Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

ZiF-Arbeitsgemeinschaft

Christoph Schlingensief und die Avantgarde

Termin: 2. - 4. Februar 2017

Leitung: Jasmin Degeling (Bochum, GER), Lore Knapp (Bielefeld, GER), Sven Lindholm (Bochum, GER), Sarah Pogoda (Bangor, GBR), Anna Teresa Scheer (Armidale, AUS)

Für die künstlerische Praxis des Film- und Theaterregisseurs und Aktionskünstlers Christoph Schlingensief (1960 - 2010) waren die Geschichte und die verschiedenen Spielarten der historischen Avantgarden sowie der Neo-Avantgarden in Bildender Kunst, Musik, Film und Theater von hoher Relevanz. Schlingensiefs Arbeiten, die zu den wichtigsten Positionen im Feld deutschsprachiger Gegenwartskunst gehören, experimentierten immer wieder neu mit dem Verhältnis von Kunst und Öffentlichkeit, testeten institutionelle und mediale Rahmensetzungen und knüpften damit an die Tradition der Avantgarden des 20. Jahrhunderts an.

Für die Arbeitsgruppe von Kunst-, Kultur- und Sozialwissenschaftler*innen, Wegbegleiter*innen und Mitstreiter*innen aus Deutschland, Großbritannien, der Schweiz und Australien, die sich Anfang Februar im ZiF um einen runden Tisch versammelte, war die Produktivität, dieses Nachleben der Avantgarden, ihrer politischen Programme und ästhetischen Formen für die Genese zeitgenössischer künstlerischer Arbeitsformen bei Schlingensief, immer wieder Reibungsfläche in den Diskussionen. Dabei zeigten die Beiträge und Diskussionen, dass die kritische Praxis Schlingensiefs sich immer wieder mittels Parodien, Re-Enactments und Wiederaneignungen auf unterschiedliche Formate der Avantgarden bezieht: etwa auf die Bewegung des Surrealismus (Zweites Surrealistisches Manifest von André Breton, Volksbühne Berlin 1996), des Fluxus (Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir - ein Fluxus-Oratorium, RuhrTriennale Duisburg, 2008), des Happening (Kaprow City, Volksbühne Berlin 2006) oder auch des Neuen Deutschen Films (Tunguska - Die Kisten sind da, 1983). Dass das Ende der Avantgarden innerhalb der Forschungsdebatte weiterhin lange diagnostiziert und betrauert und ihr Programm, mit Kunst Grenzen zu überschreiten, um bestenfalls nicht mehr Kunst zu sein und Leben zu werden, somit den Archivaren überlassen worden ist, ist ein Problem, das mit Blick auf Schlingensiefs Arbeit kritisch revidiert werden muss.

Hinsichtlich einer an der Geschichte der Avantgarden geschulten, interdisziplinären Perspektive auf die Arbeiten Schlingensiefs sind gleichwohl kritische Fragen Gegenstand ausführlicher Diskussion gewesen: So erweisen sich die Avantgarden mitunter als ein Habitus, der bekanntlich vom Kunstmarkt perfekt appropriiert werden konnte - Marcel Duchamps Ready-mades sind hierfür hervorragende Beispiele. Dieses so unvermeidliche wie unendliche Spiel der Aneignungen von Formen und Rahmensetzungen, Deutungshoheiten und ihrer Zurückweisungen drückt sich in dessen Arbeiten gleichwohl aus: Als künstlerische Arbeiten wurden sie immer wieder mit dem ausdrücklichen Zweck einer sozialen oder politischen Transformation inszeniert, und gerade in dieser Rahmung wurde ihr Scheitern riskiert. Hierfür ist das jüngste wie unvollendete Projekt, das so genannte Operndorf Afrika, ein so präzises wie ambivalentes Beispiel, das andauernde Debatte erfordert: Was passiert, wenn im Namen der Avantgarde ein Entwicklungshilfeprojekt in der Provinz Burkina-Fasos als Kunst deklariert wird? Handelt es sich bei diesem Programm, die Grenze zwischen Kunst und Leben mittels der Gründung einer Grundschule und einer Krankenstation aufzuheben, nicht letztlich doch um eine Form von Kolonialismus, der viel mit der spezifisch modernistischen Kulturkritik des 20. Jahrhunderts zu tun hat?

Während des dreitägigen Arbeitsgruppentreffens wurden die genauen Analysen spezifischer Werke Schlingensiefs sowie die kritische Überprüfung der bisherigen Forschungsparadigmen durch die beteiligten Künstler*innen und Wissenschaftler*innen, deren Beiträge zuvor allen zur Lektüre zur Verfügung gestellt worden waren, noch einmal als Impulsreferat zur Diskussion gestellt. In intensiver Arbeitsatmosphäre wurde die Diskussion dieser Beiträge ergänzt um eine gemeinsame Lektüre von André Bretons Zweitem surrealistischen Manifest (1930) sowie eine gemeinsame Filmsichtung und -analyse des Experimentalfilms 100 Jahre Adolf Hitler - Die letzten Stunde im Führerbunker, 1988).

Für einen solchen intensiven Workshop bieten die Räume und die Ausstattung des ZiF eine hervorragende Voraussetzung. Insbesondere die Möglichkeit zur Zusammenarbeit nicht nur verschiedener Disziplinen, sondern gerade auch von Künstler*innen und Wissenschaftler*innen, und zwar generationenübergreifend zwischen jenen, die Schlingensiefs Arbeit und deren je spezifischen auch politischen Interventionen zeitgenössisch gewesen sind, und jenen Jüngeren, die mit größerer historischer Distanz in Auseinandersetzung zu diesen treten, war hinsichtlich der Frage nach einer zeitgenössischen Avantgarde sehr produktiv.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Evelyn Annuß (Berlin, GER), Wolfgang Asholt (Berlin, GER), Marius Dotzauer (Münster, GER), Eva-Maria Fehre (Bielefeld, GER), Birte Giesler (Bielefeld, GER), Ingrid Gilcher-Holtey (Bielefeld, GER), Ulrike Hartung (Frankfurt am Main, GER), Ingrid Hentschel (Bielefeld, GER), Sebastian Kirsch (Bochum, GER), Teresa Kovacs (Wien, AUT), Dietrich Kuhlbrodt (Hamburg, GER), Fabian Lehmann (Bayreuth, GER), Hélisenne Lestringant (Berlin, GER), Ella Platschka (München, GER), Heinz-Werner Preußer (Bielefeld, GER), Sarah Ralfs (Berlin, GER), Philip Ursprung (Zürich, SUI), Jörg van der Horst (Lippstadt, GER), Arno Waschk (Berlin, GER), Nina Tessa Zahner (Leipzig, GER)



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