Sektion Soziale Probleme und soziale Kontrolle

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Soziale Probleme

 

 

Soziale Probleme

Zeitschrift für soziale Probleme und soziale Kontrolle

 

 

 

 

Zur Lage der Soziologie sozialer Probleme, abweichenden Verhaltens und sozialer Kontrolle an deutschen Universitäten

Erklärung der Gesellschaft für interdisziplinäre wissenschaftliche Kriminologie (GIWK) und 
der Sektion Soziale Probleme und soziale Kontrolle in der DGS

Die Lage der Soziologie sozialer Probleme, abweichenden Verhaltens und sozialer Kontrolle an deutschen Universitäten hat sich in den vergangenen Jahren verschlechtert und droht, sich weiter zu verschlechtern.

Die Stellen von drei Professuren, deren Inhaber sich vorwiegend mit der genannten Thematik befassten – Fritz Sack , Universität Hamburg, Rüdiger Lautmann und Stephan Quensel, beide Universität Bremen – wurden nach der Emeritierung / Pensionierung der Inhaber gestrichen bzw. umgewidmet. Von den gegenwärtig noch vorhandenen fünf Professuren, deren Inhaber vor allem Soziologie sozialer Probleme, abweichenden Verhaltens und sozialer Kontrolle betreiben (Günter Albrecht, Universität Bielefeld; Manfred Brusten , Universität/GHS Wuppertal; Helge Peters , Universität Oldenburg; Sebastian Scheerer , Universität Hamburg; Heinz Steinert, Universität Frankfurt), soll eine gestrichen werden (Brusten). Der Fortbestand zweier weiterer Stellen ist zweifelhaft.

 

Eingerichtet wurden die Stellen für die Soziologie sozialer Probleme, abweichenden Verhaltens und sozialer Kontrolle zu Beginn der 70er Jahre. Bis dahin wurde die genannte Thematik im Wesentlichen von strafrechtswissenschaftlich orientierten Kriminologen bearbeitet. Abweichendes Verhalten wurde vor allem als Kriminalität thematisiert – und zwar unter rechtlichen Gesichtspunkten. Mit der Einrichtung von Stellen für Soziologie sozialer Probleme, abweichenden Verhaltens und sozialer Kontrolle wurde – jedenfalls auch – der Versuch unternommen, die nur kriminologisch-juristische Sicht der Problem- und Devianzthematik zu relativieren. Soziologisches Denken sollte auch in diesem Bereich zur Geltung kommen.

 

Damit wurde der Anschluss an die internationale, insbesondere die britische und die amerikanische Verortung des Fachgebiets hergestellt. An den Hochschulen im United Kingdom und den USA gehören die Themenbereiche „Abweichendes Verhalten“, „Soziale Kontrolle“ und „Criminal Justice“ zum Stoffkanon der Sozialwissenschaften in Colleges und Universitäten. Die Fortschritte in diesen Themenbereichen sind weitgehend durch Rückbindung an sozialwissenschaftliche Theorieansätze erreicht worden.

 

Zwei Implikationen soziologischen Denkens hatten besonderen Einfluss auf die kriminologisch-juristische Sicht der Problem- und Devianzthematik:

 

(1) Die Prämisse der Willensfreiheit wurde in Frage gestellt.

(2) Die Sachverhalte wurden entdinglicht.

(Zu 1:) Von der Anomietheorie Robert K. Mertons, dem Klassiker der Soziologie abweichenden Verhaltens, über subkulturtheoretische Ansätze bis hin zu handlungstheoretischen Erklärungen waren sozialwissenschaftliche Erklärungen geeignet, die Verantwortlichkeitsbehauptung des Strafrechts zu relativieren.

 

(Zu 2:) Vor allem der etikettierungstheoretische Ansatz „raubte“ dem sozial problematisierten Verhalten seine Dinglichkeit: Die „Ursachen“ des Problems wurden nicht mehr beim Akteur gesehen. Die dem Labeling Ansatz zugrunde liegenden Vorstellung, dass Wirklichkeit „an sich“ qualitätslos ist, impliziert die Annahme, dass Probleme und Devianz das Ergebnis kontextorientierter Zuschreibungen sind.

 

Beide Implikationen soziologischen Denkens widersprechen verbreiteten Vorstellungen herkömmlicher Kriminologie. Dieser Widerspruch begründet ein Spannungsverhältnis, das zu durchaus fruchtbaren Auseinandersetzungen über den Umgang mit Devianz geführt hat. Eine Schwächung der Soziologie sozialer Probleme, abweichenden Verhaltens und sozialer Kontrolle würde diese Auseinandersetzung erschweren und am Ende unter der Dominanz der herkömmlichen Kriminologie zum Erliegen kommen lassen. Dies umso mehr, als auch die (seltenen) Stellen von mit Sozialwissenschaftlern besetzten Professuren für Kriminologie in rechtswissenschaftlichen Fakultäten (Lieselotte Pongratz, Universität Hamburg, Karl F. Schumann, Universität Bremen) Streichungskandidaten sind. Wenn sie nicht wegfallen, werden bei Neubesetzungen nur mehr Strafrechtler berufen, weil diese an Prüfungen des Ersten Staatsexamens und bei der Bewertung von Klausuren und Hausarbeiten im Strafrecht entlastend mitwirken können.

 

Insgesamt wird durch die genannten Tendenzen das Fachgebiet „Soziale Probleme, abweichendes Verhalten und soziale Kontrolle“ auf die Rahmenbedingungen der 60er Jahre zurückgeworfen, in denen der gesellschaftliche Umgang mit abweichendem Verhalten allein von Kriminologen der rechtswissenschaftlichen Fakultäten thematisiert wurde. Die aus jener Zeit noch erinnerliche wissenschaftliche Ste­ri­lität ließe das Fachgebiet im internationalen Kontext künftig wieder in Zweit­rangigkeit zurückfallen.

 

Neben diesen interdisziplinären Folgen der skizzierten Entwicklung wird aber auch der Beitrag der Soziologie sozialer Probleme, abweichenden Verhaltens und sozialer Kontrolle für die Entwicklung der Soziologie fraglich. Das beachtliche Gewicht etwa, das Symbolischer Interaktionismus und Ethnomethodologie für die soziologische Forschungs- und Theorieentwicklung gehabt haben, ergibt sich auch aus dem Umstand, dass sich vor allem Soziologen sozialer Probleme, abweichenden Verhaltens und sozialer Kontrolle an diesen theoretischen Ansätzen orientiert haben. Die Abweichungsthematik disponiert offenbar dazu, sozialwissenschaftliche Ansätze zu erproben und fortzuentwickeln, deren gemeinsame Kapazität darin besteht, das Ungewöhnliche als strukturell, subkulturell und subjektiv normal begreifen zu können und damit zu entdinglichen. Diese Fähigkeit der gesamten Soziologie wird im Objektbereich der Soziologie sozialer Probleme gewissermaßen einem Härtetest unterzogen. Mit der Schwächung der Soziologie sozialer Probleme, abweichenden Verhaltens und sozialer Kontrolle verlöre die Soziologie dann auch eine Chance, diese Fähigkeit ernsthaft zu erproben.

 

Wo immer die skizzierte und befürchtete Entwicklung erkennbar ist, sollte die soziologische Disziplin ihr entgegenwirken.

 

  

 

Kontakt:  soziale.probleme@uni-bielefeld.de

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Letzte Änderungen: 22. Mai 2002

Axel Groenemeyer