjektive Sinn der Ehe und die Entscheidung zur Heirat
Value of Marriage
The Subjective Meaning of Matrimony and the Decision to Wed
Norbert F. Schneider, Heiko Rüger
Institut für Soziologie, FB 02, Johannes Gutenberg-Universität Mainz,
D-55099 Mainz
E-Mail: norbert.schneider@uni-mainz.de; h.rueger@gmx.de
Zusammenfassung: Seit Jahrzehnten
sinkt die Heiratsneigung in Deutschland und das Erstheiratsalter
steigt. Gleichzeitig etablieren sich zunehmend Lebensformen jenseits
der Ehe wie nichteheliche Lebensgemeinschaften und Paarbeziehungen
auf Distanz. Diese Entwicklungen werden individualisierungstheoretisch
als „Pluralisierung der Lebensformen“ und als empirische
Belege für eine wachsende Abkehr von der Institution Ehe
gedeutet. Aus nutzentheoretischer Perspektive wird der Rückgang
der Heiratsrate durch den im Zuge sozialen Wandels abnehmenden
Nutzen der Eheschließung im Vergleich zu anderen Handlungsalternativen
erklärt. Zudem, so wird aus dieser Sicht argumentiert, steigen
besonders für gut ausgebildete junge Frauen die Opportunitätskosten
einer Heirat wegen der damit verbundenen Einbußen an Handlungsautonomie.
Bei aller theoretischen und empirischen Evidenz dieser Deutungen
ist jedoch festzustellen, dass annährend vier von fünf
Angehörigen der um 1965 geborenen Kohorten mindestens einmal
in ihrem Leben heiraten werden. Es stellen sich die Fragen, warum
sich diese Personen für eine Heirat entscheiden und welchen
subjektiven Sinn sie der Ehe beimessen. Mit den Daten einer standardisierten
Befragung beider Partner (n=754) von Paaren, die zwischen 1999
und 2005 geheiratet haben, wurden explorative Clusteranalysen
durchgeführt. Die Ergebnisse verweisen auf eine hohe individuelle
Wertschätzung der kirchlichen Ehe bei einem erheblichen
Teil der Verheirateten und auf eine beträchtliche Bedeutung
traditioneller Einstellungen zur Ehe. Gleichzeitig relativieren
sie den Stellenwert der „Liebesheirat“.
Summary: For decades the marriage rate in
Germany has been declining and the age of first marriage has
been increasing. At the same time non-traditional living arrangements
like cohabitation and long-distance relationships have been spreading.
From the perspective of the theory of individualization these
developments are viewed as empirical evidence for pluralization
and for a rejection of the institution of marriage. Considerations
from the perspective of utility theory come to the conclusion
that marriage is losing in relevance because its utility is declining
in comparison to other alternatives due to social change. Moreover,
it is argued that especially for well-educated young women the
opportunity costs of a marriage are rising because of the loss
of autonomy and flexibility of married women. In spite of the
theoretical and empirical evidence for these interpretations
it is also true that almost four out of five members of the mid
1960’s birth cohorts in Germany marry at least once in
their lives. The questions are: Why do these people marry and
what subjective meaning do they ascribe to marriage? With data
from a standardized survey of both partners (N=754) of couples
who married between 1999 and 2005 explorative cluster analyses
have been conducted. The findings show the substantial importance
of traditional attitudes toward marriage, and they indicate to
a high individual evaluation of church marriages. Moreover, they
relativize the significance of the “love match”.
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