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Hefte
SozSys 9 (2003), H.1
Zusammenfassungen

 

Zusammenfassungen

Rudolf Stichweh
Genese des globalen Wissenschaftssystems

Der Aufsatz analysiert emergente Eigentümlichkeiten, Kerninstitutionen, Prozeßphasen und Mechanismen in der Genese der Weltwissenschaft. Zunächst wird die Unterscheidung von Universalität, Globalität und Inklusion untersucht. Universalität erweist sich als die selbsterzeugte Erwartung einer räumlichen, zeitlichen, sachthematischen und sozialen Uneingeschränktheit der Wissenschaft und ihrer Wahrheitsbehauptungen. Globalität meint die strukturelle Realisierung der räumlichen Ubiquität und der Singularität dieses Systems. Inklusion ist der Realprozeß der progressiven Ausweitung der Adressaten wissenschaftlicher Kommunikation. Die Universität und die res publica literaria (Gelehrtenrepublik) werden als institutionelle Erfindungen in der Globalisierung von Wissenschaft analysiert. Als zentral für die Ausdifferenzierung der modernen Wissenschaft (und anderer Funktionssysteme) erweist sich das „Paradox der Nationalisierung“, d.h. der Kontraktion des kommunikativen Raums im Moment der Entstehung moderner Formen der Wissenschaft. Zwei weitere Teilprozesse der Entstehung der Weltwissenschaft werden betrachtet: die Exklusion der Anwendungen und ihre Wiedereinschließung in der Form einer eigenen (technischen) Autonomie des Wissens. Zweitens die Entstehung einer Weltöffentlichkeit der Wissenschaft. Abschließend wird auf disziplinäre und subdisziplinäre Differenzierung als den zentralen Mechanismus der strukturellen Realisierung von Weltwissenschaft verwiesen.


Barbara Kuchler
Das Problem des Übergangs in Luhmanns Evolutionstheorie

Der Text kritisiert die Evolutionstheorie von Niklas Luhmann dafür, dass sie zwar eine sehr präzise Beschreibung von Änderungsvorgängen innerhalb bestimmter Differenzierungsformen (segmentäre, stratifikatorische und funktionale Differenzierung) bereit hält, aber den Übergang von einer solchen Differenzierungsform in die andere nicht erklären kann. Luhmann wird daher seinem Anspruch nicht gerecht, eine Kompletttheorie der gesellschaftlichen Entwicklung zu liefern, die noch die „Evolution der Evolution“ selbst erfassen kann, er fällt vielmehr in eine Art Phasentheorie der Entwicklung zurück. Dieses Urteil muss auch dann aufrechterhalten werden, wenn einige differenzierungstheoretische Überlegungen Luhmanns mit in Betracht gezogen werden, in denen er die Auflösung einer bestimmten Differenzierungsform aus ihrer eigenen Logik heraus und ihre Überführung in eine andere beschreibt. Diese Überlegungen zielen zwar genau auf den kritischen Punkt des Übergangs. Bei näherem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass sie nicht mit evolutionstheoretischen, sondern mit mehr oder weniger dialektischen Denkmitteln gearbeitet sind. Sie können daher die Lücke in der Evolutionstheorie nicht füllen, sondern stellen vielmehr eine alternative und mit der Evolutionstheorie konkurrierende Theoriestrategie zur Erklärung der gesellschaftlichen Entwicklung dar.


Klaus P. Japp
Zur Soziologie des fundamentalistischen Terrorismus

Der politische Extremismus des Islam wird überwiegend auf sozio-ökonomische Deprivationen und/oder kulturelle Orientierungs- und Anerkennungsdefizite zurückgeführt. In diesem Zusammenhang dominiert ein argumentum ad hominem, dessen empirischer Hintergrund durch die Realitätskonstruktionen der Massenmedien aufgebaut wird. Der Artikel stellt dagegen auf Kommunikation um und zielt auf Wiederbeschreibung dessen, was die Massenmedien vorgeben. Im Mittelpunkt steht die paradoxe Kommunikation von Einheitssemantiken des islamischen Fundamentalismus im Kontext funktionaler Differrenzierung und des politischen Extremismus des Islam im Kontext sich modernisierender politischer Systeme in der 'peripheren Moderne'. Als grundlegend wird die Paradoxie von säkularer Kontingenz und religiöser Letztbegründung veranschlagt. Deren Entparadoxierung führt – über verschiedene Stufen hinweg – zur 'ultimativen Kommunikation' des Terrorismus. Dies wird als strukturelle Implikation der Weltgesellschaft identifiziert und gerade nicht als bloß regionale Abweichung von der weltweiten Durchsetzung funktionaler Differenzierung.


Elena Esposito
Vom Modell zur Mode. Medien und Formen der Nachahmung

Ausgehend von der Diagnose der Veränderung der Vorstellung vom Modell in der Moderne diskutiert der Text die Formen der Nachahmung: von der Imitation der auctores zur Unterstützung der Kreativität und der Produktion des Neuen, von der Wiederholung zur Überraschung (Information). Diese Wandlungen werden mit entsprechenden Veränderungen der Struktur der Gesellschaft und ihrer Semantik korreliert, insbesondere mit dem für die Massenmedien typischen Präferenz für Neues. Die Frage ist dann, welche Rolle die Nachahmung überhaupt noch spielen kann. Die Form der Mode wird als eigentümliche Kombination von Originalität und Nachahmung diskutiert: eine paradoxale Imitation der Neuheit, die ständig wechselt und den Zeitbezug auf Gleichzeitigkeit verlegt. Das erfordert eine unvorgesehene soziale und zeitliche Reflexivität.


Ruth Simsa
Defizite und Folgeprobleme funktionaler Differenzierung. Ein Vorschlag zur Beobachtung von Reaktionen der Gesellschaft

In dem Beitrag wird die These vertreten, dass die Gesellschaft sich selbst nicht nur mittels der Unterscheidungen der Funktionssysteme erster Ordnung beobachtet, sondern auch in bezug auf Folgeprobleme funktionaler Differenzierung. Aufbauend auf einen Vorschlag zur Systematisierung von gesellschaftlich thematisierten Defiziten und Folgeproblemen funktionaler Differenzierung wird eine Beobachtung der Gesellschaft auf Basis der Unterscheidungen Inklusion/Exklusion, Internalisierung/Externalisierung und Integration/Desintegration angeregt, welche Probleme theoretisch erfassen und systematisieren soll, die im Rahmen gesellschaftlicher Kommunikation beobachtet und thematisiert werden. Anschließend wird die Ausbildung von Kommunikationszusammenhängen diskutiert, welche sich auf Probleme spezialisieren, die von den Funktionssystemen nicht gelöst bzw. verursacht werden, u.a. die Ausdifferenzierung eines System zweiter Ordnung, welches als System kritischer Öffentlichkeit bezeichnet wird.


Dirk Baecker
Rechnen lernen

Warren McCulloch hat die Form seiner Auseinandersetzung mit der Kybernetik im Rückblick als Versuch beschrieben, "zählen zu lernen". Dabei kam es nicht darauf an, beliebige Einheiten zu bilden und abzuzählen, sondern darauf, zu verstehen, wie ein System im Verlaufe seiner Selbstorganisation durch das Zählen von Zählen Einheiten bildet und aus diesen sich konstituiert. Der vorliegende Aufsatz verallgemeinert diesen Ansatz zu einem Versuch, das Verhältnis von Soziologie und Kybernetik auf den Begriff des "Rechnen lernens" zu bringen. Die Soziologie lernt von der Kybernetik, was es heißt, zu "rechnen". Die Kybernetik lernt von der Soziologie, worin ein inhärent "sozialer" Modus des Rechnens besteht. Der Aufsatz exemplifiziert diesen Ansatz an den Begriffen von Zahl und Zufall, Kommunikation und Netzwerk und veranschaulicht ihn an den Beispielen der Politik, der Organisation und der Börse.


Jean Clam
Was ist noch Theorie? Eine Auseinandersetzung mit Peter Fuchs’ 'Metapher des Systems'

Der Beitrag geht von Peter Fuchs’ Ausarbeitung einer Verflechtung von Derrida'scher Dekonstruktion und Luhmann'scher Systemtheorie aus. Er stellt die Frage nach der Möglichkeit von Theorie unter den neuen Bedingungen postontologischen Denkens. Zuerst wird, entgegen Fuchs’ Tendenz, die Notwendigkeit einer schärferen Trennung zwischen Dekonstruktion und Systemtheorie gezeigt. Das theoretische Projekt der Systemtheorie wird ernst genommen: der Beitrag zeigt, inwiefern die Systemtheorie die inaugurale postonotlogische Theorie darstellt. Der Begriff sowie alle Momente postonotologischen Theoretisierens werden durchgegangen und expliziert: Grund-Problematik, Adequität und Inadequität, Inkongruenz, Fragmentarität. Zuletzt wird mit dem eigens hierfür entwickelten Begriff der "Intellektion" die vollzughafte und existenzielle Problematik von Theorie erhellt.


Thomas Kurtz
Niklas Luhmann und die Pädagogik

Niklas Luhmann gilt als einer der wichtigsten und prominentesten soziologischen Beobachter des Erziehungssystems und der in diesem System angefertigten Selbstbeschreibungen. Seit seinen ersten Arbeiten mit Karl Eberhard Schorr läßt sich die Pädagogik von seiner Systemtheorie der Erziehung mit jeder Publikation immer wieder aufs neue irritieren. Dies gilt auch für das posthum publizierte Manuskript „Das Erziehungssystem der Gesellschaft“, das die mit „Soziale Systeme“ eingeleiteten Monographien zur Gesellschaft und seiner Funktionssysteme abschließt. Obwohl diese Studie nur in einer relativ kurzen, unvollendeten Fassung vorliegt, lassen sich hier gegenüber den älteren Arbeiten wesentliche neue theoretische und inhaltliche Aspekte entdecken, die den Ausgangspunkt für weitere Analysen zum Erziehungssystem der Gesellschaft bilden können.