Das Ethos religiöser Friedenstifter

In „Neuen Kriegen“ – Bosnien, Libanon, Palästina etc. – sind verschiedene Religionen eskalierend aber auch deeskalierend involviert. Das Forschungsprojekt untersucht abrahamitische Religionen in diesem Kontext am Beispiel Bosnien-Herzegovinas und vergleicht religiöse Institutionen und Allianzen, die sich in der Transformation der gesellschaftlichen Konflikte friedensfördernd engagieren. Dreh- und Angelpunkt des aktuellen bosnischen Versöhnungsprozesses sind neben humanitären Hilfsprojekten vor allem interreligiöse Dialogbemühungen, insbesondere also religiöse Aufklärung und Erziehung, die auf die Überwindung religiösnationalistischer Feindbilder ausgerichtet sind. Das Spektrum der in diesem Zusammenhang relevanten Gruppen erstreckt sich von internationalen kirchen- und regierungsnahen Organisationen (Caritas, Dobrotvor, IRC etc.) bis hin zu bloß lokal operierenden Initiativen (IMIC, Oći u Oći, NoviMost etc.).

Unter dem Gesichtspunkt der religiösen Organisiertheit werden zunächst in einer Querschnittsbefragung Daten zu der den relevanten Initiativen zugeschriebenen Glaubwürdigkeit erhoben (Fremdzuschreibung). Vor diesem Hintergrund werden religiöse Mentalitäten und Lebensläufe repräsentativer Mitglieder in offenen Interviews untersucht und miteinander verglichen (Selbstzuschreibung). Dies ermöglicht, individuelle und kollektive Identitäten und Strategien sowie Biografiemuster im bosnischen Friedensprozess zu eruieren, interreligiöse Übereinstimmungen herauszuarbeiten, Fremd- und Selbstwahrnehmung religiöser Friedenstifter zueinander in Beziehung zu setzen und die Akteure in ihren sozialstrukturellen Zusammenhängen zu verorten. Das Projekt zielt somit darauf ab, Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Friedenstiftern mit verschiedenartigen religiösen und konfessionellen Hintergründen zu identifizieren und zu erklären. Die zentrale Forschungsfrage lautet also:

In welcher Wechselwirkung stehen die öffentliche Glaubwürdigkeit religiöser Friedensstifter, ihre habituellen und biographischen Dispositionen und der religiöse Organisiertheitsgrad ihrer Initiativen und -allianzen?

Ausgehend von der Weberschen Religionssoziologie wird eine Basis geschaffen, die eine typologisch-strukturelle Erfassung religiöser Gemeinschaften und Institutionen mit einer akteurs- und mentalitätsbezogenen Deutung habitueller und biographischer Eigenarten verbindet. Um die bei Weber bereits angelegte Verknüpfung von Klassen, Ständen, Organisiertheit und religiösen Typen auf eine zeitgemäße Art und Weise zu denken, bezieht sich das Projekt auf moderne religionssoziologische Ansätze: Neben Yingers feldtheoretischer Typologie zur religiösen Organisiertheit liegt der Schwerpunkt dabei insbesondere auf Pierre Bourdieus Theorie, die es erlaubt, sozialstrukturelle Bedingtheiten auf die religiösen Dispositionen von Akteuren zu beziehen. Im Blick auf die Entwicklung kognitiver Eigenarten erfährt die von H. Schäfer auf der Grundlage von Bourdieu entwickelte Habitusanalyse zusätzlich eine Erweiterung durch die von H. Streib gestalteten biographisch-rekonstruktiven Instrumente.

Mit Hilfe dieser Methoden soll geklärt werden, wie es um die Problemlösungskapazitäten religiöser Organisationen in Bosnien-Herzegovina bestellt ist, d.h. welche religiösen Akteure warum besonders günstige soziale Positionen für friedensförderndes Engagement besetzen. Im Projekt sollen Belege dafür gefunden werden, dass die Hauptverantwortung für religiös motiviertes peace building von der religiösen Elite an die gesellschaftliche Basis übergegangen zu sein scheint, weil die schwach organisierten Friedensinitiativen in der lokalen Bevölkerung eine größere Glaubwürdigkeit genießen. Derartige Kleinstgruppen könnten in Bosnien-Herzegovina als Multiplikatoren für Deeskalationsbemühungen fungieren und insofern die Friedensarbeit enorm vorantreiben. Leider werden insbesondere lokale Initiativen und Allianzen bislang kaum zuverlässig adressiert – und zum Teil nicht einmal benannt –, weil eine Erforschung der proprietären Eigenschaften religiöser Friedenstifter bis dato noch aussteht. Die Forschungsergebnisse und Instrumente des Projekts sollen deshalb letztlich auch internationalen NGOs und GOs zur Verfügung gestellt werden, um die effiziente Zusammenarbeit mit religiösen Netzwerken zu fördern. Darüber hinaus dienen sie zur Entwicklung normativ-theologischer Ethikansätze im Zusammenhang „Neuer Kriege“.

Dokumente:

  • Kauermann G., Stricker N.(2009). StatBeCe Bericht, Das Ethos religiöser Friedensstifter. Download (PDF)
  • Seibert, L. : Prototype analysis - MRV/Caritas/Merhamet/SOZ : Universität Bielefeld 2014. Download (PDF)
  • Seibert, L. : MRV Codebook : Universität Bielefeld 2014. Download (PDF)
  • Seibert, L. : Caritas Codebook : Universität Bielefeld 2014. Download (PDF)
  • Seibert, L. : Merhamet Codebook : Universität Bielefeld 2014. Download (PDF)
  • Seibert, L. : SOZ Codebook : Universität Bielefeld 2014. Download (PDF)

Team

Leitung:
Heinrich Schäfer

Forscher:
Leif Seibert
Zrinka Stimac

Kooperationen

Forschungspartner:
Center for Interdisciplinary Postgraduate Studies (CIPS) der Universität Sarajevo

Drittmittel:
DFG
Stockmeier Stiftung
Buhmann Stiftung

Forschungstransfer:
Friedens- und Entwicklungsorganisationen

Bericht:
Einen Forschungsbericht finden Sie hier (PDF).