Sektion Soziale Probleme und soziale Kontrolle

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Soziale Probleme

Zeitschrift für soziale Probleme und soziale Kontrolle

 

 

Vom Sexualopfer zum Sexualtäter?

Unterscheiden sich pädosexuelle Straftäter von anderen Sexualstraftätern 
durch ein erhöhtes Opfer-Täter-Risiko? 
– eine empirische Pilotstudie

von Dieter Urban und Heiko Lindhorst

14. Jahrgang 2003, Heft 2, S. 137-161

Zusammenfassung

Die Studie untersucht, ob Kinder die zum Opfer sexuellen Missbrauchs oder zum Opfer physischer Gewalt in ihrem familiären Umfeld werden, einem erhöhten Risiko unterliegen, als erwachsene Sexualstraftäter selbst zum Täter pädosexueller Gewaltausübung zu werden. Eine theorie-orientierte Diskussion der Opfer-Täter-Abfolge erbringt fünf mögliche Wirkungsmechanismen zum Übergang aus der Opfer- in die Täterrolle pädosexueller Gewaltausübung. Daraus können drei Hypothesen zur pädosexuellen Opfer-Täter-Abfolge abgeleitet werden (Sexualopfer-, Gewaltopfer-, Gewaltkontext-Hypothese). Ein ereignisanalytischer Test dieser Hypothesen unter Verwendung von Daten, die aus den Gerichts- und Therapieakten einer selektiven Stichprobe von erstverurteilten Sexualstraftätern ermittelt wurden, bestätigt zwei der drei Hypothesen: Die Sexualopfer-Hypothese benennt den mit Abstand wichtigsten Risikofaktor für die Ausübung pädosexueller Gewalt von Sexualstraftätern. Ein weiterer Risikofaktor ergibt sich aus deviant/straffälligen familiären Sozialisationskontexten, während ein signifikanter Effekt non-sexueller Gewalterfahrung nicht nachgewiesen werden kann. Die Studie ist u.W. die erste deutsche Studie, die in systematischer Weise empirische Daten zur Überprüfung der Opfer-Täter-These im Bereich pädosexueller Strafdelikte auswertet und dabei ereignisanalytische statistische Verfahren einsetzt. Zwar handelt es sich um eine Pilotstudie, deren Ergebnisse nur bedingt verallgemeinerungsfähig sind. Allerdings kann die Notwendigkeit und Richtung weiterer empirischer Forschung deutlich aufgezeigt werden. 

Abstract

Do victims of sexual abuse become perpetrators? 
Is there a higher risk of transition from victim to perpetrator for paedo-sexual offenders 
than for other sex offenders? – Results of a pilot study.

The study investigates the risk of children, who had been victims of sexual or physical abuse by members of their family or foster family, to become perpetrators of sexual offen­ces as juveniles or adults. Five mechanisms transforming the experiences of victims into causes for subsequent violent types of paedophilia are identified using several theoretical approaches. Three hypotheses concerning the victim-to-abuser-cycle are derived from this. They refer to effects of sexual, violent and context-specific victimization. These hypotheses are tested by applying event analysis to data from content analyses of records of trials and psychotherapy of convicted first-time sex offenders, confirming two of the three hypotheses. The hypothesis concerning the effects of sexual victimization points to a most important risk factor for the victim-to-perpetrator-cycle of convicted sex offenders. The second risk factor concerns a deviant or criminal family context of socialization, however, there was no significant effect of non-sexual, physical abuse in childhood. Though this is a preliminary study of a highly selective group, it points to future directions of empirical research on the social causation of paedophilia.

  

Kontakt:  soziale.probleme@uni-bielefeld.de

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Letzte Änderungen: 14. April  2003

Axel Groenemeyer