Wandel
sozialer Kontrolle, neue Konstruktionen sozialer Ordnung und die Herstellung von
Sicherheit
Tagung der Sektion
„Soziale Probleme und soziale Kontrolle" auf dem 31. Kongress der
Deutschen Gesellschaft für Soziologie, am 10. Oktober 2002 in Leipzig
Seit
einigen Jahren mehren sich sozialwissenschaftliche Diagnosen, die von einem „Epochenbruch"
oder „Paradigmenwechsel" der sozialen Kontrolle und der Politik sozialer
Probleme ausgehen. Der seit mehr als hundert Jahre die Politik sozialer Probleme
bestimmende Diskurs sozialer Kontrolle eine Reintegration und Resozialisierung
scheint viel von seiner Überzeugungskraft eingebüßt zu haben. So erleben wir
z.B. in der Kriminalpolitik einerseits eine stärkere Reorientierung der
Diskurse an Strafe („prison works") und einer Rückkehr zu Ideen einer
expressiven Punitivität, andererseits aber auch Formen einer
Entkriminalisierung und Normalisierung vormals abweichenden Verhaltens,
insbesondere bei Delikten ohne Opfer. Eine Remoralisierung abweichenden
Verhaltens scheint einher zu gehen mit Prozessen einer Entmoralisierung, die
sich eher an rational kalkulierten Risiken orientiert und nicht mehr auf Moral
und Normen als Fixpunkt der Konstruktion sozialer Ordnung und Sicherheit
bezieht.
Damit
verbunden sind auch in anderen Bereichen der Politik sozialer Probleme Prozesse
der „Entstaatlichung" und der Mobilisierung gemeinschaftlich oder
marktförmig organisierter Problembewältigung und sozialer Kontrolle.
Privatisierung oder Vermarktung sozialer Kontrolle, aktivierende Sozialarbeit,
gemeindeorientierte kommunale Kriminalprävention, neue Managementkonzepte im
Bereich sozialer Dienste, Zielvereinbarungen und eine Reorientierung der
Sozialpolitik auf familiale Unterstützung und Privatversicherung werden in
diesem Kontext immer wieder als Indikatoren für eine Entstaatlichung genannt.
Es ist allerdings zu fragen, ob es sich hierbei tatsächlich um einen Rückzug
staatlicher Interventionen handelt, möglicherweise haben wir es eher mit einen
Wandel staatlicher Regulation zu tun.
So
widersprüchlich diese allgemeinen Diagnosen auch scheinen, ihr gemeinsamer
Nenner besteht darin, dass sich die bislang als selbstverständlich angenommenen
Vorstellungen über die Produktion von Sicherheit und sozialer Ordnung
verändern, auch wenn durchaus noch unklar ist, in welche Richtung dieser Wandel
geht.
Mit
diesen wenigen Stichworten ist ein durchaus weites Feld abgesteckt, in dem sich
die gegenwärtigen Diskussionen um einen Wandel sozialer Kontrolle bewegen. Auf
der Sektionstagung sollen aber nicht nur theoretische Diskussionen über diesen
Wandel thematisiert, sondern eher Fallstudien aus unterschiedlichen Bereichen
referiert werden, die den theoretischen Debatten um einen Paradigmenwechsel
sozialer Kontrolle, um „Risikokriminologie" oder einen Formwandel von
Staatlichkeit eine bessere empirische Basis geben können.
Vorstellbar
und wünschenswert wären hierzu zum Beispiel Beiträge zu folgenden
Fragestellungen und Stichworten:
 |
Untersuchungen
und Erklärungen zur Privatisierung und Vermarktung sozialer und innerer
Sicherheit; |
 |
Modelle,
Projekte und Probleme der Mobilisierung von Gemeinschaften zur
Problembearbeitung und sozialen Kontrolle (z.B. kommunale
Kriminalprävention, gemeindeorientierte Sozialarbeit, Haushaltproduktion
sozialer Sicherheit); |
 |
Modelle
und Folgen der Entkriminalisierung bzw. Entmoralisierung oder
Rekriminalisierung bzw. Remoralisierung abweichenden Verhaltens und der
Deinstitutionalisierung und Informalisierung sozialer Kontrolle (z.B. in
den Bereichen Drogenkonsum, Sexualität, Gesundheit); |
 |
Untersuchungen
zum Wandel sozialer Integration und sozialer Ordnung (z.B.
ethnisch-kulturelle Gemeinschaftsbildung, „gated communities",
virtuelle Gemeinschaften, städtische Segregation). |
Kollegen
und Kolleginnen, die auf dieser Tagung einen Vortrag halten wollen, werden
gebeten, bis zum 1. April 2002 einen Themenvorschlag mit einem kurzen Exposé
beim Sprecher der Sektion einzureichen.
Axel
Groenemeyer, Universität Bielefeld,
Fakultät für Soziologie, Postfach 100 131,
33501 Bielefeld. Telefon: 0521-106 4634, Fax: 0521-106 5844
E-mail:
soziale.probleme@uni-bielefeld.de
Call for Papers
Globalisierung
sozialer Probleme und die Ethnisierung von Alltagskonflikten in modernen
Wohlfahrtgesellschaften
Gemeinsame Tagung
der Sektionen „Soziale Probleme und soziale Kontrolle" und „Jugendsoziologie"
auf dem 31. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, am 9. Oktober
2002 in Leipzig
Ein
zentraler Bezugspunkt des Kongressthemas „Entstaatlichung und soziale
Sicherheit" stellt das Konzept der Globalisierung dar. Allerdings handelt
es sich hierbei nur um einen allgemeinen Oberbegriff, mit dem sehr viele
verschiedene Bedeutungen verbunden werden und unterschiedliche Dimensionen und
Aspekte gemeint sind. Als eines der bedeutendsten und im Alltagsleben direkt
erfahrbaren Aspekte der Globalisierung kann die verstärkte Konfrontation mit
„Fremden" angesehen werden.
Internationale
Migration und ihre Auswirkungen auf die Einwanderungsländer gehört zu den „klassischen"
Themen der Soziologie sozialer Probleme, und ihre öffentliche Thematisierung
als „sozialer Desorganisation" in der Stadt bildete eine der zentralen
Antriebsenergien für die Etablierung einer Soziologie sozialer Probleme im
Rahmen der Chicagoer Schule. Nach einer langen Zeit, in der Migration kaum
thematisiert worden war, erleben wir seit etwa zwanzig Jahren eine
Wiederentdeckung und erneute Problematisierung dieses Themas sowohl in der
öffentlichen und politischen Diskussion als auch in der
sozialwissenschaftlichen Forschung. Allerdings findet diese Thematisierung heute
im Rahmen einer zweiten Globalisierung unter anderen gesellschaftlichen,
ökonomischen und kulturellen Rahmenbedingungen statt. So trifft die Migration
z.B. jetzt nicht mehr auf Gesellschaften mit einer prosperierenden Wirtschaft
und einem im Ausbau befindlichen System wohlfahrtsstaatlicher Leistungen, so
dass Inklusions- oder Integrationschancen von Migranten und Migrantinnen
zumindest über den Arbeitsmarkt deutlich reduziert sind. Gleichzeitig und
möglicherweise als eine Folge davon finden wir sowohl auf Seiten der Migranten
und Migrantinnen als auch auf Seiten der Einwanderungsgesellschaft eine
Neudefinition oder Neukonstruktion von Ethnizität und neue ethnisch definierte
Gemeinschaftsbildungen.
Hieraus
ergeben sie zwei Fragenkomplexe, die auf der Tagung im Vordergrund stehen
sollen: Erstens werden in der öffentlichen und politischen Diskussion eine
ganze Reihe verschiedener sozialer Probleme in Zusammenhang mit Ethnizität und
ethnisch oder kulturell definierter Zugehörigkeit thematisiert (z.B. „Ausländerkriminalität",
organisierte Kriminalität, Arbeitslosigkeit, Desorganisation/Desintegration).
Migranten und Migrantinnen werden in diesem Kontext zu einer Bedrohung der
sozialen und inneren Sicherheit und manchmal zu einer neuen „dangerous class"
stilisiert. Zweitens werden damit auch Konflikte im Alltag über diese
ethnischen oder kulturellen Zuschreibungen (re)-definiert, was sich nicht nur in
rassistisch oder rechtsradikal motivierten Gewaltakten ausdrückt, sondern z.B.
auch im Anzeigeverhalten oder in mehr alltäglichen jugendlichen
Gruppenkonflikten.
Auch
wenn dieser Aspekt nicht auf Jugendliche und Heranwachsende beschränkt ist, so
zeigen sich die Auswirkungen in diesen Altersgruppen doch am deutlichsten. Die
Konstruktion der ethnischen und kulturellen Zugehörigkeit ist nicht nur zu
einem neuen Fixpunkt der Selbstdefinition und Identitätsbeschreibung, sondern
häufig auch zu einem zentralen Abgrenzungskriterium im Alltag geworden. Von
daher soll diese Tagung sich im wesentlichen mit der Ethnisierung von Konflikten
im Jugendalter beschäftigen.
Diese
beiden Komplexe und ihre Verbindungen stellen den Fokus dar, auf den sich die
Beiträge der Tagung konzentrieren sollen. Vorstellbar und wünschenswert wären
hierzu zum Beispiel Beiträge zu folgenden Fragestellungen und Stichworten:
 |
Untersuchungen
und Erklärungen zur „Ethnisierung sozialer Probleme" in Politik,
Wissenschaft und Alltag; |
 |
Prozesse
der Bildung ethnischer Identitäten und Gruppen, insbesondere auch bei
Jugendlichen und Heranwachsenden; |
 |
Prozesse
ethnisch-kultureller bzw. religiöser Gemeinschaftsbildung, „ethnische
Konflikte" und rassistische Gewalt; |
 |
Modelle
und Probleme der Multikulturalität im Alltag, alternative Konzepte der
Integration. |
Kollegen
und Kolleginnen, die auf dieser Tagung einen Vortrag halten wollen, werden
gebeten, bis zum 1. April 2002 einen Themenvorschlag mit einem kurzen Exposé
bei den Sprechern der Sektionen einzureichen.
Axel
Groenemeyer, Universität Bielefeld,
Fakultät für Soziologie, Postfach 100 131,
33501 Bielefeld. Telefon: 0521-106 4634, Fax: 0521-106 5844
E-mail:
soziale.probleme@uni-bielefeld.de
Jürgen
Mansel, Universität Bielefeld,
Fakultät für Pädagogik, Postfach 100 131,
33501 Bielefeld. Telefon: 0521-106 3166, Fax: 0521-106 6415
E-mail:
juergen.mansel@uni-bielefeld.de
Call for Papers
Wissenssoziologie
des Rechts
Veranstaltung der
Sektion Rechtssoziologie auf dem Soziologiekongress in Leipzig 2002
Die
Sektionsveranstaltung „Wissenssoziologie des Rechts" ist der Frage
gewidmet, ob und inwiefern eine wissensorientierte Soziologie einen theoretisch
relevanten Beitrag zur Rechtssoziologie leisten kann. Dabei steht die Rolle des
Rechts in der Wissensgesellschaft im Zentrum des Interesses. Mit dieser
thematischen Orientierung werden verschiedene Diskussionen der letzten Jahre
fortgeführt und theoretisch gebündelt, die beispielsweise auf methodologischer
Ebene und allgemein auf dem Gebiet der Rechtstheorie, in der
Professionalisierungsforschung, auf dem Feld der Risikoregulierung, aber auch in
der Verwaltungsforschung der Kategorie des „Wissens" verstärkte
Aufmerksamkeit gewidmet haben. Wenn man überprüfen will, ob und in welcher
Weise eine wissenssoziologische Perspektive die soziologische Beobachtung des
Rechts inspirieren kann und soll, stellen sich folgende Fragen, die im Rahmen
der Sektionsveranstaltung diskutiert werden:
Welches
sind die Bedingungen und Formen der Produktion und Reproduktion rechtlichen
Wissens? Unterscheidet sich rechtliches Wissen von anderen Wissensformen,
beispielsweise derjenigen des Wissenschaftssystems? In welcher Weise wird das
Recht von Leistungsbeziehungen zu anderen spezialisierten Formen der
Wissensproduktion und -akkumulation (Recht und Wissenschaft: Sachverständige,
Zeugen, „Wahrheit") beeinflußt? In welcher Form, unter welchen
Bedingungen bilden sich beispielsweise in Organisationen - in Justiz und
öffentlicher Verwaltung, aber auch in privaten Organisationen - spezifische
Formen von rechtlichem Wissen aus und wie benutzen Organisationen dieses Wissen?
Welche Aufgabe kommt rechtlichen Professionen bei der Produktion und
Reproduktion rechtlichen Wissens zu? Welche Rolle spielt rechtliches Wissen in
Interaktionen?
Diese
Fragen sollen in fünf Themenblöcken diskutiert werden:
 |
"Wissen"
als Beobachtungsperspektive einer Soziologie des Rechts |
 |
Recht
in der Wissenschaftsgesellschaft: rechtliches und wissenschaftliches
Wissen |
 |
Anpassung
und Lernen: Das rechtliche Wissen von Organisationen |
 |
Der
rechte Umgang mit Wissen: Rechtsprofessionen |
 |
Rechtswissen
in Interaktionen |
Wir
laden zur Einreichung von Referatvorschlägen ein, die bezogen auf einen dieser
Themenblöcke den Stellenwert einer Wissenssoziologie des Rechts für die
rechtssoziologische Analyse reflektieren.
Angebote
werden bis 31. Mai 2002 erbeten an:
Prof.
Dr. Alfons Bora, Universität Bielefeld, Institut für Wissenschafts- und
Technikforschung, Postfach 100131, 33501 Bielefeld, Tel. 0521.106.4673, Fax
0521.106.6463
E-mail:
bora@iwt.uni-bielefeld.de
Ausschreibung
des Fritz Sack Preises für Kriminologie
Mit
dem Fritz Sack Preis für Kriminologie sollen alle zwei Jahre
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ausgezeichnet werden, die sich mit
einer hervorragenden wissenschaftlichen Arbeit in besonderer Weise um die
Entwicklung oder Förderung der interdisziplinären wissenschaftlichen
Kriminologie verdient gemacht haben.
Der
Preis wird von der Gesellschaft für wissenschaftliche interdisziplinäre
Kriminologie verliehen.
Preissumme
Die
Preissumme beträgt 1500.- Euro. Sie wird einem Preisträger oder einer
Preisträgerin oder einem Autoren-/Autorinnen-Team verliehen. Dem Vorstand der
Gesellschaft bleibt das Recht vorbehalten, aus finanziellen Gründen die
Preissumme neu festzusetzen oder die Ausschreibung des Preises auszusetzen.
Preisvergabe
Mit
dem Preis werden ein Autor/eine Autorin oder ein Autoren-/Autorinnen-Team für
bereits veröffentlichte Arbeiten - dies können eine oder mehrere
wissenschaftliche Aufsätze oder Monographien sein - ausgezeichnet, die nicht
länger als zwei Jahre vor Ablauf der Nominierungsfrist publiziert wurden.
Über
die Preisverleihung entscheidet eine - von der Mitgliederversammlung der
Gesellschaft gewählte - unabhängige Fachjury auf der Grundlage der
eingegangenen Nominierungen mit der einfachen Mehrheit ihrer Mitglieder. Die
Entscheidung ist endgültig und unanfechtbar. An Mitglieder der Jury und des
Vorstands der Gesellschaft kann der Preis nicht verliehen werden.
Nominierungen
Nominierungen
sind bis zum 30. August 2002 mit einer Begründung, die zwei Seiten nicht
überschreiten soll, an die Fachjury (c/o Geschäftsstelle der GIWK)
einzureichen.
Zusammensetzung
der Jury
Die
Fachjury besteht zur Zeit aus Prof. Dr. Susanne Karstedt (Keele/GB), Prof. Dr.
Rüdiger Lautmann (Bremen), PD Dr. Gabi Löschper (Hamburg),Prof. Dr. Wolfgang
Naucke (Frankfurt/M.), Prof. Dr. Gerlinda Smaus (Saarbrücken) .
Anschrift
Geschäftsstelle
der GIWK
PD
Dr. G. Löschper
Universität
Hamburg
Troplowitzstr.
7
D
22529 Hamburg