Religiöse Kinderbilder

Empirische Forschungsprojekte, die anhand von Kinderbildern die religiösen Vorstellungen von Kindern analysieren, liegen nur vereinzelt vor und sind im Forschungsdesign unzureichend. Dies liegt daran, dass die Subjektivität und Gestaltungskompetenz der Kinder kaum berücksichtigt werden kann, wenn alleine vom fertigen Kinderbild ausgegangen wird und wenig oder keine Information über den Malprozess vorliegt. Die vorliegende Kinderbildforschung ist nicht selten von einer kurzschlüssigen Entwicklungsperspektive geprägt, die einen Gegensatz zwischen anthropomorph und symbolisch postuliert.

Mit diesem Forschungsschwerpunkt haben wir darum bereits 1998 neue Wege eingeschlagen: Erstens wurde mit der Filmdokumentation eine Methode erprobt und etabliert, die Aufschluss über den Prozess des Gestaltens von Bildern geben kann; zweitens wurde eine Malprozessanalyse entwickelt, die auf die subjektiven Kompetenzen und die Interaktionen der Kinder bei der Gestaltung achtet; und drittens wurde ein interpretativer Zugang entwickelt, der in der korrelativen Verknüpfung visueller und verbaler Daten eine Perspektive auf die subjektive Bearbeitung von religiösen Vorstellungen und symbolischen Gestaltungen eröffnet.

Manuela Wiedmaier hat im Anschluss an das Pilotprojekt in ihrer Dissertation dieses Forschungsdesign an einem größeren Sample von Grundschulkindern weiter geführt und weiterentwickelt: Jeweils zwei oder drei Kinder trafen sich mit der teilnehmend beobachtenden Forscherin zum Malen und wurden bei dem zweiten Treffen um ein Bild zum Thema „Wie ich mir Gott vorstelle“ gebeten.

So wurden über 25 Gruppenmalprozesse aufgezeichnet. Die miteinander malenden Zweiergruppen waren jeweils geschlechtshomogen; es waren „natürliche Gruppen“, die sich regelmäßig außerhalb der Schule trafen und sich zum Zeitpunkt der Maltermine als Freundinnen bzw. Freunde bezeichneten. Die Treffen der Kinder waren freiwillig und fanden während ihrer Freizeit statt.

Im Mittelpunkt des Forschungsprojekts standen nicht die Gottes-Bilder als fertige Produkte, sondern ihre mit einer Videokamera dokumentierten Entstehungsprozesse. Dadurch kamen die Entstehungsdynamik der Bilder und ein Großteil der prozeduralen Reflexionen der malenden Kinder in den Blick, die bei einer nur auf fertige Bilder bezogenen Auswertung außen vor bleiben. Detail für Detail wurde (sequenzanalytisch) die Entstehung der Bilder mit allen Veränderungen, Brüchen und Neuanfängen analysiert.

Von besonderem Interesse war auch die Interaktion der Kinder untereinander; denn das Bearbeiten und Aneignen jeweils assoziierter Fragmente religiöser Wissensbestände unterschiedlichster Herkunft und von religiösen Fragen und Erfahrungen der Kinder geschieht nicht isoliert, sondern indem sie aufeinander Bezug nehmen. Dies kann auf unterschiedlichste Weise stattfinden, in einem breiten Feld zwischen Konkurrenz und Inspiration, zwischen Zusammenarbeit und Streit. Vor dem Hintergrund neuerer Theorien zur Selbstsozialisation in Peergroups konnte der Malprozess hinsichtlich seiner Funktion als gemeinsamer Bildungsprozess von befreundeten Kindern analysiert werden.

Das Projekt wurde im Juli 2006 mit der Promotion von Manuela Wiedmaier abgeschlossen. Die Arbeit ist als Buch erschienen:

Wiedmaier, M. (2008). Wenn sich Mädchen und Jungen Gott und die Welt ausmalen. Feinanalysen filmisch dokumentierter Malprozesse. Wahrnehmende Theologie. Studien zur Erfahrung und religiösen Lebenswelt, Bd. 3, Münster: Lit Verlag.

Wiedmaier, M. (2008). Wenn sich Mädchen und Jungen Gott und die Welt ausmalen. Feinanalysen filmisch dokumentierter Malprozesse . Wahrnehmende Theologie. Studien zur Erfahrung und religiösen Lebenswelt, Bd. 3, Münster: Lit Verlag.