Porträt der Arbeitsgruppe

An der Universität Bielefeld (Fakultät für Soziologie) ist die Sozialanthropologie sowohl Teil des Forschungsschwerpunktes Entwicklungsplanung und Entwicklungspolitik, als auch eigenständiges Wahlpflichtfach. Als wissenschaftliche Disziplin, die eigene Theorien, Methoden und Fragestellungen erarbeitet hat, bietet die Sozialanthropologie im Rahmen des Soziologiestudiums eine Perspektivenerweiterung. Der regionale Fokus richtet sich heute sowohl auf die Entwicklungsländer, auf die westlichen Gesellschaften, als auch auf die translokalen Verflechtungen, die im Rahmen der arbeitsteiligen interdisziplinären Erforschung der glo(k)balen Prozesse untersucht werden.

Die Sozialanthropologie entstand durch die Beschäftigung mit außereuropäischen Gesellschaften, welche dazu dienen sollte, "das Fremde" in wissenschaftliche Kategorien zu fassen und zu repräsentieren. Durch ausgedehnte Aufenthalte bei lokalen Gesellschaften, wo hauptsächlich "teilnehmende Beobachtung" (Malinowski) betrieben wurde, konnten Aussagen über die Lebensformen, Bräuche und Rituale der Menschen vor Ort getroffen werden. Diese frühen Arbeiten hatten aufregende und wichtige Erkenntnisse über "das Fremde" zur Folge, welche bis heute angrenzende Disziplinen grundlegend bereichern. Die sozialanthropologische Auseinandersetzung mit dem Fremden eröffnet faszinierende Perspektiven auf die eigene Gesellschaft, auf die der "Blick aus der Ferne" (Levi-Strauss) gerichtet wird.

Die sozialanthropologischen Klassiker trugen allerdings auch dazu bei, vereinfachende und exotisierende Bilder der Menschen in den damaligen Kolonien zu zeichnen. Angesichts der intensiven Auseinandersetzung mit dieser kolonialen Vergangenheit hat die Disziplin inzwischen einen Richtungswechsel erfahren. Dies liegt nicht nur an der Veränderung ihrer Anwendungsgebiete, sondern auch daran, dass zunehmend Wissenschaftler aus den ehemaligen Kolonien im wissenschaftlichen Diskurs federführend tätig sind (Appadurai, Chatterjee, Spivak). Eine der Aufgaben der Sozialanthropologie im postkolonialen Diskurs besteht unter anderem in der Auseinandersetzung mit dem Verhältnis des Westens zu den sogenannten Entwicklungsländern und in der Reflexion über Machtverhältnisse im globalen und lokalen Kontext.

Methodologisch beschäftigt sich die Sozialanthropologie unter anderem mit der Frage, ob und wie westliche Wissenschaftler überhaupt "fremde" Gesellschaften repräsentieren können. Gerade im Austausch mit der Entwicklungssoziologie, aber auch im Dialog mit anderen benachbarten Geistes- und Sozialwissenschaften wendet sich die Sozialanthropologie zunehmend den Dynamiken der gesellschaftlichen Wissensproduktion zu, wobei die Selbstreflexion über die Wissensgewinnung und -vermittlung sowie über die wissenschaftlichen Repräsentationen einen interessanten Forschungszweig darstellen. Allein schon angesichts der weltumspannenden Untersuchungsfelder und Arbeitskontakte gewinnt der kommunikationstheoretische Forschungszweig zunehmend an Bedeutung.

Mit der Transnationalisierung sozialwissenschaftlicher Untersuchungsfelder, mit der Ethnisierung der Politik und angesichts der Hochkonjunktur des vermeintlich sozialanthropologischen Kulturbegriffs sind der Sozialanthropologie neue Herausforderungen entstanden. Nachdem frühere Forscherinnen und Forscher erheblich zur Verfestigung des partikularistischen Kulturverständnisses beigetragen haben, gilt es heute festzuhalten, dass sich Kulturen nicht mehr territorialen Grenzen zuweisen lassen (wenn sie das je taten). Anstatt sich essentialisierenden Annahmen hinzugeben, die Kulturen als homogene Einheiten mit festgesteckten Grenzen betrachten, erforscht die moderne Sozialanthropologie die Auflösungsprozesse solcher Grenzen, womit sie der Selbstessentialisierung ethnischer Führer und den vereinfachenden Diskursen in den Massenmedien entgegentritt.

Im Austausch mit der Entwicklungssoziologie wird in Bielefeld umfassend über urban-rurale, translokale und über die sogenannten "transborder"-Verflechtungen geforscht und nachgedacht. Im Rahmen der Glokalisierungsforschung gilt das Augenmerk neuen Kommunikationszusammenhängen, die etwa im Rahmen der weltumspannenden Entwicklungszusammenarbeit hergestellt werden. Über den Rahmen von Theorien kulturellen Wandels hinausgehend, wird zunehmend über Entwicklungsprozesse nachgedacht und das herkömmliche Konzept von Entwicklung kritisch beleuchtet. Dabei stehen insbesondere das Spannungsverhältnis und die gegenseitige Beeinflussung von globalem und lokalem Handeln im Vordergrund.

Ein Merkmal der Bielefelder Sozialanthropologie ist die Praxisorientiertheit. Hier stehen nicht nur entwicklungspolitisch relevante Themenbereiche im Mittelpunkt (Demokratisierung, Menschenrechte, "good governance", Konflikte), sondern es geht auch um Entwicklungsprozesse in der eigenen Gesellschaft (Minderheiten- und Integrationsforschung). SoziologInnen und SozialanthropologInnen haben die Gelegenheit, im Forschungs- und Praxisschwerpunkt zusammenzuarbeiten. Es kommt in gemeinsamen Forschungskolloquien und in Vortragsreihen zu einem Austausch, der einer Fokussierung der eigenen Forschungsfragen, der Wahrnehmung der disziplinären Grenzen und der theoretischen Weiterentwicklung dient. Eine wichtige Plattform hierfür bietet beispielsweise die gemeinsame Organisation und Durchführung der am Praxisschwerpunkt üblichen Lehrforschungen, wo Studierenden die Gelegenheit geboten wird, ein kurzzeitiges Forschungsprojekt (2-3 Monate) durchzuführen.

Die Bielefelder Sozialanthropologie konzentriert sich in Forschung und Lehre auf mehrere Spezialgebiete. Regionale Schwerpunkte liegen auf Süd- und Südostasien, Ost- und Westafrika. Folgende Forschungsgebiete sind in Bielefeld von besonderem Interesse:

  • Entwicklungsanthropologie
  • politische Anthropologie
  • Rechtsanthropologie
  • Wirtschaftsanthropologie
  • Geschlechterverhältnisse
  • Konfliktforschung
  • Globalisierungsprozesse
  • Anthropologie der "eigenen" Gesellschaft, insbesondere interkulturelle Prozesse und Minderheitenintegration