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Universität Bielefeld - Fakultät für Soziologie

 

 

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Literaturverzeichnis
Fußnoten

 

 

Die Nachträglichkeit der Semantik

Zum Verhältnis von Sozialstruktur und Semantik

 

Urs Stäheli

 

Zusammenfassung: Das Verhältnis von Sozialstruktur und Semantik wird in Luhmanns Werk meist als eine indirekte Anpassung der Semantik an die Sozialstruktur beschrieben. In einem ersten Teil des Aufsatzes wird gefragt, wie Luhmann diese ,lineare Nachträglichkeit‘ der Semantik in der allgemeinen Theorieanlage verankert. Eine derartige Relationierung bleibt aber teilweise den von Luhmann verworfenen marxistischen und wissenssoziologischen Modellen von Semantik und Kultur verpflichtet, da auch hier die Sozialstruktur als ein der Semantik Äußerliches vorausgesetzt wird. Diskutiert werden soll, ob und wie eine derartige Annahme mit der allgemeinen Theoriearchitektur kompatibel ist. Dabei stehen zwei mögliche Einbettungen, die von Luhmann vorgeschlagen werden, im Vordergrund: zum einen der Bezug auf den allgemeinen Strukturbegriff, zum anderen der Versuch einer beobachtungstheoretischen Verankerung. Im zweiten Teil wird – ausgehend von den Problemen, die eine grundbegriffliche Verankerung der Sozialstruktur/Semantik-Unterscheidung produziert – ein alternatives Modell von Nachträglichkeit vorgeschlagen. Informiert durch die psychoanalytische Figur der Nachträglichkeit kann das Verhältnis von Semantik und Sozialstruktur flexibler organisiert und die konstitutive Rolle von Beschreibungen für das durch sie Beschriebene gedacht werden.

 

Warum, so fragt Luhmann (1995a, 171) in einem Aufsatz zur Semantik der Postmoderne, soll man sich überhaupt mit einer gesellschaftlichen Selbstbeschreibung beschäftigen, die kaum versucht, Realitäten auf der operativen und strukturellen Ebene sozialer Kommunikation zu berücksichtigen. Der euphorische Abschied von der Moderne, so wird kritisch eingewendet, verkennt, daß sich sozialstrukturell keine epochalen Veränderungen festmachen lassen. Mich interessiert diese Aussage hier nicht hinsichtlich des unfruchtbaren Streits, ob die Moderne ihr Ende gefunden habe und woran man das letztlich feststellen kann. Vielmehr geht es um die begrifflichen Annahmen, die Luhmanns Frage nach der Realität der Postmoderne organisieren. Um die Semantik der Postmoderne zu kritisieren, muß sie ihrer Gegenseite gegenübergestellt werden. Die Gesellschaft wird hier also in zwei unterschiedliche Bereiche aufgeteilt: zum einen in Beschreibungen, die häufig andere Beschreibungen beschreiben, zum anderen in eine "sozialstrukturelle-operative" Ebene, auf der Entwicklungen stattfinden, für deren Beschreibung die Semantik sich trotz ihrer postmodernen Geschwätzigkeit als eigentümlich begriffslos erweist.

Welche Beziehung besteht zwischen den beiden Seiten der Unterscheidung von Sozialstruktur und Semantik? Und wie werden diese Beziehungen begründet? Ich möchte das Problem gerne anhand von zwei weiteren Beschreibungen von Semantiken vertiefen. Zuvor sei angemerkt, daß mich hier Semantik als Selbstbeschreibung von Funktionssystemen (und nicht der gesamte Fundus von semantischen Formen) interessiert. Dabei muß es sich nicht notwendigerweise um Reflexionstheorien handeln, sondern es geht um den allgemeineren Bereich der Identitätsbezeichnungen von Systemen(1). In die Kunst der Gesellschaft betont Luhmann (1995b, 393f.), daß das Kunstsystem nicht wissen muß, was Kunst ist, um Kunst herzustellen. Vielmehr schließen Kunstwerke, die als basale Operationen des Kunstsystems definiert sind, an Kunstwerke an. Die Semantik des Kunstsystems versucht zu beschreiben, was das System tut und stellt nachträglich fest, daß die vergangenen Operationen Kunst gewesen sind. Man könnte die Rolle der Semantik als Begriffsarbeit bestimmen, die das Unbegriffliche auf den Begriff bringt. Es handelt sich hier jedoch nicht um die Entfaltung eines latenten Wesens der Kunst, sondern um stets kontingente Selbstbeschreibungen, die von keiner ,Essenz‘ des Systems gestützt werden.

Schaut man sich Luhmanns Bemerkungen in Soziale Systeme zum politischen System an, dann stößt man auf eine zweite Konzeption des Verhältnisses von Sozialstruktur und Semantik. Hervorgehoben wird hier, daß nicht jede Machtoperation automatisch dem politischen System zugeordnet werden kann, da z.B. auch Organisationen das Machtmedium verwenden. Mächtige Operationen mögen zwar andere mächtige Operationen erkennen; sie erweisen sich aber als defizient, wenn es darum geht, spezifische politische Macht zu identifizieren. Aus diesem Grund erhält im politischen System die Semantik des Staates eine zentrale Rolle, da sie "ähnlich wie im Falle von Geld, zur mitlaufenden Sinnverweisung aller Operationen" wird. Erst sie ermöglicht jene Geschlossenheit, die etwa im Wirtschaftssystem das symbolisch generalisierte Medium von sich aus zu leisten imstande ist (Luhmann 1984, 627). Müßte das politische System auf die Staatssemantik (oder ein semantisches Äquivalent) verzichten, würde es in unerträgliche Verwirrungen geraten, da ihm das Abgrenzungskriterium zu anderen Machtformen fehlte(2). Im Gegensatz zum Kunstsystem scheint das politische System also wissen zu müssen, wie es sein eigenes Tun beschreiben kann, um seine Autopoiesis fortsetzen zu können(3).

Das hier interessierende Verhältnis von Sozialstruktur und Semantik wird in den obigen Beispielen unterschiedlich konzipiert. Die ersten beiden Fälle – die postmoderne Semantik und die Selbstbeschreibung des Kunstsystems – verweisen darauf, daß die Semantik auf etwas bereits Existierendes Bezug nehmen muß. Die Semantik befindet sich in einer Situation ,linearer Nachträglichkeit‘. Linearität meint hier nicht, daß sich eine Semantik bruchlos aus der Gesellschaftsstruktur ableiten ließe, sondern eine chrono-logische Nachordnung der Semantik gegenüber sozialstruktureller Prozesse. Diese Nachordnung schließt für die Systemtheorie, wie noch ausgeführt wird, keineswegs aus, daß es empirisch zu semantischen ,Voranpassungen‘ kommen mag. Ausschlaggebend für die Bestimmung ,linearer Nachträglichkeit‘ ist die argumentationslogische (und nicht notwendigerweise empirische) Nachordnung der Semantik. Während also die Semantik der Postmoderne und die des Kunstsystems von Luhmann im Modus der ,linearen Nachträglichkeit‘ eingeführt werden, erweist sich die Semantik beim politischen System als konstitutiv für die Genese jener mächtiger Operationen, die sie später erst als Staat beschreiben wird. Wie verhalten sich die beiden Argumente einer ,linearen Nachträglichkeit‘ einerseits, und andererseits der konstitutiven Rolle von Semantik zueinander?

Um diesem Problem genauer nachzugehen, werde ich zunächst das in der Systemtheorie dominante Modell der ,linearen Nachträglichkeit‘ der Semantik darstellen (I). Dies führt mich zur Frage, wie eine derartige Relationierung der Gesellschaftsstruktur/Semantik-Unterscheidung innerhalb der Systemtheorie grundbegrifflich abgestützt wird, bzw. ob sie sich in der allgemeinen Theorie verankern läßt. Hierbei interessieren v.a. zwei konzeptuelle Verbindungen: zum einen die Rolle des Strukturbegriffs, der in der Bezeichnung ,Gesellschaftsstruktur‘ prominent hervorgehoben wird (II), zum anderen der Versuch einer beobachtungstheoretischen Grundlegung. Gerade letzteres scheint für Luhmann angesichts der beobachtungstheoretischen Reformulierung der Systemtheorie ein attraktives Unternehmen darzustellen. Gleichzeitig ergeben sich aber schwerwiegende theoretische Probleme, wenn man versucht, die lineare Nachträglichkeit der Semantik auf diese Weise zu begründen (III). Diese Diskussion dient als Grundlage für die Skizzierung eines alternativen Verständnisses der Nachträglichkeit von Selbstbeschreibungen. Vorgeschlagen wird, einerseits mit der Asymmetrisierung der Unterscheidung flexibler umzugehen, andererseits die konstitutive Rolle von Semantiken der Selbstbeschreibung für die systemische Autopoiesis zu denken (IV).

I. Zur Asymmetrie der Sozialstruktur/ Semantik-Unterscheidung(4)

Die Universalität der Systemtheorie zeigt sich nicht zuletzt in ihrer Fähigkeit, Begriffe aus unterschiedlichsten disziplinären und theoretischen Kontexten in ihren eigenen Theoriehorizont einzuschreiben. Auch der Begriff der Semantik gehört zu diesen Importen: Von der Begriffsgeschichte(5) wurde er über die Eingangstür der Evolutionstheorie in die Systemtheorie eingelassen. Als andere Seite der sozialstrukturellen Evolution sorgt die Semantik für die Sichtbarkeit der Evolution, ohne in ihre Logik maßgeblich einzugreifen.

Die Begriffsgeschichte hält dem linguistic turn wichtiger Bereiche der Geschichtswissenschaft entgegen, daß die Unterscheidung von historischen Ereignissen und ihrer linguistischer Erfassung nicht aufgegeben werden darf (Koselleck 1989). Nur so könne der kritische Anspruch der Begriffsgeschichte erfüllt werden, den Unterschied zwischen der "Geschichte" und ihrem "Begriffenwerden" zu ermessen. Die Semantik wird sozialgeschichtlichen Strukturen gegenübergestellt und indiziert deren Veränderungen; gleichzeitig kann sie aber auch als "Faktor" eine konstitutive Funktion (etwa für die Bildung sozialer und politischer Identitäten) im historischen Prozeß übernehmen.

Luhmann knüpft explizit an das Programm der Begriffsgeschichte an(6) und paßt den Begriff der Semantik an seine allgemeine Theoriearchitektur an. Der für die Systemtheorie reformulierte Semantikbegriff beschreibt nun Formen "höherstufig generalisierten, relativ situationsunabhängig verfügbaren Sinn(s)" (Luhmann 1980, 19). In erster Linie wird dabei das Konvolut "bewahrenswerten Sinnes" analysiert, das für die Selbstbeschreibung von System verwendet wird. Während die Begriffsgeschichte noch an zwei ontologisch zu unterscheidenden Sphären von historischen Ereignissen und Sprache festhielt(7), fundiert die Systemtheorie sowohl Sozialstruktur wie auch Semantik im gemeinsamen Sinnmedium. Damit wird ein bereits grundbegrifflich angelegtes Ableitungsverhältnis vermieden, handelt es sich doch beide Male um Formen des Prozessierens von Sinn. Luhmann (1980, 20) betont deshalb, daß Begriffe keineswegs "einen geringeren Grad an Realität aufweisen als das elementare Prozessieren von Sinn". Die Letztfundierung der Sozialstruktur/Semantik-Unterscheidung im Sinnmedium stellt die Kompatibilität zur Kommunikations- und Systemtheorie sicher(8). Mit dieser theoretischen Entscheidung ist die Grundlage dafür gelegt, unfruchtbaren Dichotomien wie jene von materieller Praxis und symbolischer Codifizierung zu entgehen(9). Gleichzeitig hält Luhmann jedoch an der begriffsgeschichtlichen Fragestellung fest, die Semantiken als Verarbeitungsformen sozialstruktureller Veränderungen analysiert.

Die so aufbereitete Unterscheidung von Gesellschaftsstruktur und Semantik stellt Luhmann theoretischen Konkurrenzunternehmen gegenüber. Dem marxistischen Versuch, Basis und Überbau zu relationieren, wird die Fixierung auf den Klassenbegriff und Ökonomismus vorgeworfen. Statt dessen wird von einer heterarchischen Vielfalt von Systemtypen ausgegangen, die eine einseitige Determinierung durch die Ökonomie ausschließt. Verworfen wird auch das repräsentationale Modell der klassischen Wissenssoziologie (Luhmann 1995c), das von einer dem Wissen vorgelagerten Außenwelt ausgeht und Wissen letztlich durch seine Korrelation zu dieser ,Realität‘ bestimmt. Dennoch wird aber von Luhmann die Korrelierung von Semantik auf ein ihr Äußeres beibehalten, wenngleich dieses nun nicht mehr über den Status einer außersinnhaften Wirklichkeit verfügt. Die Notwendigkeit, an einem Außen der Semantik festzuhalten, macht für Luhmann auch die Foucaultsche Diskursanalyse uninteressant, da sie nicht erklären könne, wie Diskurse ihre Kraft über das soziale Leben ausüben. Die Systemtheorie dagegen erklärt die Entstehung und Relevanz einer bestimmten Semantik durch ihre "Kompatibilität mit der Sozialstruktur" (Luhmann 1986a, 5) und verschiebt damit das Problem von der Immanenz der Diskurse auf den Einfluß einer ihr vorgelagerten Instanz. Luhmanns formale Argumentationslogik bleibt dabei näher bei neo-marxistischen Argumenten, als sich zunächst vermuten läßt. So erhält man eine systemtheoretisch sinnvolle Aussage durch einige ,semantische‘ Veränderungen einer Aussage von Stuart Hall zum Verhältnis von Klassenbeziehungen und Kultur: "Funktionale Differenzierung verschwindet nicht einfach, weil sich eine bestimmte historische Semantik, mit welcher die Differenzierungsform zu einer bestimmten Zeit beobachtet wird, verändert".(10)

Die von Foucault (1973, 14) favorisierte archäologische Diskursanalyse unterscheidet zwischen ,Dokumenten‘ als zu entziffernde Spuren einer tiefergelegten Geschichte und ,Monumenten‘, die nicht als Hinweis auf anderes, sondern in ihrer Oberflächenstrutkur und Verteilung interessieren. Die archäologische Diskursanalyse wendet sich gegen die hermeneutische Interpretationen von Dokumenten, die nach ihrem ,Ausdruckswert‘ einer Essenz fragt. Statt dessen beschäftigt der diskursanalytische Archäologe sich mit Momumenten und beschreibt Streuungsformen und Serien diskursiver Ereignisse. Entgegen dem "glücklichen Positivismus" der Foucaultschen Diskursanalyse hält die Systemtheorie an einem Modell dokumentarischer Lektüre fest. Denn Semantik interessiert hier immer hinsichtlich ihres Ausdruckswerts und der Visibilisierung der ,eigentlichen‘ Gesellschaftsstrukturen.

Das bedeutet nicht, daß Gesellschaftsstruktur und Semantik sich immer in Einklang befinden müssen. Semantiken produzieren häufig preadaptive advances, die der sozialstrukturellen Entwicklung vorauseilen. Derartige preadaptive advances stellt Luhmann (1997a, 512) v.a. bei Veränderungen der Verbreitungsmedien (z.B. die Einführung der Schrift) und bei semantischen Errungenschaften wie der leidenschaftlichen Liebe fest. Die Beschreibung solcher Errungenschaften bleibt jedoch eigentümlich begriffslos: Vorentwicklungen begünstigen und ermöglichen neue evolutionäre Errungenschaften, ohne daß angegeben wird, wie ein derartiger Prozeß funktioniert. Dieses Denkmodell bleibt letztlich der Figur der Anpassung verpflichtet, für die noch ungedeckte semantische Formen nur deshalb von Interesse sind, weil sie in Zukunft an die Gesellschaftsstruktur angepaßt sein werden. Begrifflich ist nur die Gesellschaftsstruktur so positioniert, daß sie die Dauerhaftigkeit von semantischen Variationen zu sichern vermag: "Plausibilität oder gar Evidenz läßt sich für semantische Strukturen nur gewinnen, wenn hinreichend deutlich ist, auf welche Änderungen in der Sozialstruktur eine Änderung in der Begrifflichkeit reagiert" (Luhmann 1997a, 550). Evidenz wird also durch den Ausdruckswert von semantischen Formen gewonnen und nicht durch die innere Struktur und Organisation der Semantik.

Im Zuge dieser Argumentation verwirft Luhmann (1997a, 556) die Möglichkeit einer Ideenevolution, die fähig wäre, eigenständig gesellschaftliche Differenzierungstypen herauszubilden, da die Ideenevolution ihre Evidenz- und Plausibilitätskriterien (und damit Selektionsentscheidungen) nur von der sozialstrukturellen Evolution beziehen kann. Besonders deutlich wird dies, wenn Luhmann apodiktisch festhält, daß die Ideenevolution selbst nicht zur Epocheneinteilung befähigt ist: "Wenn man nachträglich geschichtliche Einteilungen dieser Art rekonstruieren kann, so liegt das ausschließlich an der sozialstrukturellen Evolution, und zwar genauer an der Dominanz bestimmter Differenzierungstypen" (Luhmann 1997a, 556; Hervorhebung US). Denn die Semantik "beobachtet nur, was in der gesellschaftlichen Autopoiesis produziert wird". Luhmann geht zwar davon aus, daß die Ideenevolution nicht immer deckungsgleich mit der sozialstrukturellen Evolution funktioniert. Deren Eigenständigkeit ist aber dadurch beschränkt, daß sie nur die Variation von Ideen endogen produzieren kann, nicht aber bestimmte Ideen als bewahrenswert zu fixieren vermag.

Luhmanns ,dokumentarischer‘ Begriff der Semantik asymmetrisiert die Fähigkeit zur Eigenevolution und die zunächst noch nicht vorentschiedene Beziehung zwischen Sozialstruktur und Semantik. Die Hervorhebung der Kompatibilität von Sozialstruktur und Semantik ließ noch offen, wer sich an wen anpassen muß. Das evolutionstheoretische Argument über Plausibilitäts- und Evidenzkriterien trifft jedoch eine folgenreiche Vorentscheidung: "Eine konsolidierte basale Semantik entsteht typischerweise nur nach der Entwicklung einer Differenzierungsform" (Luhmann 1980, 39). Ganz ähnlich formuliert Luhmann auch später (1997a, 549), daß Semantiken "von Sozialstrukturen abhängig (sind), die durch die jeweils dominante Form der Systemdifferenzierung vorgegeben sind". Die Semantik wird immer bereits zu spät gewesen sein, da sie erst dann konsolidiert sein wird, wenn die wichtigen sozialstrukturellen Veränderungen, die über die Systemdifferenzierung entscheiden, bereits abgeschlossen sind (Luhmann 1997a, 539). Daraus ergibt sich auch eines der Hauptprobleme der Semantik: Durch ihre notwendige Verspätung wird sie konservativ und verkennt oft wichtige sozialstrukturelle Veränderungen. Aus dem Versuch, das Neue mit überkommenen Mitteln auszudrücken, resultieren vage Begriffe (Luhmann 1997a, 550f.). Aber auch dann, wenn eine Semantik sich nicht als begriffsstutzig erweist und sich, wie im Falle der Postmoderne, mit endlosen Begriffsspielereien abgibt, verfällt sie ihrer strukturell angelegten linearen Nachträglichkeit. Denn die so kreierten Sinnangebote finden keine Entsprechung in der Sozialstruktur und versuchen eher hilflos, der heterarchischen Anordnung funktionaler Differenzierung zu entsprechen. Eine ,adäquate‘ Semantik für die funktional ausdifferenzierte Gesellschaft ist damit noch nicht hergestellt, da über ,Adäquanz‘ der ,Realismus‘ von Semantiken entscheidet.

Die bisherige Diskussion arbeitete zwei zentrale Argumente von Luhmann heraus, die das Verhältnis von Sozialstruktur und Semantik zu erklären versuchen. Erstens verfügen Semantiken wegen ihres geringen zeitlichen Differenzbewußtseins und wegen ihrer konservierenden Funktion nur über beschränkte Möglichkeiten, Neues auszudrücken. Zwar experimentieren auch Semantiken und können so sogar sozialstrukturelle Veränderungen vorbereiten. Letztlich kommt es aber darauf an, daß die Semantik die Neuigkeiten der Sozialstruktur zu verarbeiten in der Lage ist. Zweitens sind Semantiken nicht konstitutiv für das von ihnen beschriebene System, da dieses bereits vor der Bezeichnung der systemischen Identität existieren muß. Dieses Argument verbindet die Annahme der Trägheit der Semantik mit ihrer Rolle eines Zusatz, der zwar höhere Komplexität ermöglicht, nicht aber entscheidend für die sozialstrukturell bestimmte Differenzierungsform des Systems ist. Die beiden Argumente schließen keineswegs empirische Beschreibungen eines Vorauseilens der Semantik aus. Solche Beschreibungen werden aber in ihrer theoretischen Bedeutung dadurch relativiert, daß durch die evolutionstheoretisch einseitige Anordnung von Evidenzkriterien im Bereich der Sozialstruktur und durch den Anpassungsdruck an die sozialstrukturellen ,Realität‘ eine systemkonstitutive Rolle ausgeschlossen ist.(11)

II. Die Strukturalität von Semantik

Wie läßt sich diese Asymmetrie systemtheoretisch begründen? Wird die Asymmetrie der Nachträglichkeit durch die Vorherrschaft des Strukturbegriffs auf der Seite der Sozialstruktur gestützt? So zumindest könnte im Rahmen der ,mainstream‘ Soziologie argumentiert werden: Die ,harten‘ Sozialstrukturen bestimmen die ,weichen‘ kulturellen Formen. Legt der Begriff der Sozialstruktur nicht bereits durch seine Semantik (!) eine derartige Annahme nahe?

Bereits eine flüchtige Luhmann-Lektüre macht deutlich, daß sich die Beziehung nicht derart einfach bestimmen läßt. Denn sowohl Sozialstruktur wie auch Semantik sind in einem allgemeiner gefaßten Strukturbegriff verankert:

Soweit sie [Strukturen] Sinnformen bereithalten, die in der Kommunikation als bewahrenswert behandelt werden, werden wir bei Gelegenheit auch von ,Semantik‘ sprechen. Im Folgenden beschränken wir uns jedoch auf Strukturen, die die Handlungen eines sozialen Systems ordnen, also auf die Strukturen des Systems selbst. (Luhmann 1984, 382; Hervorhebung US)(12)

Der allgemeine Strukturbegriff kann also sowohl auf Sozialstrukturen wie auch auf Semantiken angewandt werden, was jeden Versuch, in der ,Strukturalität‘ der Sozialstruktur ein Abgrenzungskriterium auszmachen, zum Scheitern verurteilt. Genau genommen haben wir es deshalb mit der Gegenüberstellung von zwei unterschiedlichen Strukturtypen zu tun: soziale und semantische Strukturen(13). Wie können diese beiden Strukturtypen miteinander in Verbindung gesetzt werden?

Luhmanns Argument für einen allgemeinen Strukturbegriff verweist auch hier wiederum auf eine Asymmetrisierung. Nur bei Sozialstrukturen handelt es sich um Strukturen, "die Strukturen dieses Systems selbst" sind. Die Realität der Sozialstruktur bezieht ihre Mächtigkeit daraus, daß es sich bei ihr um die ,eigentlichen‘ Strukturen des Systems handelt, da sie die Handlungen ordnen(14). Während etwa Sewell (1992, 13) vorschlägt, soziale und symbolische Strukturen in einem Verhältnis wechselseitiger Konstitution zu denken, werden in der Systemtheorie Gesellschaftsstrukturen von Anfang an tiefergelegt, indem diese über die Differenzierungsform des Systems entscheiden. Nimmt man aber die Aussage ernst, daß Gesellschaftsstrukturen Handlungen strukturieren, dann geraten notwendigerweise auch die Strukturen der Systemsemantik in den Vordergrund. Denn die in Attributionsprozessen verwendete Figur des Handelnden ist selbst ein semantisches Artefakt, das durch die Selbstbeschreibung eines Kommunikationssystems als Handlungssystem erzeugt wird (Luhmann 1984, 231). Die Verbindung von Semantik und Handlung wird auch von Luhmann (1984, 22) hervorgehoben:

Handlungen werden durch Zurechnungsprozesse konstituiert. Sie kommen dadurch zustande, daß Selektionen, aus welchen Gründen, in welchen Kontexten und mit Hilfe welcher Semantiken (,Absicht‘, ,Motiv‘, ,Interesse‘) immer, auf Systeme zugerechnet werden. (...) Was eine Einzelhandlung ist, läßt sich deshalb nur auf Grund einer sozialen Beschreibung ermitteln.

Was im folgenden auf dem Spiel steht, ist die Bedeutung von "mit Hilfe". Es soll argumentiert werden, daß Semantiken nicht nur als ermittlungstechnisches Hilfsmittel dienen, sondern für die Herstellung von Handlungen konstitutiv sind. Dies bietet sich deshalb an, weil die Systemtheorie den Kommunikationsbegriff dem der Handlung vorordnet. Es kann deshalb nicht um eine ,Ermittlung‘ von Handlungsereignissen gehen, denn dies würde voraussetzen, daß Kommunikationen notwendigerweise Handlungen sind. Vielmehr wird die Kommunikation erst durch die entsprechende Semantik zur Handlung. Die von der Sozialstruktur zu ordnenden Elemente müssen kultur- und systemspezifisch als Handlungen ausgeflaggt werden. In der Transformation von Kommunikationen zu Handlungen ist also bereits die Semantik als Struktur beteiligt, da sie wiederholbare Handlungsfiguren zur Verfügung stellt.

Wir befinden uns in einer paradoxen Situation: Um Handlungen über eine Gesellschaftsstruktur ordnen zu können, bedarf es zunächst der semantischen Herstellung von Handlungen. Die Semantik von Selbstbeschreibungen ist gleichsam von Anfang an beteiligt an der Verfertigung und Strukturierung jener Elemente, die sozialstrukturelle Bedeutsamkeit erlangen sollen. Bei Handlungen handelt es sich nicht nur um momenthafte Ereignisse, die strukturell verknüpft werden müssen, sondern um kommunikative Ereignisse, die nur durch den Bezug auf semantische Strukturen zustande kommen. Im Begriff der Handlung verzahnen sich der soziale und semantische Strukturbegriff. Die Strukturen der Semantik spielen für den Aufbau von Erwartungserwartungen auf sozialstruktureller Ebene eine zentrale Rolle, indem sie Handlungen mittels wiederholbarer Muster konstituieren.

Es scheint also, daß bereits auf dieser grundlegenden Ebene die Semantik konstitutiv wird für jene Strukturen, die sie nachträglich als Sozialstrukturen beobachten wird. Selbstbeschreibungen beziehen sich in diesem Falle nicht nur auf vergangene Handlungen, sondern beschreiben als Handlungen artikulierte Kommunikationen, die mit Hilfe dieser Semantiken produziert worden sind. Die Beschreibung eines Sozialsystems als eine sozialstrukturelle Ordnung von Handlungen ist deshalb immer auch eine re-description von durch Beschreibung zustandegekommenen Handlungen(15). Diese Rolle der Semantik wird v.a. in Situationen sozialer Transformationen sichtbar, da hier ein besonderer Bedarf für neue Handlungsmuster besteht. Die Rolle der Semantik besteht darin, Handlungsmuster bereit zu stellen und die Wahrscheinlichkeit ihres Gebrauchs zu verstärken (vgl. Swidler 1986, 283). Auch wenn man Swidlers individualistischer Argumentationsweise nicht folgen möchte, so zeigt sie eine wichtige Beziehung zwischen Semantik und Handlungen auf. Denn auch für soziale Systeme bleibt das Problem zu lösen, mit welchen Mitteln die Handlungszuschreibung von Kommunikationen geschieht.

Die Diskussion über governmentality versucht z.B. den Liberalismus nicht nur als Reflexionstheorie oder Semantik des politischen Systems zu analysieren, sondern als eine Regierungstechnik, die liberale Subjekte herstellt (Rose 1996, 39). Das so produzierte Subjekt des autonomen und selbstverantwortlichen Staatsbürgers funktioniert als eine der Handlungsfiguren, mit welchen das politische System Kommunikationen als Handlungen ausflaggt(16). Während Luhmann dies mit dem Rollenbegriff auf der sozialstrukturellen Ebene als Herstellung von Erwartungssicherheiten lokalisieren würde, wird hier der semantische Beitrag zur Herstellung solcher Rollen hervorgehoben. Der Staatsbürger ist innerhalb einer spezifischen Semantik artikuliert und widerspiegelt nicht einfach eine sozialstrukturell vorgegebene Rolle. Indem die Ausflaggung einer Kommunikation als staatsbürgerliches Handeln auf eine liberal-demokratische Semantik Bezug nimmt, wird mit semantischen Mitteln die Rolle des Staatsbürgers hergestellt. Der Aufbau von sozialstrukturellen Strukturen profitiert bereits von den auf der Ebene der Semantik erzeugten Erwartungssicherheiten.

Die Diskussion des Strukturbegriffs hat gezeigt, daß Luhmann nicht Strukturalität an sich als Unterscheidungskriterium von semantischen und sozialen Strukturen benutzt, sondern deren Handlungs- und Erlebensbezug. Dieses Kriterium läßt sich aber nicht mehr eindeutig bestimmen, wenn man beachtet, daß eine Kommunikation als Handlung beschrieben werden muß, um zur Handlung zu werden. Es ist anzunehmen, daß dafür semantische Ressourcen benutzt werden, die geeignete Handlungsrhetoriken und -figuren zur Verfügung stellen. Deshalb ist die Semantik bereits an der Konstitution und Strukturierung jener Elemente, welche die Sozialstruktur ordnen soll, beteiligt. Dies bedeutet wiederum, daß die Produktion einer Reihe von Handlungsereignissen nur auf Grund von semantischen Strukturen möglich ist, die erst Kommunikationen zu Handlungen machen. Aus strukturtheoretischen Perspektive läßt sich also das Modell ,linearer Nachträglichkeit‘ nicht absichern, da semantische Strukturen nicht nur Sozialstrukturen anzeigen, sondern aktiv an deren Verfertigung beteiligt sind.

III. Die beobachtungstheoretische Reformulierung

Da der Strukturbegriff sich nicht eignet, um den nachgeordneten Status semantischer Strukturen zu begründen, bietet es sich an zu überprüfen, wie die Semantik/Sozialstruktur-Unterscheidung sich zu Luhmanns Beobachtunstheorie verhält. Zudem versteht sich die Systemtheorie explizit als "poststrukturalistische Theorie" (Luhmann 1995d, 61), da sie darauf verzichtet, Systeme in ihren Strukturen zu begründen und statt dessen Operativität in den Vordergrund rückt. Es überrascht deshalb kaum, daß Luhmann versucht, die Semantik/Sozialstruktur-Unterscheidung mit der Beobachtungstheorie zu verbinden. Im folgenden soll gefragt werden, ob sich diese Unterscheidung auf die Beobachtungstheorie stützen und theoretisch das Argument der Nachträglichkeit von Semantik einlösen kann. Oder stehen sich die beiden Theoriefiguren gegenseitig im Wege?

Die Bedeutung der Beobachtungstheorie für den Begriff der Semantik zeigt sich in erster Linie in ihrer Nähe zum Begriff der Selbstbeschreibung. Selbstbeschreibungen beruhen auf dem Gebrauch von kondensierten und für Mehrfachgebrauch geschaffenen Texte. Im einfachsten Fall kann es sich hier um den bloßen Namen eines Systems handeln; im Normalfall bestehen diese aber aus einem Geflecht unterschiedlicher semantischer Formen. Diese "Sinnvorgaben", welche die "zu ihnen passenden Selbstbeobachtungen" koordinieren, werden Semantik genannt (Luhmann 1997a, 887)(17). Bei Semantiken handelt es sich um Strukturen der Selbstbeobachtung, während Sozialstrukturen sich auf den Bereich der Operationen beziehen. Die Möglichkeit, zwischen Operation und Beobachtung zu unterscheiden, macht etwa für Esposito (1996) geradezu das Soziologische der Systemtheorie(18) aus. Es lohnt sich, Luhmanns (1997a, 538f.) beobachtungstheoretischen Übersetzungsversuch genau anzuschauen:

Man muß deshalb, im Anschluß an die Unterscheidung zwischen Operation und Beobachtung, die entsprechenden Strukturen unterscheiden: die Strukturen der Systemdifferenzierung und die semantischen Strukturen, die bewahrenswerten Sinn identifizieren, festhalten, erinnern oder dem Vergessen überlassen(19).

Unterschieden werden hier die operative Ebene der Autopoiesis, auf welcher die Strukturen der Systemdifferenzierung angesiedelt sind, und die Beobachtung der Evolutionsresultate auf semantischer Ebene(20). Die Beobachtungen ruhen auf einem "autopoietische[n] Strom von Operationen" (Luhmann 1990, 304), der diesen zeitlich und logisch vorgelagert ist. Da die Beobachtung das autopoietische Operieren voraussetzen muß, findet sich hier wiederum die Figur der ,linearen Nachträglichkeit‘. Nachträglichkeit wird also dadurch impliziert, daß Selbstbeschreibungen voraussetzen müssen, "daß das System schon vorliegt". Sie sind deshalb "nie konstitutive, sondern immer nachträgliche Operationen" (Luhmann 1997a, 883; Luhmann 1995b, 548). Was beschrieben werden soll, muß bereits vorgefallen sein, sonst würden sich die Beschreibungsoperationen in einem referenzlosen Raum bewegen, in dem sie sich höchstens noch auf andere Beschreibungen beziehen könnten. Luhmann (1997a, 556) schließt deshalb aus, daß es eine eigenständige semantische Evolution geben könne, denn die Semantik beobachtet nur, was die gesellschaftliche Autopoiesis bereits produziert hat.

Dennoch gestaltet sich die Lage komplizierter als diese erste Gegenüberstellung von operativer sozialstruktureller und beobachtender semantischer Ebene vermuten läßt. Indem Luhmann betont, daß es sich bei Beobachtungen um Operationen handelt, müssen auch die Selbstbeschreibungsversuche als Operationen gedacht werden. Heißt dies, daß auch Semantiken als Operationen zur Gesellschaftsstruktur werden? Eine erste Antwort von Luhmann versucht, das Problem durch Verweis auf seine empirische Unwichtigkeit zu entschärfen. Die operative Bedeutsamkeit von Selbstbeschreibungen wird mit ungewohnt quantitativer Argumentation relativiert: Es werden stets nur einige der Systemoperationen für Selbstbeschreibungszwecke verwendet, was deren Bedeutung für die Autopoiesis des Systems als relativ gering veranschlagen läßt (vgl. Luhmann 1995a, 174; Luhmann 1993, 53f.; Luhmann 1997b, 231).

Das Problem der Operativität von Semantiken ist aber theoretisch tiefer gelagert. Im Gegensatz zu ,harten‘ autopoietischen Ansätzen (z.B. Maturana), die der Beobachtung einen gesonderten Bereich zuordnen, wird bei Luhmann die Beobachtung in den autopoietischen Reproduktionszusammenhang miteinbezogen (Jokisch 1996, 223ff.; Teubner 1987). Mit dieser Entscheidung für die Einfügung von Beobachtung in den operativen Strom der Autopoiesis wird die klare Aufgliederung des Sozialen in einen sozialstrukturellen und semantischen Bereich zunehmend schwieriger. Der systemtheoretische Kompromißvorschlag, die Operativität von Beobachtungen zu berücksichtigen und gleichzeitig an einer eigenständigen operativen Ebene der Gesellschaftsstruktur festzuhalten(21), gerät spätestens dann, wenn er in die Gesellschaftsstruktur/Semantik-Unterscheidung sozialtheoretisch übersetzt wird, in Probleme. Obwohl Operationen der Selbstbeschreibung immer auch etwas zur Autopoiesis beitragen, scheinen diese isolierbar und antworten auf Probleme, die zunächst nicht die eigenen sind. Würde es sich bei der Semantik tatsächlich um eine Beobachtung einer bereits vorliegenden, blinden operativen Verkettung handeln, dann müßte die Semantik auch ihre eigene Operativität (gewissermaßen ihre Blindheit) als sozialstrukturelle mitbeobachten.

Genau dies scheint aber bei der Verwendung des Semantikbegriffs nicht der Fall zu sein. Die sozialstrukturellen ,Realitäten‘ ergeben sich aus dem Zusammenhang von Operationen, die sich auf das symbolisch generalisierte Medium eines Systems stützen. Deshalb handelt es sich bei basalen Ereignissen des Systems stets um im jeweiligen symbolisch generalisierten Kommunikationsmedium codierte Kommunikation (Luhmann 1988, 52). Nur in jenen Systemen, wo sich auch die Selbstbeschreibung des symbolisch generalisierten Mediums bedient, kann diese selbst wiederum zur basalen Operation des Systems werden. Beim Wissenschaftssystem fügen sich Selbstbeschreibungen als wissenschaftliche Publikationen in den Fluß der systemkonstitutiven Operationen problemlos ein(22). Schwieriger wird es aber beim ökonomischen System: Hayeks Beschreibungen des freien Marktes müssen zwar auch bezahlt werden, sind aber als Selbstbeschreibung nicht in der Form der Zahlung an Zahlungen anknüpfbar(23). An diesem unterschiedlichen Status wird implizit deutlich, daß nicht alle Kommunikationen eines Systems über den gleichen Stellenwert verfügen: zum einen gibt es die ,harten‘ autopoietischen Operationen, zum anderen die ,weichen‘ Beobachtungen, die z.B. für die Konstruktion von Selbstbeschreibungen benötigt werden. Eine implizite Stoppregel bestimmt, ob durch die Semantik strukturierte Operationen in ihrer Operativität zur Sozialstruktur werden können. Diese begründet sich in der Unterscheidung von einerseits Operationen des symbolisch generalisierten Mediums, andererseits den meist mit sprachlichen Mitteln arbeitenden Selbstbeschreibungen. Nur da, wo das symbolisch generalisierte Medium selbst sprachnah gearbeitet ist, können die Probleme der ,harten‘ Autopoieten vermieden werden. Erst dann ist gewährleistet, daß eine abgetrennte Domäne des Beobachters nicht hinterrücks wieder eingeführt wird, sondern die Selbstbeschreibung als Teil dessen, was sie beschreibt, fungiert (Luhmann 1997a, 884)(24).

Luhmanns Versuche, die Sozialstruktur/Semantik-Unterscheidung auf tiefergelegte Unterscheidungen der Systemtheorie zu beziehen, führen zur Separarierung von zwei ansonsten zusammengedachten Figuren, was durch die sozialtheoretische Übersetzung der Unterscheidung von autopoietischer Operation und Beobachtung deutlich wurde. Implizit werden beide Male zwei unterschiedliche Sphären innerhalb des gleichen Systems angenommen. Damit wird ausgeschlossen, was grundbegrifflich denkbar wäre: daß die Selbstbeschreibung das von ihr Beobachtete konstitutiv affiziert(25). Hiermit wird also nicht behauptet, daß Luhmann bereits grundbegrifflich eine derartige Trennung vornehmen würde. Auf der allgemeinen Ebene der Beobachtungs- und Kommunikationstheorie wird eine derartige Abschottung geradezu ausgeschlossen. Sobald aber die Semantik als die Beobachtung bereits vorliegender evolutionärer Ergebnisse aufgefaßt wird, sobald ihr notwendigerweise eine ,lineare Nachträglichkeit‘ attestiert wird und sie sich früher oder später dem Druck der Sozialstruktur beugen muß, wird eine Grenze innerhalb des Systems produziert, die an die Domäne des Beobachters erinnert(26).

Ich hatte anfangs gefragt, ob die Semantik eine konstitutive Rolle für soziale Systeme einnimmt. Die Diskussion der Beobachtungstheorie läßt hier zwei Antworten zu: Erstens mag die Semantik als Operation zwar konstitutiv sein, ist aber quantitativ unbedeutend. Das zweite und interessantere Argument begrenzt die konstitutive Rolle von Semantik durch die implizite Einrichtung eines Bereichs innerhalb des Systems, der häufig andere Operationstypen verwendet als die systemische Autopoiesis. Beide Argumente versuchen zwar die Operativität von Semantik zu beschreiben, begrenzen aber den konstitutiven Einfluß von Semantik. Ausgeblendet wird dabei, wie Sozialstrukturen durch die Selbstbeschreibungen eines Systems mitgeschaffen (und nicht nur vorbereitet) werden. Es ginge also darum, theoretische Figuren zu entwerfen, welche die konstitutive Rolle von Semantiken für die Autopoiesis des Systems zu erklären vermögen.

IV. Konstitutive Nachträglichkeit

Das bisher diskutierte Modell der ,linearen Nachträglichkeit‘ orientierte sich an Thematisierungen der Semantik bei Luhmann, die ihre Verspätung und zeitliches Hinterherhinken betont haben. Der Begriff der Nachträglichkeit muß sich aber nicht mit einer derartigen Bedeutung begnügen. Die Diskussion des Strukturbegriffs wie auch des Verhältnisses von Operation und Beobachtung verweist darauf, daß das Verhältnis von Semantik und Sozialstruktur nicht in einem Verhältnis logischer Nachordnung gefaßt werden kann. Innerhalb der Systemtheorie ist insbesondere auf kommunikationstheoretischer Ebene eine Form der Nachträglichkeit problematisiert worden, die über das Modell ,linearer Nachträglichkeit‘ hinausgeht (vgl. Fuchs 1995).

Eine Kommunikation konstituiert sich rückwirkend über ihre Beobachtung als ein Herantragen einer Beobachtungsunterscheidung an eine Operation. Die Operation selbst ist nur "postobservativ" feststellbar; ihr "Geschehen-sein" wird im Nachhinein des Ursprungs erzeugt (Fuchs 1995, 16). Die Nachträglichkeit der Beobachtung, die in die Struktur von Kommunikation eingelassen ist, funktioniert als retroaktive Konstitution des vorausgesetzten Ereignisses. Fuchs’ Essaytitel "Die Umschrift" verweist implizit auf die psychoanalytische Herkunft seiner Überlegungen. Freud schreibt in diesem Zusammenhang: "Ich arbeite mit der Annahme, daß unser psychischer Mechanismus durch Aufeinanderschichtung entstanden ist, indem von Zeit zu Zeit das vorhandene Material von Erinnerungsspuren eine Umordnung nach neuen Beziehungen, eine Umschrift erfährt" (zit. in Laplanche/Pontalis 1973, 314).

Am berühmtesten ist in diesem Zusammenhang sicherlich Freuds Analyse des Wolfmanns, die aufzeigt, wie eine traumatische Verführung erst Jahre später psychische Wirkungen hervorbringt(27). Es handelt sich hier um ein verspätetes Verstehen und um die nachträgliche Entfaltung der Operativität des Verführungsereignisses durch die Schwester (Freud 1966, 72). Dieses wiederum wird verdeckt durch die Konstruktion der Urszene als Beobachtung des elterlichen Koitus. Die Analyse der Traumarbeit macht deutlich, wie Erinnerungsspuren umgeschrieben werden und dadurch erst psychische Wirksamkeit entfalten. In unserem Diskussionszusammenhang ist interessant, daß sich die zeitliche Struktur dieser Nachträglichkeit grundlegend von der zuvor diskutierten ,linearen Nachträglichkeit‘ unterscheidet. Zwar wird hier ebenfalls mit zeitlichem Verzug ein Ereignis beobachtet, diese Beobachtung selbst aber konstituiert erst die beobachtete Operation in ihrer vollständigen Wirksamkeit. Beim Wolfsmann tauchen entsprechende psychische Störungen und Reaktionen durch die nachträgliche Integration der traumatischen Erfahrung in einen neuen symbolischen Horizont auf. Die Temporalität der Freudschen Nachträglichkeit zeigt sich im besonders von Lacan hervorgehobenen Tempus des future antérieures, des "immer-schon-gewesen-seins". Verspätung wird hier konstitutiv und verliert ihren Charakter eines akzidentiellen Zusatzes; vielmehr schreibt sie sich in die Funktionsweise von Sinnerzeugung von vornherein ein(28).

Was heißt dies für die Systemtheorie? Die Beschreibung von vergangenen Operationen führt nicht nur dazu, daß ihre Bedeutung sich im aktuellen Sinnhorizont verändert, sondern zur Entfaltung ihrer Operativität. Die Systemtheorie geht davon aus, daß ein blindes Operieren die Grenzen eines Systems erzeugt und damit auch bereits Komplexität reduziert, die durch Selbstbeobachtungen und -beschreibungen weiter reduziert werden kann. Gerade diese Präexistenz des Systems macht es möglich, die Beziehung von operativer Autopoiesis und ihrer semantischer Selbstbeschreibung letztlich mit einem Modell zu erklären, das von einem präkonstituierten Signifikat ("dem funktional differenzierten System") für die Semantik ausgeht.

Das psychoanalytische Modell der Nachträglichkeit dekonstruiert dagegen die Annahme, daß nachträgliche Beschreibungen stets auch zu spät sind, um systemkonstitutiv sein zu können und Differenzierungstypen mitzubestimmen(29). Hier sind Selbstbeschreibungen nicht nur ein komplexitätssteigernder Zusatz, sondern entfalten retroaktive Effekte auf die von ihnen beobachtete Ebene(30). Man kann dies am Beispiel literarischer Kanonbildung illustrieren (Shepherdson 1996), die auf der Indifferenz gegenüber bestimmten Werken beruht. Wenn in Selbstbeschreibungen der ,blinde Ausschluß‘ in Frage gestellt und ignorierte Werke als aus dem Kanon ausgeschlossene Werke sichtbar werden, dann geht es nicht nur um eine veränderte Selbstbeobachtung. Vielmehr produziert eine derartige Selbstbeschreibung Bedeutungen, welche retroaktive Effekte auf die Vergangenheit produziert (Shepherdson 1996). Die vormalig als normal betrachtete Indifferenz wird plötzlich zum u.U. traumatischen Exklusionsereignis. Dieses Ereignis entfaltet seine Operativität erst durch seine Plazierung innerhalb einer geeigneten Semantik (z.B. politically correctness Diskurse), die eine derartige Exklusion als Exklusionspraktik konstituiert. So wird nicht einfach eine neue Bedeutung geschaffen, sondern eine zunächst nicht-integrierbare Irritation, da das vergangene, vormals neutralisierte Ereignis nun zum Trauma wird:

(T)he logic of Freud’s notion of the ‘deferred action’ does not consist in the subsequent ‘gentrification’ of a traumatic encounter by means of its transformation into a normal component of our symbolic universe, but in almost the exact opposite of it – something which was at first perceived as a meaningless, neutral event changes retroactively, after the advent of a new symbolic network ... into a trauma that cannot be integrated (?i?ek, 1992: 221-222).

Unterschieden werden muß deshalb zwischen der Herstellung einer traumatischen Irritation durch Verschiebungen des symbolischen Netzwerkes und den Symbolisierungsversuchen dieser Irritation. Während in anderen Ansätzen retrospektive Sinnerzeugung als zunehmende "clarification" (Weick 1995, 11) beschrieben wird, weist ?i?eks Verständnis von Nachträglichkeit darauf hin, daß die retroaktive Sinngebung ein Trauma erzeugen kann und so gleichzeitig auch die Grenzen eines Signifikationssystems bezeichnet.

Eine systemtheoretische Analyse der kanonbildenden Exklusionspraktiken auf sozialstruktureller Ebene würde dagegen zunächst eine allfällige Diskrepanz zwischen der Exklusionsrealität und möglicherweise ihrer Verkennung auf der semantischen Ebene feststellen. Falls sich eine Exklusion sozialstrukturell als bedeutsam erweist, so könnte systemtheoretisch argumentiert werden, ist anzunehmen, daß sich früher oder später eine ,adäquate‘ Semantik herausbildet. Die Semantik paßt sich hier einem sozialstrukturellen Druck an: die Exklusionsereignisse werden so zahlreich, daß sich an älteren universalistischen Semantiken nicht mehr festhalten läßt, da diese dann völlig ihren ,Realitätsbezug‘ verlieren würden. Aus einer derartigen Perspektive bleibt die diese Exklusionsverhältnisse verarbeitende Semantik den bereits bestehenden Exklusionspraktiken äußerlich.

Während die begriffsgeschichtlich verfahrende Systemtheorie einzelne Unterscheidungen zum Indikator des sozialgeschichtlichen Wandels macht, interessiert sich die symptomatische Lektüre dafür, wie durch Veränderungen im symbolischen Netzwerk Irritation und Bedeutung erzeugt werden (?i?ek 1989, 55f.). Das hier vorgeschlagene Modell der Nachträglichkeit schließt es deshalb aus, Evolution nur auf einer Ebene zu lokalisieren, die den Selbstbeschreibungen vorgeordnet ist. Vielmehr werden Selbstbeschreibungen durch ihre retroaktiven Effekte zum evolutionär bedeutsamen Faktor, indem sie die autopoietische Operativität des Systems miterzeugen. Im Falle der literarischen Kanonbildung zeigt sich die Verschränkung von sozialstruktureller und semantischer Ebene auch dadurch, daß die Skandalisierung von Exklusionpraktiken wiederum in zu ,kanonisierenden‘ literarischen Werken geschehen mag.

Veränderungen in der Semantik werden aus der Sicht des psychoanalytisch informierten Modells nicht als Anpassung an ein schon existierendes sozial-strukturelles ,Trauma‘ verstanden, sondern rufen durch ihre Reartikulation traumatische Ereignisse hervor. Weit davon entfernt, an die zum Trauma führenden Exklusionspraktiken angepaßt oder mit diesen kompatibel zu sein, steht jetzt die Nichtintegrierbarkeit dessen im Vordergrund, was zuvor in seiner Neutralität nicht beobachtet wurde. Die Inkompatibilität ist hier weder einer bloß zeitlich gedachten Verspätung noch einer unkontrollierten Verspieltheit der Semantik geschuldet, sondern wird zum Funktionsmechanismus des Zusammenhangs von ,blindem‘ operativem Fluß und Selbstbeobachtung. Die Veränderung der Semantik führt zur Effektivität der Operation, indem diese den Status eines neutralen Ereignisses verliert, da es nicht mehr in den neuen Sinnzusammenhang integriert werden kann und dennoch als Irritation insistiert(31).

Es sind dies die Momente, an denen die kulturelle Dimension von Semantik in den Vordergrund rückt. Denn wenn wir, wie Dirk Baecker (1997, 48) für die Systemtheorie vorgeschlagen hat, Kultur als Umgang mit dem Schrecken, also dem zunächst semantisch Nicht-Integrierbaren verstehen, dann setzt dies im hier vorgeschlagenen Konzept auch die Herstellung des Traumatischen voraus. Dieses trifft nicht von außen auf eine konsolidierte Semantik, sondern entsteht erst durch die semantische Überdeterminierung der Beobachtung von Operationen. Die Semantik reagiert nicht auf eine ihr vorgelagerte sozialstrukturelle Krise, sondern erzeugt durch ihre Veränderungen eine Operation, die nun als Nicht-Integrierbare zu insistieren beginnt.

Methodisch bedeutet das, ohne dies hier ausführen zu können, daß die traditionellen Verfahren der Begriffsgeschichte ergänzt werden müssen. Die dekontextualisierende Isolation einzelner besonders bedeutungsmächtiger Begriffe oder Unterscheidungen vernachlässigt die netzwerkartige Gestalt von Semantiken, ihre Rhetorik und narrative Struktur (Somers 1994). Aber gerade eine derartige Analyse wäre notwendig, um bestimmen zu können, bei welchen Begriffen es sich um dominante Symbole handelt (vgl. Ansell 1997, 373) und wie semantische Netzwerke Bedeutungshorizonte erzeugen. Es kann nicht nur darum gehen, einzelne Unterscheidungen auf ihre Repräsentation eines sozialstrukturellen Signifikats hin zu dechiffrieren, sondern vielmehr wird jetzt eine Analyse des differentiellen Netzwerks von Semantiken notwendig. Denn erst die Positionierung innerhalb eines derartigen Netzwerkes entscheidet über die Form der nachträglichen Sinneffekte. Ähnlich wie Derrida (1972, 320) für die Traumdeutung konstatiert hat, versucht eine derartige Analyse zu vermeiden, "daß man sich allzu sehr mit Inhalten abgibt, nicht genügend aber mit Beziehungen, Situationen, dem Funktionszusammenhang und den Differenzen". Gerade eine differenztheoretisch angelegte Theorie sollte deshalb statt einer vorschnellen Einengung des Blickwinkels auf zu isolierende semantische Unterscheidungen deren syntaktische und rhetorische Einbettung hervorheben(32).

V. Nachträge

Bevor rückblickend einige Konsequenzen des psychoanalytischen Begriffs der Nachträglichkeit skizziert werden, möchte ich meine Argumente hinsichtlich der begrifflichen Positionierung von Semantik und Sozialstruktur kurz zusammenfassen.

In der Diskussion der Rolle des Strukturbegriffs hat sich gezeigt, daß auch Semantiken als Strukturen zu verstehen sind. Luhmann schränkt allerdings ein, daß es sich dabei nicht um die eigentlichen Strukturen des Systems handelt, da sie nicht konstitutiv für dessen Differenzierungsform sind. Wenn es aber richtig ist, daß sich Sozialstrukturen durch ihren Handlungsbezug auszeichnen, dann nimmt die Semantik durch die Bereitstellung von wiederholbaren Handlungsfiguren und -rhetoriken eine entscheidende Rolle bei der Bestimmung der zu strukturierenden Elemente ein. Denn nur durch den Bezug auf die symbolischen Strukturen von Selbstbeschreibungen, kann der Handlungsbezug der für die Sozialstruktur konstitutiven Elemente hergestellt werden. Gerade weil die Systemtheorie mit handlungstheoretischen Annahmen bricht, muß sie erklären können, wie Kommunikationen als Handlungen ausgeflaggt werden. Dazu sind symbolische Formen und Schemata, die in der Selbstbeschreibung des Systems hergestellt werden, unentbehrlich.

In einem zweiten Schritt wurden systemtheoretische Versuche, die Semantik/Sozialstruktur-Unterscheidung auf die Unterscheidung von Beobachtung und Operation zu beziehen, diskutiert. Dies eröffnete zwei unterschiedliche Begründungen für das Verhältnis von Sozialstruktur und Semantik. Zum einen geht in der dominierenden systemtheoretischen Leseweise ein operativ konstituiertes System seiner Beobachtung durch die Semantik voraus. In diesem Falle ratifiziert die Semantik nachträglich, was bereits geschehen ist; sie mag sogar teilweise den Kontakt zur operativen Realität verlieren, indem sie an veralteten Unterscheidungen festhält oder unkontrolliert neue Unterscheidungen hervorbringt. Dennoch steht aber fest, daß ,in letzter Instanz‘ derartige Abweichungen nicht toleriert werden und die Semantik sich dem Druck ihr vorgelagerter Differenzierungsformen beugt. Da aber beobachtungstheoretisch auch Semantiken strukturierte Operationen sind, muß Luhmann deren operative Rolle begrenzen, um am ursprünglichen Semantik/Sozialstruktur-Modell festhalten zu können. Zwei entsprechende Strategien wurden aufgezeigt: Zum einen wird die quantitative Bedeutungslosigkeit von semantischen Operationen hervorgehoben, zum anderen werden semantische Operationen von den basalen Systemereignissen getrennt.

Nimmt man aber Luhmanns (1987, 317) Selbstbeschreibung (!) seiner eigenen Theorie ernst, dann zielt sein Projekt gerade darauf, die Abhängigkeit der Autopoiesis von Selbstbeobachtungen aufzuzeigen. Das hier vorgeschlagene Modell einer psychoanalytisch informierten Nachträglichkeit möchte daran anknüpfen und geht von einer konstitutiven Verwicklung von semantischer Beobachtung und sozialstrukturellem Operieren aus. Dies schließt nicht aus, daß ,lineare Nachträglichkeit‘ das Verhältnis von Gesellschaftsstruktur und Semantik in einzelnen Systemen charakterisiert. Es bedeutet jedoch, daß es spezifischer Erklärungsangebote bedarf, die deutlich machen, wie ein System seine konstitutive Nachträglichkeit, die mit dem Modus kommunikativen Operierens vorgegeben ist, so transformiert, daß ein sozialstruktureller Realitätseffekt entsteht. Während Luhmanns Modell der ,linearen Nachträglichkeit‘ davon ausgeht, daß die Semantik früher oder später zur Gesellschaftsstruktur passen wird, werden nun gerade jene nicht zuletzt auch semantischen Mittel interessant, die eine derartige ,Adäquanz‘ produzieren. Damit bewegt sich das hier vorgeschlagene Konzept von Semantik – besser: von Selbstbeobachtungsnetzwerken – weg von der herkömmlichen Idee, daß semantische Konzepte zu einer ihnen vorgelagerten Sozialstruktur passen müssen (vgl. Somers 1995, 132).

Ich möchte zum Abschluß drei mögliche Konsequenzen für die Unterscheidung von Sozialstruktur und Semantik skizzieren:

1. Systemdifferenzierung und semantische Beschreibung lassen sich nicht mehr problemlos trennen. Das hier skizzierte Modell der Nachträglichkeit argumentiert, daß semantische Strukturen konstitutiv sind für Sozialstrukturen. Der anfangs zitierte Fall der Staatssemantik ist paradigmatisch für dieses Modell: Das eigentlich den operativen Anschluß regulierende Kommunikationsmedium ist zu vage, um alleine die operative Schließung des Systems zu realisieren. Die Semantik funktioniert hier nicht nur als Produzentin von bewahrenswertem Sinn und Reflexionswissen, sondern als konstituierende Kraft in der Reproduktion der autopoietischen Operationen. Damit ist nicht nur die eigene Operativität gemeint, sondern auch die des beobachteten Ereignisses, das erst auf diese Weise operativ wird. Erschüttert wird so die Voraus-Setzung einer operativen Basis des Systems, die auch ohne das Zutun der semantischen Selbstbeobachtungen funktionieren könnte.

Ähnliches läßt sich übrigens auch beim Kunstsystem beobachten. Während die anfänglich zitierte Aussage Luhmanns an der nicht-konstitutiven Rolle von Selbstbeschreibungen für das Kunstsystem festhält, räumt Luhmann (1995b, 485) für die (post)moderne Kunst ein, daß hier die Selbstbeschreibung in der Form von Kunstwerken zur basalen Operation des Systems wird. Diese ,Sonderfälle‘, die aber durch zahlreiche andere Fälle ergänzt werden könnten, weisen darauf hin, daß die normalerweise angenommene Abhängigkeit der Semantik von der Sozialstruktur gerade solche Fälle nicht zu erklären vermag. Wenn die Selbstbeschreibung selbst zur Operation in Form eines avantgardistischen Kunstwerkes wird, dann droht auch das Modell von preadaptive advances zu versagen, da solche Kunstwerke bereits durchführen, was sie eigentlich nur vorbereiten sollten. Radikalisiert man die Luhmannsche Annahme, daß Selbstbeschreibungen ebenfalls operativ wirksam sind und daß diese dazu beitragen, die von ihnen beschriebenen Operationen zu konstituieren, dann ist die Semantik an der Form der Systemdifferenzierung selbst beteiligt. Die Semantik entsteht deshalb nicht erst nach einer epochalen Bifurkation des Systems, sondern ist aktiv an ihrer Herstellung beteiligt(33).

2. Die nachträgliche Konstitution von Operationen wird durch Verschiebungen in der Semantik erzeugt, wodurch gleichzeitig durch deren Widerständigkeit ,reale‘ Systemprobleme geschaffen werden. Verzichtet man auf einen Begriff der Sozialstruktur als exklusiven Bereich, in dem die gesellschafltlich entscheidenden Probleme kreiert werden, dann muß diese auch nicht mehr unterschwellig zur eigentlichen Realität des Systems werden. Vielmehr gerät in den Blick, was Luhmann (1995c, 168; 1997a, 127) als Gemeinsamkeit von Konstruktivismus und Dekonstruktion beschreibt: "Die Operationen eines Systems finden Widerstand an anderen Operationen desselben Systems"(34). Die Diskussion der nachträglichen Konstitution von traumatischen Ereignissen hatte gerade diesen Aspekt hervorgehoben: Ein ehemals widerstandsloses, neutrales Element wird nachträglich nur deshalb zur ,Realität‘, weil es durch Veränderungen des semantischen Netzwerks an Widerständigkeit gewinnt.

Luhmanns Argument, daß Selbstbeschreibungen relativ unbedeutend für die Autopoiesis eines Systems sind, weil sie in viel geringerer Zahl auftreten als die "basalen Operationen" des Systems, wird hier mit dem ebenfalls Luhmannsche Argument kontrastiert, das die Bestimmung von Realität als Eigenwiderstand von Operationen bestimmt. Widerständigkeit kann hier nicht quantitativ ermittelt werden, sondern ergibt sich aus dem Verhältnis von Operationen und ihrer Rekursivität. Eine derartige Widerständigkeit befindet sich logisch vor der Unterscheidung von Sozialstruktur und Semantik. Entsprechend hängt es von der Artikulation des Verhältnisses von Sozialstruktur und Semantik ab, ob die aus dieser Widerständigkeit entstehenden Systemprobleme der Sozialstruktur zugeschrieben werden.

3. Das Verhältnis zwischen Sozialstruktur und Semantik ist evolutionär variabel. Diese Ausführungen problematisieren zwar die Sozialstruktur/Semantik-Unterscheidung, plädieren aber keineswegs für ihre Streichung. Eine derartige Strategie würde es sich zu einfach machen und über die intrikaten Verwicklungen von Sozialstruktur und Semantik hinwegsehen. Was ich zu zeigen versucht habe, ist vielmehr, daß die Konfiguration der beiden Unterscheidungsseiten in der Figur ,linearer Nachträglichkeit‘ grundbegrifflich prekär abgestützt ist. Denn es läßt sich – alternativ zu Luhmanns Versuch einer beobachtungstheoretischen Begründung der Sozialstruktur/Semantik-Unterscheidung – ebenfalls mit beobachtungstheoretischen Mitteln eine Nachträglichkeit ausarbeiten, die das Beobachtete retroaktiv konstituiert.

Dies schließt nicht aus, daß Systeme sich selbst oder daß soziologische Beobachter diese in Begrifflichkeiten ,linearer Nachträglichkeit‘ beschreiben. Die hier vorgeschlagene Position liest derartige Beschreibungen als historisch zu bestimmende Versuche von sozialen Systemen, sich zu asymmetrisieren und auf diese Weise einen Realitätseffekt zu erzeugen. Bei der ,linearen Nachträglichkeit‘ handelt es sich um stets lokale Stabilisierungsversuche der mit dem Beobachtungsbegriff gegebenen konstitutiven Nachträglichkeit(35). Gerade die Asymmetrisierung zugunsten der Sozialstruktur und die vorausgesetzte Kompatibilität werden nun zu erklärungsbedürftigen Phänomenen. Eine derartige evolutionstheoretische Situierung eröffnet den Zugang zu Fragestellungen, die ansonsten bereits vorentschieden sind. Denn jetzt müßte zunächst geklärt werden, ob ein System mit dieser Unterscheidung arbeitet und wie der Übergang von der Sozialstruktur zur Semantik geregelt ist. Dabei ist anzunehmen, daß das Verhältnis von Sozialstruktur und Semantik historisch variabel und systemspezifisch unterschiedlich angelegt ist(36).

Während im Modell der ,linearen Nachträglichkeit‘ Evidenz als evolutionstheoretischer Begriff die Abhängigkeit der Semantik von der Sozialstruktur bezeichnet, interessiert nun, wie Beobachtungsarrangements Evidenzeffekte erzielen. Hier mag ein Bezug auf den rhetorischen Begriff der evidentia weiterhelfen: Evidentia ist nicht nur ein anderer Name für Beschreibung, sondern bezieht sich auf die rhetorischen Strategien, mit denen ein Redner seine Zuhörer in die Position des Augenzeugens versetzt(37). Gegenwärtig bleibt im Begriff des Augenzeugen auch der Moment des Schreckens, der die Widerständigkeit der Semantik ausmacht (Beaujour 1981, 28f.).

Die evolutionäre Verortung der Gesellschaftsstruktur/Semantik-Unterscheidung umfaßt also gerade auch die Organisation des Verhältnisses der beiden Unterscheidungsseiten. Ausgeschlossen werden so generalisierende Aussagen über einen stets bestehenden Anpassungsdruck der Semantik an die Sozialstruktur. Stattdessen wird die Unterscheidung selbst zu einem kontingenten Ergebnis der Evolution von Beobachtungsverhältnissen und ist damit ein Effekt der permanenten Umschrift des Systems.

 

 

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