Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 
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ZiF-Arbeitsgemeinschaft

Gewaltwettbewerbe.
Lokale Gewaltkonflikte und globale Konkurrenzen um Aufmerksamkeit und Legitimität

Termin: 2. - 4. Juni 2016

Leitung: Teresa Koloma Beck (Berlin, GER), Tobias Werron (Bonn, GER)

In der internationalen Politik ist das Prinzip der Gewaltlosigkeit seit dem 19. Jahrhundert zu einer universale Gültigkeit beanspruchenden Norm geworden. Dies hat die Anwendung physischer Zwangsmittel offensichtlich nicht zum Verschwinden gebracht, wohl aber die Bedingungen für die Reproduktion von Gewaltkonflikten verändert: Einerseits wird es möglich, jede Art der Gewalt öffentlich anzuprangern und damit zu delegitimieren. Andererseits lässt sich Gewalt zur Attraktion von (welt-) öffentlicher Aufmerksamkeit nutzen. Dieses Zusammenspiel zwischen lokalen Gewaltkonflikten und globalen Konkurrenzen um Aufmerksamkeit und Legitimität fassen wir in dem Neologismus "Violent conflictitions" zusammen, der die englischen Ausdrücke conflict und competition kombiniert (analog zu "cooptition", einem in der Wirtschaftswissenschaft gebräuchlichen Kompositum aus cooperation und competition). Das für tiefergehende empirische Analysen sowie theoretische Rekonstruktionen dieser Dynamiken notwendige Wissen verteilt sich auf verschiedene Disziplinen und Forschungsfelder mit unterschiedlichen epistemischen Kulturen (Globalisierungsforschung, Konflikt- und Gewaltforschung, Konkurrenzsoziologie). Ziel des dreitägigen Workshops war es, Forscherinnen und Forscher aus diesen Bereichen zusammenzubringen, um die komplexen Voraussetzungen und Folgen solcher Konstellationen in empirischer wie theoretischer Perspektive vertieft zu diskutieren.

Der Workshop setzte sich aus sechs thematischen Schwerpunkten zusammen. In den ersten beiden Panels, Competition in Global Fields und Violent Conflicts wurden zunächst grundlegende Begriffe wie Konkurrenz, Gewalt und Konflikt diskutiert, die zum Verständnis der Entstehungsvoraussetzungen und möglichen Effekte von Violent Conflictions wichtig sind. Anschließend wurden diese Voraussetzungen und Effekte anhand einer Reihe von Fallstudien konkretisiert und detailliert diskutiert: Das dritte Panel, The Global Norm of Non-Violence rekonstruierte die Formation eines Feldes humanitärer Praktiken seit dem 19. Jahrhundert sowie die spezifischen Rollen, die Nichtregierungsorganisationen und die katholische Kirche darin spielen. Im vierten Panel, Third Parties in Conflictition Scenarios, ging es anhand verschiedener Konstellationen um Figuren des Dritten, die von außen auf Konflikte einzuwirken versuchen; diskutiert wurden Maßnahmen gegen sexuelle Gewalt im Kongo, Praktiken der "Versicherheitlichung" in Afghanistan sowie die Rolle von Religionen in einer globaler Zivilgesellschaft. Fragen der Produktion und Lenkung von Aufmerksamkeit auf lokale Konflikte standen im Mittelpunkt des fünften Panels Creating and Measuring Attention, exemplarisch analysiert am Beispiel der Presseberichterstattung über Boko Haram und Praktiken des Crisis-Mapping im Internet. Den Schlusspunkt bildete das Panel Attributing and Negotiating Legitimacy, in dem Fragen des Behauptens und Bestreitens der Legitimität von Gewalt am Beispiel dschihadistischer Gruppen in Deutschland sowie der Innen- und Außenpolitik Afghanistans im Fokus standen.

Im Workshop gelang es, einen intensiven Dialog zwischen den theoretischen Perspektiven (von Georg Simmels Konkurrenzbegriff über die konstruktivistische Konflikttheorie bis hin zur soziologischen Theorie globaler Felder) und Forschungsfeldern herzustellen und dabei Konvergenzen und Synthesepotentiale wie auch Divergenzpunkte deutlich herauszuarbeiten. Einigkeit bestand am Ende darüber, dass "Violent Conflictitions" ein analytisch fruchtbares Forschungsfeld darstellt, dessen Aufarbeitung wichtige Einblicke in politische wie auch soziale Dynamiken der Globalisierung ermöglicht, und dass großes Interesse an dessen weiterer gemeinsamer Erschließung besteht.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Mehdi Azari (Nürnberg, GER), Daniel Esser (Washington, USA), Daniel Gerster (Münster, GER), Julian Go (Boston, USA), Dinah Griego (Santa Barbara, USA), Lukas Guttek (Wien, AUT), Monika Krause (London, GBR), Stephan Malthaner (Hamburg, GER), Stephan Stetter (Neubiberg, GER), Richard Stupart (Cape Town, RSA), Lisa Tschörner (Bremen, GER), Cate Turk (South Freemantle, AUS), Alex Veit (Bremen, GER), Florian Weigand (London, GBR)



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