Systematische Theologie: Versöhnungslehre, Pneumatologie, Ethik

Wir sind bewusst offen für neuere Fragestellungen, die sich im weiteren Kontext der ökumenischen Bewegung stellen. Für unsere derzeitige systematisch-theologische Beschäftigung stehen Pneumatologie, Versöhnungslehre, ökumenische Friedensethik sowie das Problem christlich-kommunitaristischer Ethik im Mittelpunkt des Interesses. Der Forschungsbereich der Systematischen Theologie ist durch seinen kontextuell-theologischen Ansatz eng mit den religionssoziologischen Arbeitsschwerpunkten verbunden. Dem entsprechend finden sich hier auch einige Projekte aus anderen Bereichen im Hinblick auf ihre theologische Relevanz aufgeführt.

  1. Kontextuelle Pneumatologie
    Die christliche, insbesondere die evangelische, Theologie hat durch einen starken Fokus auf Christologie und Ekklesiologie Plausibilitätsstrukturen hervorgebracht, die vor allem auf die eigene religiöse Reproduktion gerichtet sind. Dies liegt nicht zuletzt an der Perspektive theologischer Produktion: vom "Innen" von Theologie und Kirche her auf das "Außen" der Gesellschaft und der Umwelt. Eine "Theologie des Dritten Artikels" ermöglicht einen grundsätzlich anderen Ansatz. Ausgehend von den universalistischen und kosmologischen Formulierungen des Alten Testaments kann die theologische Reflexion bei der Präsenz des Geistes in Natur und Kultur ansetzen und sich direkt auf den ersten Artikel beziehen. Die Christologie kommt gerade so mit vollem kritischem Gewicht auch im Blick auf kirchliche Praxis ins Spiel. Aufgrund ihrer prinzipiellen Offenheit für gesellschaftliche Lagen bietet eine solche Pneumatologie spezifische Chancen für den interreligiösen Dialog und die Religionsdidaktik. Das Projekt wurde im Zusammenhang der Lehre an der Universidad Biblica Latinoamericana, San José, Costa Rica, entwickelt und soll mit einer Monografie abgeschlossen werden.
  2. Forscher: Heinrich Schäfer

    Publikationen:

    Schäfer: „Geisterfahrung und Geist-Theologie“. In: Glaube und Lernen. Themenheft ‚Geisterfahrung‘, 2011, 2.

    Schäfer: Pneumatología y eclesiología (Niveau Bach.). San José: UBL, 1999/2003 (zweite Auflage). (Pneumatologie und Ekklesiologie)

    Schäfer: „El Espíritu de la creación, la iglesia y la persona: algunas reflexiones acerca de Romanos 8.“ In: Vida y Pensamiento (San José, Costa Rica: Universidad Bíblica Latinoamericana) Vol. 19, 1999, Nr. 1, S. 5-36. (Der Geist der Schöpfung, die Kirche und die Person: einige Reflexionen über Römer 8) [Download PDF]

    Schäfer / Dietrich Werner: „„Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit´ (2. Kor. 3,17). Ökumenische Überlegungen zur charismatischen Bewegung - Eine Einladung zum Gespräch.“ In: Pastoraltheologie. 82. Jg., 1993, H. 7, S. 298-318


  3. Methodologisch-kommunitaristische Friedensethik
    In den sog. "Neuen Kriegen" spielen nicht-staatliche Akteure (z.B. Warlords) und identitäre Konfliktstrategien eine immer größere Rolle. Zugleich werden nicht-staatliche Akteure (z.B. NGO’s) auch für die Konfliktschlichtung immer wichtiger. Die theologische Ethik - insbesondere die protestantische - befindet sich angesichts dieser Situation in einem Dilemma zwischen christlicher Gebotsethik und kantischem Universalismus. Erstere operiert mit Argumenten für christliche "in-groups". Letzterer unter Absehung von konkreten Kontexten. Die praktische Entwicklung von Strategien der Konflikttransformation unter Beteiligung der Zivilgesellschaft - sog. „peace constituencies“ - eröffnen der ethischen Reflexion eine andere Denkrichtung. Ein "methodologischer Kommunitarismus" kann an den spezifischen Handlungschancen anknüpfen, die durch die Kooperation lokaler und globaler Friedenstifter entstehen.

    Das Projekt greift die spezifischen Aufgaben für die Ethik auf, die sich aus der Beschreibung und Interpretation lokaler, habituell verankerter Moralen und deren Vermittlung mit prinzipienorientierten, universalistischen Ansätzen globaler Akteure ergeben. Es hat also zum Ziel, einen Ansatz ethischer Reflexion zu formulieren, welcher eine gangbare Ethik für die zugleich globale und lokale (Robertson: "glokale") Handlungsebene von Konfliktmediatoren formuliert. In theologischer Hinsicht werden dabei spezifisch christliche Chancen von Vermittlung zu benennen sein. Es reflektiert Ergebnisse der empirischen Forschung über Religion, Konflikt und Frieden und schreitet folglich in einem ähnlichen Tempo voran.
  4. Forscher: Schäfer, Seibert

    Publikationen:

    Schäfer (editor): Kreativität – Selbsttranszendenz – Gewalt. Preisträgerkolloquium des Bielefelder Wissenschaftspreises für Hans Joas. Frankfurt: Campus, 2012. (Spring, forthcoming)

    Schäfer: „Capabilities – from a relationist viewpoint.“ In: Hans-Uwe Otto, Holger Ziegler (ed.): Closing the Capabilities Gap - Renegotiating social justice for the young. Opladen: Verlag Barbara Budrich 2010: 127-143.

    Schäfer: „‚We gonna bin laden them!’ Überlegungen zu einer methodologisch-kommunitaristischen Friedensethik”. In: Zeitschrift für evangelische Ethik, 51. Jg., 2007, Nr. 3, S. 169-181. [Download PDF]

    Schäfer: „’Und weil der Mensch ein Mensch ist...’ Interkulturelle Ethik, religiöse Identität und Konflikt.“ In: Sicherheit und Frieden 22, 2004, Heft 3, S. 139 146. [Download PDF]

    Schäfer: „Globalisierung und topische Ethik. Zur interkulturellen Plausibilisierung universaler Humanität.“ (Habilitationsvorlesung) In: Heinrich Schäfer: Praxis Theologie Religion. Frankfurt: Lembeck 2004, S. 369-402 (als Anhang).

    Schäfer: „Neue Kriege als Herausforderung an lutherische Ethik.“ In: Wolfgang Vögele/Christina Kayales (Hg.): Versöhnung und Gewalt. Loccumer Protokoll Nr. 65/02, Rehburg Loccum 2003, S. 7-19. [Download PDF]

    Schäfer: „New wars and identity-politics.“ In: Julio de Santa Ana (Hg.): Religions today. Their challenge to the Ecumenical Movement. Geneva: WCC, 2005, S. 89-104 (final report of the Bossey/World Council of Churches research group on The current situation of religious life and its challenges to the Ecumenical Movement).


Theologische Projekte aus dem Forschungsbereich „Religion, Konflikt, Friede“:

  1. Theologie der Versöhnung:
    In welchem Verhältnis die Versöhnung des Menschen mit Gott zur Versöhnung der Menschen untereinander stehe, ist schon seit alters eine wichtige Frage der theologischen Versöhnungslehre. Das Promotionsprojekt stellt sich dieser Frage hermeneutisch. Es knüpft zum einen an die Ergebnisse des Forschungsprojekts über bosnische Friedenstifter an; zum anderen arbeitet es Erfahrungen aus der schulischen Konfliktmediation auf. Aus diesem Erfahrungsmaterial werden im Dialog mit der Theologiegeschichte der Versöhnungslehre die heute relevanten systematisch-theologischen Fragen herauskristallisiert und theologisch bearbeitet. Ziel ist die Formulierung von Grundlinien einer aktuell erfahrungsbezogenen christlichen Versöhnungslehre.
  2. Forscher: Axel Stockmeier

  3. Ökumenische christliche Kirchen in Konflikten:
    Von den Mitgliedskirchen im Ökumenischen Rat der Kirchen sind nicht wenige sehr direkt von politischen, ethnischen und militärischen Konflikten betroffen. Die ökumenische Bewegung als ein Zusammenschluss von Kirchen lässt sich nicht zuletzt als deren Reaktion auf die Konflikterfahrungen des Ersten und Zweiten Weltkrieges verstehen. Entsprechende kollektive Erfahrung ist heute in verschiedensten konfliktiven Kontexten gefordert und wird weiter transformiert. Das Projekt verbindet historische Forschung über konfliktbezogene Strategien der ökumenischen Bewegung mit Fallstudien zu deren Engagement in aktuellen Konflikten wie etwa Nordirland, Ruanda, Serbien/Bosnien und Südafrika. Ziel ist es, religiöse Friedensstrategien zu beschreiben und theologisch im Blick auf Versöhnungprozesse als kollektive Prozesse psychischer Heilung zu reflektieren.
  4. Forscher: Priv. Doz. Dr. Gert Rüppell

  5. Strategien kreativer Friedensarbeit:
    Christliche Friedensarbeit hat immer wieder entscheidende Impulse durch Individuen erfahren, die kreative Schübe in Orientierung und Handlungsformen der Friedensarbeit ausgelöst haben. Das Dissertationsprojekt untersucht eine Reihe von Fällen. Um die Falle von individualistischen Genietheorien zu vermeiden fußt es auf der Theorie „kreativer Felder“ aus der Management-Schulung und verbindet sie mit Habitus und Biografieanalysen. Systematisch-theologisch läuft die Untersuchung darauf hinaus, diese Kreativitätsprozesse pneumatologisch zu reflektieren.
  6. Researcher: Gerhard Heck