Universität Bielefeld - AStA - AG Chipkarten

Gläsernde Studierende - Chipkarten in NRW

Ein Artikel für die LAT- Nachrichten Nr.27 April 2000

An vielen Unis gibt es bereits Chipkarten mit sehr unterschiedlichen Funktionen. In Trier zum Beispiel ist der Studierendenausweis eine mit zusätzlichen Daten versehene Sparkassenkarte, die als Semesterticket dient und mit der man sich (neben vielen anderen Funktionen) rückmeldet oder sein Mensaessen bezahlt. Geplant ist dort unter anderem auch, dass Prüfungsergebnisse per Chipkarte abrufbar sind und der Zugang zu Räumen der Hochschule mit der Karte kontrolliert wird. An der Ruhr-Uni Bochum wurde eine eigene Chipkarte entwickelt, mit der sich Studierende an Selbstbedienungsterminals rückmelden, ihren Bibliotheksausleihstatus abfragen und emails verschlüsseln können. Außerdem befinden sich auf der Karte aufladbare Kostenzähler für Gebürenmarken für Bibliothek und Fotokopierer.

Auch an anderen Unis in NRW werden Chipkarten geplant, Ziel ist ein einhaltliches Konzept für ganz NRW, Treffen von VertreterInnen der Rechenzentren verschiedener Hochschulen haben schon stattgefunden.

Die Bielefelder Chipkarte

In Bielefeld ist eine Karte geplant, mit der man sich elektronisch ausweisen (authentifizieren) und emails verschlüsseln kann. Dafür braucht man eine Karte mit einem Chip, auf dem eine Signatur gespeichert ist, z.B. eine Nummer, die für jedeN StudierendeN oder MitarbeiterIn eindeutig ist. Damit nicht jedeR eine gefundene Karte benutzen kann, ist diese Signatur mit einer persönlichen Identifikationsnummer (PIN) geschützt, wie sie z.B. auch bei EC-Karten verwendet wird. Der Chip auf der Karte beinhaltet voraussichtlich ein Zertifikat, das aus dem Namen, einer laufenden Nummer und einem Schlüsselpaar zur Verschlüsselung von Email besteht.

Und wofür nun das ganze?

Zum einen wird geplant, im "Bielefelder Informationssystem" (BIS) die zur Zeit sehr verstreuten persönlichen Daten der Studierenden sowie MitarbeiterInnen zentral zu sammeln, um die Daten konsistent verwalten zu können und auch den Datenschutz zu verbessern. Um zu erkennen, wer berechtigt ist, diese Daten zu lesen oder gar zu ändern, sollen sich Berechtigte mittels der Chipkarte gegenüber dem System ausweisen. In Zukunft sollen mit diesem System auch Studierende Räume und Telefonnummern etc. erfragen können.

Zum anderen gibt es das Projekt "Digitale Bibliothek NRW" ( http://www.digibib-nrw.de). Darin haben sich alle Hochschulbibliotheken NRWs zusammengeschlossen, damit alle Hochschulangehörigen auf die elektronisch vorliegenden Ressourcen (z.B. Zeitschriftenartikel, interaktive Lehrbücher, Datenbanken etc) sämtlicher Hochschulen zugreifen können. In der Digitalen Bibliothek wird die Chipkarte als Ausweis benötigt, um elektronische Bibliotheksdienste (wie z.B. Datenbankanfragen und Literaturbestellungen) nutzen zu können.

Für die Uni war es naheliegend, aus der Chipkarte gleich einen Studierendenausweis zu machen, denn sie geht davon aus, dass in Zukunft sowieso nahezu jedeR die Digitale Bibliothek nutzen wird. Die Gültigkeit des Ausweises muss zu Beginn jedes Semesters dadurch sichergestellt werden, dass auf einen sogenannten Thermochromstreifen die neuen Semesterdaten geschrieben werden.

Doch nicht nur die Univerwaltung plant eine Chipkarte, sondern auch das Bielefelder Studentenwerk. Da das Zahlungssystem in der Mensa sowieso in nächster Zeit erneuert werden muss, will es die Chance nutzen und die Möglichkeit elektronischer Zahlung einführen.

Voraussichtlich wird die Bielefelder Chipkarte deshalb zwei Chips haben: einen mit den persönlichen Daten und einen anderen, auf dem ausser einer Identifikationsnummer nur ein Geldbetrag gespeichert ist, für den man in der Mensa essen kann. Die Identifikationsnummer dient dazu, ein sogenanntes Schattenkonto zu führen, mit dem nachvollzogen wird, welche änderungen des Guthabens auf der Karte vorgenommen werden. Eventuell wird dieses Zahlungssystem in Zukunft auch auf die anderen Verpflegungsbetriebe, das Hochschulrechenzentrum, den Copyshop etc. ausgeweitet. Falls keine Zusammenarbeit mit der Univerwaltung erreicht werden kann, wird es eine extra Mensa-Zahlkarte geben. Ob auch an anderen Hochschulen in NRW ein neues und eventuell mit dem elektronischen Ausweis gekoppeltes Zahlungssystem geplant ist, wissen wir nicht.

Momentan läuft in der Uni Bielefeld die Pilotphase mit 50 Karten an, in der erstmal nur die Authentifizierung- und Verschlüsselungsfunktionen getestet werden. Das Pilotprojekt wird vom Hochschulrechenzentrum bezahlt. Die Kosten für die Anschaffung des Chipkartensystems wird das Studentenwerk übernehmen. Welche Kosten an die BenutzerInnen durch Pfand, Verlustgebühr oder ähnliches weitergegeben werden, ist noch nicht gewiss.

Warum sich Sorgen machen?

Studentische VertreterInnen (AG Chipkarten http://www.uni-bielefeld.de/stud/unicard) sind schon im Frühstadium in die Planung miteinbezogen worden. Forderungen nach Datenschutz oder, dass alternativ weiterhin mit Bargeld bezahlt werden kann, wurden gehört und deren Umsetzung versprochen, es wurden eher offene Türen eingerannt.

Die naheliegende Befürchtung, dass wie in Trier für die Zahlungen die Geldkartenfunktion eines Bankinstitutes (wie z.B. die Sparkasse) benutzt wird, bestätigte sich nicht, da dies für das Studentenwerk technischen und wirtschaftlich ungünstig ist. Es führt die BenutzerInnen-Konten lieber selbst, und lässt dadurch auch eine gewisse Kontrolle durch studentische VertreterInnen zu.

Was bleibt, ist ein starkes Unbehagen bei dem Gedanken, eine Multifunktions-Chipkarte als Studierenden-Ausweis einzuführen. Hier wird eine Technologie etabliert, die, wenn die BenutzerInnen sich erstmal an sie gewöhnt haben und die Alternativen nicht mehr nutzen, enorme Möglichkeiten zur überwachung und Kontrolle bietet. Wenn der politische Wille dazu da ist, kann leichter als bisher der Alltag der Studierenden kontrolliert werden. Beschränkunngen der Nutzung der Mensa (z.B. nur ein Essen pro Tag), Zugangskontrollen für Uni(teil)gebäude und Wohnheime, Einführung von Studiengebühren abhängig von der Anzahl der besuchten Veranstaltungen, Filterung von "Schein-Studierenden", dies alles wäre ohne großen Kostenaufwand möglich.

Dabei ist klar zu sehen, dass die Integration von Chipkarten in die Verwaltungsabläufe der Hochschulen nur der erste Schritt ist:

"Die Chipkartentechnik hat einen Reifegrad erreicht, der eine breite Einführung dieses Mediums in die täglichen Abläufe in unserer Gesellschaft als zeitgerecht erscheinen läßt. Ein Modellversuch an einer Hochschule ist geeignet, die Verbesserung von Verwaltungsprozessen und die Erhöhung des Verwaltungsservice unter Ausnutzung der Chipkartentechnologie aufzuzeigen."
(Zitat: HIS-Stellungsnahme für das MWF NRW, DV-News Nr.4 Dezember 1995, 2. Jahrgang, http://www.his.de/doku/publi/dvnews/nr.05/dvn95062.htm)

Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass in mehreren Städten Pilotprojekte laufen, bei denen die "Verbesserung von Verwaltungsprozessen" nicht auf die Hochschulen beschränkt bleiben sollen. Z.B. in Bremen wird eine BürgerInnenkarte eingeführt (http://www.bremen.de/media-komm/), die unter anderem als Nahverkehrsticket und als elektronischer Ausweis gegenüber den Bremer Behörden gelten soll. (Den Reader des Bremer AStA zu dem Thema gibt es unter http://www-user.uni-bremen.de/~asta/themen/chip/reader/). Besonders kritisch an solchen Projekten ist, dass sie nicht nur der Bequemlichkeit der BürgerInnen dienen (Werbeslogan: "Bremer fahren bequemer"), sondern auch als ein perfektes Kontrollinstrument gegenüber "verdächtigen" Mitmenschen dienen können. Das zeigt unter anderem eine Initiative in Nürnberg, wo die Einführung einer BürgerInnenkarte gleichzeitig zur Durchsetzung einer Asylkarte genutzt werden soll. (Einen Reader zum Thema Asylcard gibt es unter http://fiff.informatik.uni-bremen.de/asylcard.html).


Created: 2000-04-04
Last modified: Tue Apr 4 13:32:21 METDST 2000