Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 
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ZiF-Arbeitsgemeinschaft

Das Wirtschaftsstrafrecht, seine Grundlagen und seine Geschichte

Termin: 8. - 10. September 2016

Leitung: Wolfgang Schild (Bielefeld, GER), Bernhard Kretschmer (Gießen, GER), Benno Zabel (Bonn, GER)

Das Wirtschaftsstrafrecht illustriert in besonderer Weise die Transformationsprozesse moderner Gemeinwesen. Längst hat es sich vom klassischen Begriffsverständnis gelöst, wie er einmal für das Strafrecht galt, indem es sich auf vielfältige Regelungsbereiche des Wirtschaftslebens ausdifferenziert hat. Zu verstehen ist diese strafrechtliche Expansion als staatliches Bemühen, neuartige Regulierungserwartungen und Orientierungsbedürfnisse zu erfüllen, die sich in der modernen Zivilgesellschaft wirklich oder vermeintlich stellen.

Im Spannungsfeld von Gesellschaft, Kriminalität und staatlicher Intervention liegt eine Besonderheit dieser Entwicklung darin, dass sie durch die Logik der freien Marktwirtschaft, die Mechanismen der politischen Ökonomie und die enge Verknüpfung von Wirtschaft und Gemeinwohl einer zuvor nicht gekannten Dynamik unterworfen wird. Um den Strukturwandel des Wirtschaftsstrafrechts einordnen zu können, genügt es daher nicht, nur den Status quo der Kriminalpolitik und Gesetzgebung, den Stand der herrschenden Dogmatik sowie die einschlägige Rechtsprechung zu erfassen. Erklärlich und verständlich wird dieser Wandel erst, wenn man ihn zugleich mit den Einsichten der Wirtschafts- und Sozialgeschichte, der Kriminalsoziologie und der Strafrechtsphilosophie konfrontiert. Erst dann wird sichtbar, dass und wie sehr die gegenwärtige Praxis wirtschaftsbezogener Konfliktbewältigung auf tieferliegende Fragen verweist, die sowohl den Status des Subjekts, die Anerkennung und Neuschöpfung gesellschaftlicher Werte als auch das sozialkooperative Fundament der geltenden Ordnung betreffen.

Die ZiF-Arbeitsgemeinschaft hatte sich zur Aufgabe gemacht, die in diesem Themenfeld bestehende Forschungslücke schließen zu helfen. Dazu galt es zunächst, grundlagentheoretische und kriminalitätsgeschichtliche Perspektiven zu verknüpfen. Insofern galt der fokussierte Blick der Person und deren Freiheit als historischem Wirtschaftssubjekt, der gesellschaftlichen Entwicklung vom Ständestaat zur modernen Gesellschaft und der wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Erhellung des freien Marktes und der politischen Ökonomie. In Blick zu halten galt es dabei, dass das Wirtschaftsstrafrecht auch von internationalen Interessen beeinflusst wird. Aufbauend auf diesen Grundlagen wurden bestimmte kriminalpolitische Entwicklungen und dogmengeschichtliche Einzelfragen aufgearbeitet. Das bezog sich auf die Entwicklung und Einordnung des Polizei- und Verwaltungsstrafrechts, die Geschichte und wandelnde Betrachtung von Verbandsstrafrecht, den Schutz der Unternehmenskultur (sowohl mit Blick auf die Aktiengesellschaft als auch das Schutzkonzept der Untreue), historische und juristische Perspektiven der Korruptionsbekämpfung als auch die Entwicklung der im Wirtschaftsstrafrecht so bedeutsamen Verfahrensabsprachen. Ergänzt wurde all das mit Betrachtungen zum Steuerstrafrecht, zu Börsenvergehen (New York Exchange und Compliance), zum Wettbewerbsstrafrecht (Kartelle und Lauterkeitsrecht) sowie zu Bankrott und Insolvenz.

In einer sehr konstruktiven Gesprächs- und Diskussionskultur ist es gelungen, die genannten Bausteine nicht nur zu erarbeiten, sondern sie aufeinander zu beziehen und miteinander zu verbinden. In dieser Weise haben alle Teilnehmer die Grundlagen und die Geschichte des Wirtschaftsstrafrechts und damit dieses selbst besser verstehen gelernt. Durch interdisziplinäre Befassung konnte mithin ein wichtiger Beitrag zur kriminalpolitischen und dogmatischen Grundlagenforschung geleistet werden. Die Teilnehmer der Arbeitsgemeinschaft waren sich einig, dass an den Erfolg dieser Tagung in vertiefenden Formaten anzuschließen ist.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Gerold Ambrosius (Siegen, GER), Martin Asholt (Passau, GER), Stephan Barton (Bielefeld, GER), Susanne Beck (Hannover, GER), Luise Bendrick (Frankfurt am Main, GER), Nils Borchert (Gießen, GER), Peter Collin (Frankfurt am Main, GER), Jens Ivo Engels (Darmstadt, GER), Sheng-Yen Feng (Göttingen, GER), Thomas Fischer (Karlsruhe, GER), Boris Gehlen (Bochum, GER), David Gilgen (Bielefeld, GER), Luis Greco (Augsburg, GER), Hans Werner Hahn (Aßler, GER), Martin Heger (Berlin, GER), Matthias Jahn (Frankfurt am Main, GER), Thomas Jänicke (Hamburg, GER), Lukas Klug (Frankfurt am Main, GER), Milan Kuhli (Hamburg, GER), Johannes Mayser (Gießen, GER), Marc Reiß (Frankfurt am Main, GER), Viola Scharbius (Bielefeld, GER), Charlotte Schmitt-Leonardy (Frankfurt am Main, GER), Mathias Schmoeckel (Bonn, GER), Jessica Schröder (Gießen, GER), Felix Selgert (Wien, AUT), Susanne Selter (Plettenberg, GER), Sebastian Teupe (Bayreuth, GER), Thomas Vormbaum (Hagen, GER), Frank Weiler (Bielefeld, GER), Sascha Ziemann (Frankfurt am Main, GER), Tatjana Zimmer (Bielefeld, GER)



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