Editorial
Die soziologische Diskussion wird heute durch eine sehr große
Zahl von Unterscheidungen strukturiert, und jeder spezifische
Beitrag zu dieser Diskussion wird dadurch zur Auswahl gezwungen.
Er muß einige dieser Unterscheidungen herausgreifen und andere
weglassen in einem Prozess, der immer auch anders verlaufen könnte.
Jedem Beitrag liegt insofern ein vereinfachter Zugriff auf die
Diskussionlage des Faches zugrunde, und man kann leicht erkennen,
wie als Folge solcher Vereinfachungen die Komplexität der Gesamtlage
anwächst und zunehmend unübersichtlich wird. Auch eine theoretisch
anspruchsvolle Zeitschrift, die zum Wiedergewinn von Übersicht
unter genau diesen Bedingungen beitragen will, kann daran nichts
ändern. Auch ihr Beitrag muß die Unterscheidungen wählen, von
denen er sich bestimmen läßt, und auch er setzt sich dadurch der
Kontingenz und in ihr der Beobachtung durch andere aus. Umso mehr
hängt davon ab, daß es gelingt, die für sie wichtigen Unterscheiungen
so präzise wie möglich zu klären. Da die für uns wichtigen Unterscheidungen
im Namen der Zeitschrift enthalten sind, kann seine Erläuterung
ein Schlüssel zu ihrem Programm sein. Wir beschränken uns auf
fünf Punkte:
(1) Der Titel der Zeitschrift zitiert ein spezifisches Theorieprogramm,
ihr Untertitel macht allgemeinere Ansprüche geltend. Den Hintergrund
dafür gibt eine Lage, in der ein nicht unerheblicher Teil der
Diskussion über soziologische Theorie (im allgemeinen) als Diskussion
über die Theorie sozialer Systeme (im besonderen) geführt wird.
Offenbar ist mit der Systemtheorie ein ebenso spezifischer wie
universalistischer Ausgangspunkt für weitere Entwicklungen markiert,
an dem auch und gerade die Arbeit an anderen Theorien von ähnlicher
Reichweite nicht einfach vorbeigehen kann. In dieser Situation
erscheint es uns sinnvoll, auch das Programm einer Zeitschrift
für soziologische Theorie an diesen besonderen Ausgangspunkt zu
binden. Diese Bindung impliziert eine gewisse Konzentration auf
Systemtheorie, nicht jedoch den Verzicht auf jede Präsentation
von vergleichbaren, aber konkurrierenden Ansätzen innerhalb der
soziologischen Diskussion. In genau diesem Sinne soll die Zeitschrift
"Soziale Systeme" eine Zeitschrift für soziologische
Theorie sein. Sie unternimmt den Versuch, die Geschlossenheit
eines theoretischen Programms mit der eben dadurch strukturierten
Offenheit für grundbegriffliche Alternativen zu kombinieren. Beiträge
solcher Autoren, die an einem Kontrastprogramm zur Systemtheorie
arbeiten, sind dabei umso mehr willkommenen, je deutlicher diese
kritische Beziehung zur Systemtheorie auch in ihnen selbst formuliert
wird. Wir hoffen, daß auf diese Weise ein ebenso diskussionsintensives
wie streitlustiges Forum entsteht, das einen Theoriepluralismus
ohne Ausgewogenheit, aber vielleicht auch ohne die Gefahren der
Sterilität zu praktizieren vermag.
(2) Daß es sich um eine Zeitschrift für soziologische Theorie
handeln soll, impliziert keine Abwertung der empirischen Forschung
und ihrer Ergebnisse. Zwar wollen wir uns bevorzugt um Beiträge
bemühen, die theoriebewußt und unterscheidungsgenau ansetzen.
Aber weder die Flucht in ein Spiel mit Begriffsartefakten, das
am Ende sich selber genügt, noch der ebenso standardisierte wie
folgenlose Protest dagegen würden dem Programm dieser Zeitschrift
gerecht. Die Wissenschaftsgeschichte der vergangenen Jahrzehnte
hat zwar die Erwartung enttäuscht, wonach Theorie sich mit dem
Fortschreiten der empirischen Forschung wie von selbst einstellen
werde. Die Arbeit an soziologischen Theorien scheint an die Grundform
einer Intervention in verselbständigte Begriffszusammenhänge gebunden,
die empirisch unterbestimmt bleibt. Aber das letzte Kriterium
solcher Interventionen liegt auch für uns in der Frage, zu welcher
Art von Erfahrung wir damit den Zugang gewinnen oder verlieren.
Die Auswahl der Beiträge steht daher unter der doppelten Fragestellung,
welche Theoriefolgen bestimmte Beschreibungen und welche Beschreibungsmöglichkeiten
bestimmte Theorientwicklungen freisetzen. Dahinter steht ein erweitertes
Verständnis von empirischer Forschung, das neben den bereits anerkannten
Kategorien selbstproduzierter Daten auch mit Informationen anderer
Art, zum Beispiel mit gut dokumentierten Begriffsgeschichten,
aber auch mit den nur scheinbar trivialen Selbstverständlichkeiten
des Alltags etwas anfangen kann.
(3) Aus der Konzentration auf die Theorie der sozialen Systeme
ergibt sich zum einen, daß wir den Anspruch dieser Theorie, ein
facheinheitliches Forschungsprogramm anzubieten, an möglichst
heterogenen Gegenstandsfeldern überprüfen und zur Diskussion stellen
werden. So besteht zum Beispiel die Absicht, den bisherigen Schwerpunkt
der Systemtheorie, der allzu eindeutig auf Untersuchungen zur
modernen Gesellschaft lag, sowohl durch die Einbeziehung von Beiträgen
zu älteren Typen von Gesellschaft als auch durch die Einbeziehung
von Beiträgen zu anderen Typen von sozialen Systemen zu erweitern.
Neben den Arbeiten zur Theorie der modernen Gesellschaft und ihrer
Vorgängerinnen sollen daher auch die Soziologie der Organisation
und die Soziologie der Interaktion unter Anwesenden mit eigenen
Schwerpunkten stärker berücksichtigt werden. In der Darstellung
und Weiterentwicklung der hier zuständigen Theorien sehen wir
einen wichtigen Teil unserer redaktionellen Funktion. In diesem
Sinne soll die "Zeitschrift für soziologische Theorie"
eine Zeitschrift für soziale Systeme (und nicht etwa nur
für die Gesellschaftstheorie) sein. Wir hoffen, daß auf diese
Weise ein Forum entsteht, das die auch heute noch vorherrschende
Gleichsetzung von allgemeiner Theorie mit Gesellschaftstheorie
auflösen kann, ohne in den komplementären Irrtum einer Gleichsetzung
mit Interaktionstheorie zu verfallen.
(4) Aus der Konzentration auf Systemtheorie ergibt sich zum anderen,
daß wir auch die Systemforschung in anderen Disziplinen beobachten
und über deren Fortschritte berichten werden. Dabei wollen wir
uns vor allem an solche Entdeckungen halten, die in ihrer Bedeutung
für die Erforschung sei es der lebenden, sei es der psychischen
Systeme nicht aufgehen, sondern auf der Ebene einer allgemeinen
Systemtheorie rekonstruiert werden können. Nur in dem Maße nämlich,
in dem eine solche Abstraktionsleistung gelingt, kann auch die
Theorie der sozialen Systeme, und mit ihr vielleicht auch die
Soziologie, aus solchen Entdeckungen lernen. Der Umstand, daß
der Systembegriff (und mit ihm die Begriffe der Evolution ebenso
wie der Kognition) heute in mehr als nur einer Disziplin anwendbar
ist, soll also nach Möglichkeit ausgenutzt werden, um interdisziplinäre
Lernprozesse in Gang zu setzen. Wir hoffen, daß der Anspruch,
die soziologische Theorie so zu schreiben, daß die Kontakte zu
anderen Disziplinen nicht abreißen, auf diese Weise bewährt werden
kann. In genau diesem Sinne soll die "Zeitschrift für soziologische
Theorie" eine systemtheoretische Zeitschrift sein.
(5) Vor allem aber soll es sich um eine Zeitschrift handeln.
Die Betonung muß dabei mehr auf der Zeit als auf der Schrift und
mehr auf der Aktualität möglicher Beiträge als auf ihrer Archivierbarkeit
liegen. Das impliziert einen nicht nur akademischen Bezug auf
diese Aktualität. Es geht uns nicht nur um die Neuerscheinungen
der Forschung, sondern auch auch um das Neue, das in der Gesellschaft
selber erscheint. Wo immer wir den Eindruck gewinnen, daß die
Forschung uns über solche Neuheiten nicht informiert, wollen wir
uns daher die Freiheit nehmen, dem Unbekannten in einer Form zu
begegnen, die das Provisorium zu einem Moment ihrer eigenen Organisation
erhebt. Es besteht also die Absicht, den zeitdiagnostischen Essay
zu pflegen. Das Interesse an dieser Form und an ihren spezifischen
Möglichkeiten liegt für uns in der Konsequenz eines Forschungsprogramms,
das nicht nur Wissenschaft, sondern auch Selbstbeschreibung der
modernen Gesellschaft, nicht nur Soziologie, sondern auch, und
prägnanter, soziologische Aufklärung sein will.
