In der Bundesrepublik Deutschland, wie in den anderen Industrieländern auch, haben wir uns schon an Plastikkarten für alle möglichen Zwecke gewöhnt: Telefonkarte, EC- und Kreditkarte, Krankenkassenkarte, Bibliotheksausweise, Bahncard und vieles mehr. Die Menge potentieller Anwendungen und die inzwischen gegebenen technischen Möglichkeiten führen in der Tendenz zu sogenannten Multifunktionskarten, die für verschiedene Zwecke genutzt werden können. Ein Beispiel hierfür mag die Bahncard mit Kreditkarte sein, die 1995 eingeführt wurde.
Ein Bereich, in dem zur Zeit massive Anstrengungen zur Einführung von Chipkartensystemen laufen, sind Hochschulen. Je nach Pilotprojekt und Hochschule sollen dort vielfältige Funktionen mit einer Karte realisiert werden. Das reicht von ,,bargeldloser`` Bezahlung in Mensen, an Kopierern und anderswo, über automatische Rückmeldung, Zugangsberechtigung für Hochschulräume und Wohnheime, Prüfungsanmeldung, Studienausweis und Semesterticket bis zum Bibliotheksausweis. Praktisch alle Vorgänge, die StudentInnen betreffen, können auf einer Karte integriert werden.
Die Hersteller dieser Systeme preisen diese Karten selbstverständlich als vernünftig an. Maßstab dieser ,,Vernunft`` sind angebliche Geld- und Zeitersparnis, sowohl für die Hochschulverwaltungen als auch die einzelnen StudentInnen. Die Schattenseiten dieser ,,Schönen Neuen Universität`` sind aber in den laufenden Projekten schon abzusehen. Jede Nutzung der Karte führt zu einer großen Menge gespeicherter Daten, die in den meisten Fällen auch personenbezogen sind. Das könnte bis zu minutengenauen ,,Lebensläufen`` (Nutzungs- und Bewegungsprofilen) reichen, die Prüfungen, ausgeliehene Bücher, Anwesenheit in Veranstaltungen und Räumen und Computerbenutzungszeiten dauerhaft speichern; und dies alles, ohne Alternativen für diejenigen vorzusehen, die sich nicht umfassend verdaten lassen wollen.
Die Chipkarten werden an den Hochschulen zu einer völlig veränderten Studien- und Lebenssituation führen. Die radikale Veränderung des Universitätsalltags wird zusammen mit der Diskussion zur Hochschulreform zu einem Paradigmenwechsel führen: Weg vom Studium als persönlichkeitsbildendem Lebensabschnitt, hin zur reibungslos funktionierenden Ausbildungsmaschinerie. Daß die individuellen Entscheidungsfreiräume immer enger werden, ist ein Teil dieser Rationalisierungsideologie.
Es ist zu befürchten, daß diese Entwicklungen wegweisend für andere Lebensbereiche werden. Unter anderem, weil zumindest auf technischem Gebiet Hochschulen und StudentInnen eine gewisse Leitfunktion für die Gesamtgesellschaft haben. Dieser Reader beschäftigt sich deshalb zwar exemplarisch mit sogenannten ,,Studi-Karten``, ist aber in vielerlei Hinsicht übertragbar auf andere Bereiche. Gerade Aspekte der informationellen Selbstbestimmung und der sozialen und politischen Wirkung sind in vielen Fällen ähnlich. So wird mit zunehmender Einführung von Chipkarten jeder Aspekt des menschlichen Zusammenlebens formalisiert, Identität wird nur noch vermittelt über den Besitz der richtigen Karte, was bis zur sozialen Ausgrenzung von NichtkartenbesitzerInnen führen kann. Hier sei nur an die Planungen zur ,,Gesundheitskarte`` mit darauf abgespeicherter Krankengeschichte erinnert. Der Kontakt zwischen ÄrztIn und PatientIn wird auf das formal und technisch notwendige Minimum reduziert, der erzwungene Austausch von Daten mit den Krankenkassen (und anderen?) unterhöhlt die Persönlichkeitsrechte der PatientInnen und die ärztliche Schweigepflicht.
Dieser Reader ist das Ergebnis einer Arbeitsgruppe zum Thema Chipkarten, die sich auf der 23,5ten1.1 Konferenz der Informatik-Fachschaften (22.-25.11.1995 in Hamburg) erstmals zusammenfand. In Anbetracht der sehr weitreichenden Problematik -- wie sie diese Einführung nur andeuten konnte -- erschien es uns sinnvoll, einen systematischen Reader als Hilfestellung zur politischen Arbeit vorzulegen.
Im nächsten Abschnitt werden bestehende und geplante Projekte an Hochschulen beschrieben. Hier ist besonders ein holländisches Projekt von Interesse, weil dort sehr umfangreiche Funktionen getestet werden und die Gesamteinführung des Systems in den ganzen Niederlande für 1997 avisiert wird. Sehr wichtig sind auch die Planungen zum Projekt in Trier, da dort im Prinzip das holländische Modell eingeführt werden soll. Die Informationen darüber erreichten uns allerdings erst während der Abschlußredaktion, so daß wir sie nicht in allen Texten berücksichtigen konnten.
Im dritten Abschnitt wird eine Vielzahl von Bewertungskriterien für Kartensysteme aufgestellt, weiter ausgeführt und -- wo sinnvoll -- beispielhaft auf bundesdeutsche Projekte und das holländische Projekt angewendet. Im vierten Abschnitt findet sich eine Kurzgeschichte, die eine bildhaften Einblick in Vor- und Nachteile der ,,Schönen Neuen Universität`` gibt. Der fünfte Abschnitt schließlich versucht eine abschließende Bewertung der Systeme in Thesenform. Vervollständigt wird dieser Reader mit einem Glossar sowie einer Literatur- und Adressenliste.