Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 
Plakat

ZiF-Arbeitsgemeinschaft

Lebensgeschichten in Bewegung: Subalterne autobiographische Praktiken im 18. und 19. Jahrhundert

Termin: 24. - 26. November 2016

Leitung: Malte Griesse (Konstanz, GER)

Noch heute sind es eher Prominente, die Autobiographien oder Memoiren verfassen oder verfassen lassen. Trotzdem schreiben auch immer wieder einfache Leute über ihr Leben, besonders im Alter. Oft richten sie sich an ihre Kinder und Enkel, oder allgemeiner an jüngere Generationen, die in einer völlig neuen technischen Wirklichkeit aufgewachsen sind und denen sie deshalb von ganz anderen Lebenswelten erzählen können. Vor dem 20. Jahrhundert war es trotz der enormen Veränderungen durch die Industrialisierung sehr viel schwieriger, über das eigene Leben zu schreiben. Gerade Leute aus den Unterschichten wurden von ihrem direkten Umfeld sogar dafür diskriminiert. Oftmals galt Schreiben überhaupt schon als eher müßiger Zeitvertreib – und das Schreiben über das eigene Leben erschien geradezu als Anmaßung und unstandesgemäße Eitelkeit. So hat etwa ein spanischer Gerber aus dem 17. Jahrhundert sein autobiographisches Schreiben mit dem Flug des Ikarus verglichen: Er und viele anderen waren sich dessen bewusst, dass sie sich über die Grenzen ihres Standes aufschwangen und entsprechend groß war die Absturzgefahr.

Umso wichtiger waren ›Praktiken‹, die solches Schreiben unterstützten, und ›Resonanzräume‹, die ihm Sinn verliehen. Meist aus sozialreformerischer Agenda heraus bemühten sich einzelne Intellektuelle schon im 18. und 19. Jahrhundert, Repräsentanten bestimmter sozialer Gruppen oder Milieus zum Schreiben ihrer Lebensgeschichte zu animieren: etwa ehemalige Sklaven oder Leibeigene, um für die Abschaffung der Sklaverei oder der Leibeigenschaft zu werben; Bauern, um Agrarreformen zu fördern; Leute aus dem Volk, um eine inklusive Nation zu beschwören; Arbeiter, um dadurch eine revolutionäre Umgestaltung der politisch-ökonomischen Herrschaftsstrukturen zu propagieren; oder Frauen, um für geschlechtliche Gleichberechtigung einzutreten, etc. So sahen die Rahmenbedingungen für autobiographische Praktiken regional sehr unterschiedlich aus. Zum einen fielen unter diejenigen, die wir mit dem Sammelbegriff ›Subalterne‹ zusammengefasst haben, sehr unterschiedliche soziale Gruppen, je nachdem ob eine Region stark industrialisiert war oder lange agrarisch geprägt blieb, ob man es mit Leibeigenen oder freien Bauern zu tun hatte oder ob es sich um europäische Mutterländer oder außereuropäische Kolonien mit mehr oder weniger großer Bedeutung von Sklaverei oder Kontraktarbeit (indentured labour) handelte, usw.

Aber auch die politischen Kulturen und ihre ›Grammatiken‹, d.h. die Gemeinwohle und das über sie vermittelte Verhältnis zwischen Einzelnem und Kollektiv, unterscheiden sich deutlich. Deshalb haben wir auf dem Workshop nicht nur Vertreter unterschiedlicher Disziplinen, sondern auch Forscher mit verschiedenen Länderschwerpunkten und Sprachkompetenzen zusammengebracht. So konnten wir autobiographische Praktiken sowohl im Vergleich als auch in ihren Vernetzungen und gegenseitigen Wahrnehmungen diskutieren und multiperspektivisch beleuchten. Dabei hat der angelsächsische Raum sicherlich die stärkste Autobiographie-Tradition hervorgebracht, an der auch schon früh Vertreter der Unterschichten einen bedeutenden Anteil hatten. So wurden bereits ab dem 16. Jahrhundert Lebensgeschichten von Seeleuten veröffentlicht, die Piraten ins Osmanische Reich verschleppt und verkauft hatten, wo sie Jahrzehnte verbrachten, um nach ihrer (angeblichen) Flucht von ihren Erfahrungen mit den fremden muslimischen Kulturen zu berichten. Auch Bekehrungsnarrative florierten v.a. innerhalb der protestantischen Denominationen und beschränkten sich nicht nur auf die sozialen Oberschichten. Großer Beliebtheit erfreuten sich im angelsächsischen Raum auch die Erfolgsgeschichten der self-made men, die ihre subalterne Herkunft rückblickend schilderten, sowohl im Amerika als ›Land der unbegrenzten Möglichkeiten‹ (from rags to riches), als auch im englischen Mutterland.

Dementsprechend groß war auch die Ausstrahlung angelsächsischer Autobiographik: So wurden etwa die amerikanischen slave narratives (bzw. einige von ihnen) nicht nur in der protestantischen Welt (etwa in den Niederlanden) breit rezipiert, sondern sogar von orthodoxen Bauern in Russland, die ihre Lebensgeschichten häufig nach dem amerikanischen Sklaverei-Muster erzählten und damit das rückblickende Bild von der Leibeigenschaft in Russland nachhaltig prägten – und verzerrten. Dagegen scheinen sich katholische Länder den angelsächsischen Mustern eher verschlossen zu haben. So ist aus dem frankophonen Raum keine und aus dem hispanophonen Raum nur eine einzige Lebenserzählung eines Sklaven überliefert, was sich mit einer geringeren Alphabetisierung noch nicht hinreichend erklären lässt. Aber auch wenn Veröffentlichungen in besonderem Maße Resonanzräume markieren, haben wir uns auf der Tagung nicht auf publiziertes Material beschränkt, sondern auch anderweitig überlieferte Narrative in den Blick genommen, von den aus juristisch-administrativen Logiken entstandenen Testamenten ehemaliger Sklaven auf Kuba über Tagebücher verschiedenster Formate bis hin zu Lebenserzählungen, die nur für einen begrenzten Leserkreis geschrieben wurden oder die trotz weitergehender Ambitionen handschriftlich geblieben waren wie die eines Bauernsohns aus dem nordschwedischen Umeå, der sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Turku zum Priester ausbilden ließ und über 40 Jahre an seiner monumentalen Lebensbeschreibung arbeitete.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Timothy G. Ashplant (London, GBR), Michael Czolkoß (Oldenburg, GER), Michael Dekker (Amsterdam, NED), Rosemarie Fiebranz (Uppsala, SWE), Marcus Hartner (Bielefeld, GER), Nikolas Helm (Göttingen, GER), Julia Herzberg (München, GER), Alexis Hofmeister (Basel, SUI), Marijke Huisman (Utrecht, NED), Anna Iuso (Rom, ITA), Jochen Kemner (Bielefeld, GER), Eva Kormann (Karlsruhe, GER), Anna Kuismin (Helsinki, FIN), Ann-Catrin Östman (Turku, FIN), Krzyszof Zamorski (Krakau, POL), Michael Zeuske (Köln, GER)



Drucken
ZiF - Zentrum für interdisziplinäre Forschung - Startseite > AG > ZiF-Arbeitsgemeinschaften 2016 >