Die Sektion Soziale Probleme und soziale Kontrolle

 

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Soziale Probleme
 
Deutsche Gesellschaft für Soziologie

Sektion

Soziale Probleme 

und soziale Kontrolle

 

Nachruf auf Hans Hartwig Bohle
 (1949-1998)

Viel zu früh ist im Alter von nicht ganz 50 Jahren Privatdozent Dr. Hans Hartwig Bohle in Bielefeld verstorben. Mit Hans Hartwig Bohle verliert die Disziplin einen hochqualifizierten und menschlich hervorragenden Kollegen, dessen Tod bekannt zu machen, dem Verfasser dieses Nachrufes eine schwere, aber auch ehrenvolle Last ist.

Hans Hartwig Bohle nahm nach der in Detmold und Lippstadt verbrachten Kindheit und Jugend, die zunächst durch den sehr frühen Verlust des Vaters überschattet, aber durch ein Leben unter der besonders liebevollen und fürsorglichen Obhut von Mutter und älteren Geschwistern ausgeglichen wurde, das Studium der Soziologie in Münster auf, um dann mit dem Wechsel der meisten Münsteraner Soziologen an die neugegründete Fakultät für Soziologie in Bielefeld sein Studium in Bielefeld fortzusetzen. Hier lernte ich ihn als einen meiner ersten Bielefelder Studenten im Wintersemester 1971/72 kennen, in einem Seminar mit ca. 8 bis 10 Studentinnen und Studenten, von denen viele heute Hochschullehrer bzw. Privatdozenten sind. Seit dieser Zeit habe ich Hans Hartwig Bohle beruflich und menschlich sehr gut kennen und in höchstem Maße schätzen gelernt

Aus den ersten Seminarveranstaltungen, die Bohle bei mir besucht hat, ging die Idee hervor, im Rahmen einer Diplomarbeit eine systematische Bilanzierung der Anomietheorie unter theoretischen und empirischen Gesichtspunkten vorzunehmen. Dieser Aufgabe hat sich Bohle mit großem Nachdruck gewidmet und eine Arbeit vorgelegt, die mit geringen Überarbeitungen als Buch unter dem Titel „Soziale Abweichung und Erfolgschancen. Die Anomietheorie in der Diskussion“ (Neuwied/Darmstadt: Luchterhand 1975) veröffentlicht wurde. Diese Schrift stellt neben dem ambitionierteren Werk von Lamnek zum Vergleich von Labeling Ansatz und Anomietheorie noch heute den zentralen deutschen Beitrag zur Anomietheorie dar, an dem keiner vorbei kann, der sich mit dieser Thematik beschäftigt. Sie zeigte schon alle Tugenden, die Hans Hartwig Bohle als Wissenschaftler auszeichneten: Sehr gründliche Auseinandersetzung mit den empirischen Sachverhalten und theoretischen Deutungen, klare und präzise Entwicklung der eigenen Argumente und große Umsicht und Vorsicht in der Wertung; Tugenden, die gerade der Soziologie sehr wichtig sein sollten, von der Zunft selbst – ganz zu schweigen von der außerdisziplinären Öffentlichkeit - leider nicht honoriert werden.

Nach dem Diplom hat sich Hans Hartwig Bohle zunächst als Stipendiat und danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Soziologie in seinem Dissertationsprojekt mit der Problematik der Sozialen Indikatoren im Rahmen der Soziologie sozialer Probleme beschäftigt. Der Abschluß der Dissertation ist Bohle –wie ich aus meiner Funktion als Betreuer und Gutachter weiß - sehr schwer gefallen. Bohle fühlte sich durch den großen Erfolg seiner Diplomarbeit unter einem hohen Erwartungsdruck und erfuhr hier an der eigenen Person das, was er in dieser Arbeit als die „Anomie des Erfolges“ bezeichnet hatte. Das Gefühl, eine Arbeit vorlegen zu müssen, die die Vorgängerin theoretisch und empirisch deutlich überträfe, hat ihn in gewisser Weise blockiert. Hinzu kam, daß Bohle seine Thematik weder rein technokratisch angehen wollte, wie es die meisten Arbeiten der damals blühenden Forschungsrichtung der Soziologie sozialer Indikatoren taten, noch in einer reinen Wissenssoziologie der Produktion offizieller statistischer Daten „verenden“ lassen wollte, wie es ihm von der damals fast uneingeschränkt dominanten Tradition des Labeling Approaches hätte nahe gelegt werden können. Bohle hat sich einen mühsamen und komplizierten Weg zwischen diesen beiden Extremen entwickelt und einen sehr reflektierten Vorschlag für eine anwendungsorientierte Soziologie sozialer Probleme unterbreitet („Soziale Probleme und Soziale Indikatoren. Ein Beitrag zur Diskussion der Anwendungsmöglichkeiten der Soziologie für das Problemfeld ‘Kriminalität‘ “, Berlin: Duncker & Humblot 1981).

In den folgenden Jahren hat sich Hartwig Bohle in Forschung und Lehre an der Fakultät für Soziologie einer breiten Palette von wissenschaftlichen Fragestellungen zugewendet, so daß er in den späteren Jahren im Rahmen seiner vielen Lehrstuhlvertretungen eine große Vielfalt von Thematiken in Lehre und Forschung anbieten konnte. Insbesondere in den Bereichen der Soziologie der Jugend und des Alters, der Sozialisation, der Familie, der Armut, der Berufssoziologie, der Theorie der Professionalisierung und der Soziologie sozialer Dienste kannte sich Bohle neben seiner soliden Beherrschung der Soziologie abweichenden Verhaltens bestens aus und konnte die entsprechenden Inhalte in didaktischer und inhaltlicher Hinsicht hervorragend vermitteln.

Mit besonderem Nachdruck hat sich Bohle in den Jahren seiner Assistententätigkeit mit zwei parallel verlaufenden Strängen von Fragestellungen beschäftigt. Auf der einen Seite hat er in Zusammenarbeit mit Studierenden die komplexe Frage untersucht, ob und inwiefern sich bestimmte makrosoziologische Deutungen des Modernisierungsprozesses am Beispiel der historischen Entwicklung von Selbstmordraten bewähren. Hierzu hat Hartwig Bohle eine Reihe von Forschungsberichten und einige interessante Diplomarbeiten angeregt und angeleitet, die auf der Basis von solide angelegten Zeitreihenanalysen Licht in diese dunkle Problematik zu bringen versucht haben. Diese Arbeiten, denen die hervorragende Kenntnis der verwendeten Theorien und die besondere Vertrautheit mit der oft problematischen Qualität sozialer Indikatoren auf Seiten des Betreuers anzumerken war, wollte Bohle integrieren und damit den Grundstein für eine dringend notwendige historisch angelegte Soziologie sozialer Probleme und sozialer Kontrolle legen.

Die Zeit dazu konnte er nicht finden, da er durch das sehr umfassend angelegte Habilitationsprojekt stark absorbiert war. In dieser sehr umfangreichen Schrift analysiert Bohle auf einem sehr hohen theoretischen und sprachlichen Niveau die Art und Weise, wie zentrale Klassiker der Soziologie die gesellschaftliche Entwicklung vor dem Hintergrund des Problems der sozialen Ordnung und insbesondere der sozialen Kontrolle gedeutet haben. Im Rahmen dieser Untersuchung gilt die besondere Aufmerksamkeit den einschlägigen theoretischen Konzepten bei Marx, Weber, Durkheim, Simmel und vor allem auch bei Norbert Elias, die subtil herausgearbeitet und miteinander verglichen werden. Der Ansicht der Gutachter, daß der insgesamt sehr gelungenen Arbeit der krönende Abschluß einer weitausgreifenden theoretischen Synthese fehle, konnte sich Bohle in seiner sehr disziplinierten, selbstkritischen Haltung nicht ganz verschließen, und er war sehr lange damit beschäftigt, für die Publikation nach jenem Schlußstein zu suchen und an diesem zu arbeiten. Diese Arbeit hat ihn lange Zeit beschäftigt, und er hat offensichtlich immer wieder entwickelte Lösungen als unzulänglich verworfen, so daß sich die Frage stellt, ob sich im Nachlaß jene Texte finden lassen, die Bohle selbst als so gelungen angesehen hätte, um seinen eigenen hohen Ansprüchen für eine Publikation zu genügen, die dem Werk ohne jeden Zweifel zu wünschen wäre. Nach meinen Erfahrungen mit Hans Hartwig Bohle wäre es vielleicht das beste gewesen, wenn er durch eine strikte vertragliche Bindung für den Zeitpunkt der Abgabe des Manuskriptes daran gehindert gewesen wäre, seine sicher längst gut gelungenen Lösungen zu verwerfen.

In den letzten Jahren hat sich Bohle erneut der Entwicklung und Weiterentwicklung der Anomietheorie zugewendet, wobei er sich insbesondere um eine Verknüpfung mit theoretischen Ideen aus der Individualisierungs- und der Desintegrationstheorie in Kooperation mit Wilhelm Heitmeyer bemüht hat. Gerade in diese Richtung hatte er in den letzten Jahren eine Reihe von Schritten getan und war dabei, zu neuen theoretischen Ufern aufzubrechen. Um so bedauerlicher ist es, daß Bohle aus diesen Arbeiten völlig unerwartet herausgerissen wurde.

Hans Hartwig Bohle hat in den letzten Jahren ohne feste Stelle seinen Lebensunterhalt durch die Wahrnehmung von Lehrstuhlvertretungen an verschiedenen Hochschulen bestreiten müssen (so z.B. in Vechta, Wuppertal, Dortmund, Halle an der Saale), und in der Regel haben sich diejenigen Fakultäten und Fachbereiche, an denen Bohle auf diese Weise lehren konnte, immer wieder darum bemüht, ihn als Lehrenden zu gewinnen, da sich sehr schnell zeigte, daß sie bei ihm an einen begnadeten akademischen Lehrer geraten waren, der mit Leib und Seele in der Arbeit mit Studierenden aufging. Ich selbst habe in Bielefeld anläßlich gemeinsamer Lehrveranstaltungen eine Menge durch ihn für meine eigene akademische Lehre profitiert.

Hans Hartwig Bohle hat mit vielen männlichen Altersgenossen ein hartes Los teilen müssen. Einerseits waren die meisten Lehrstühle im Bereich der Sozialwissenschaften kurz vor der Zeit, in der er seine formale Qualifikation für die Berufung zum Hochschullehrer erlangt hatte, durch vergleichsweise junge Hochschullehrer frisch besetzt worden, und von der Fluktuation profitierten vor allem jene, die schon gut dotierte Stellen bekleideten. Andererseits verhinderten die Maßnahmen zur gezielten Förderung von Frauen im Hochschulbereich wiederholt Berufungen Bohles - trotz vorderster Plazierungen auf Berufungslisten.

Diese Erfahrungen haben ihn verständlicherweise bitter gestimmt, aber sein Engagement nicht geschmälert und ihn auch nicht menschenfeindlich, aber doch menschenscheu werden lassen, obwohl Hans Hartwig Bohle ein sehr auf Geselligkeit angelegter Mensch war. Für den Verfasser dieser Zeilen stellt sich im nachhinein die Frage, ob die eigene Fakultät und er selbst alles, was möglich gewesen wäre, getan hat, um in dieser schwierigen Lage zu helfen. Der Gesundheit Bohles hat diese Entwicklung sicher geschadet, die Zuwendung zur katholischen Kirche, in der er seit Kindheit und Jugend fest verwurzelt war, hat ihm geholfen, den Mut nicht zu verlieren und in seinem Engagement nicht nachzulassen.

Dieses Engagement galt nicht nur der Wissenschaft, sondern vor allem den Menschen, zu denen er trotz einer gewissen Zurückhaltung alsbald Zugang zu finden vermochte. Soziologie war für Bohle daher auch keine Bücherwissenschaft, sondern er hat sie immer als empirische Wissenschaft verstanden und die Empirie in jeder Form beherrscht, von dem schwierigen Einsatz in der Feldforschung als teilnehmender Beobachter bei Ladendieben, über die Surveytechnik, die statistische Sekundäranalyse bis zur Arbeit an historischen Quellen.

Hans Hartwig Bohle hat sich keiner der vielen Theorietraditionen der Soziologie vorbehaltlos verschrieben, sondern z.B. Sympathien für die struktur-funktionalistische Soziologie mit einem regen Interesse für den symbolischen Interaktionismus zu verbinden gewußt. Seine Interessen reichten von sozial-technologischen Fragestellungen bis zur großen Gesellschaftstheorie, wobei ihm vor allem Ideen von Norbert Elias mehr und mehr ans Herz wuchsen.

Leider ist es Hans Hartwig Bohle nicht vergönnt gewesen, den ihm adäquaten Arbeitsplatz als Hochschullehrer zu finden. Das war für ihn bitter und enttäuschend, aber ich bin ganz sicher, daß es auch bedauerlich für die deutschen Hochschulen ist, denn sie haben einen Kollegen nicht für sich gewonnen, der ihnen fachlich und menschlich große Ehre gemacht hätte.

Günter Albrecht, im Dezember 1998

Kontakt:  soziale.probleme@uni-bielefeld.de
 

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Letzte Änderungen: 11. Januar 2000

Axel Groenemeyer