Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Preisträgerkolloquium mit Quentin Skinner - How much history does philosophy need?

Termin: 30. Januar 2009

Leitung: Véronique Zanetti, Michaela Rehm (beide Bielefeld)

Ob sie es will oder nicht: Die Philosophie hat eine Geschichte. Die Frage ist, ob sie auch keinen anderen Gegenstand hat als diese ihre Geschichte. Das ist von einigen Philosophen angenommen worden. So sagt Friedrich Schlegel: "Die Philosophie ist wohl allerdings nichts als Geschichte d[er] Philosophie, wenn man Geschichte recht versteht." Aber wann ist Geschichte recht verstanden? Und wann sind philosophische Probleme richtig verstanden? Wie viel Philosophie brauchen umgekehrt die Historiker, um die Titel-Frage mit Angelika Epple, Historikerin in Bielefeld, umzudrehen? Die Begriffsarbeit der Philosophie, so Epple, hilft, Komplexität zu verringern, indem sie Bereiche aus dem Untersuchungsfeld ausschließt. Eine solche Komplexitätsreduktion ist Ermöglichungsbedingung der Historiographie. Sie geht allerdings auf Kosten von Schattenzonen, die ausgeschlossen werden, was wiederum die Glaubwürdigkeit der historischen Narration beschädigt.
Diese und andere damit verbundene Fragen und Probleme wurden zwischen Historikern und Philosophen in Anwesenheit von Preisträger Quentin Skinner in einem Kolloquium zum Werk des Geehrten debattiert. Wenige andere Personen wären so berufen gewesen wie Quentin Skinner, um diese Grundsatzfragen der Philosophie-Exegese, der Ideengeschichte und der Methodologie zu diskutieren; denn der Regius Professor of Modern History an der University of Cambridge (seit 1996) hat sich vielfach mit philosophischen Theorien historisch und methodologisch auseinandergesetzt, besonders solchen aus der Epoche der italienischen Renaissance und des 17. Jahrhunderts. Er vertritt eine dezidierte Position: Philosophische Texte sind nicht unabhängig von ihrem historischen Kontext zu verstehen, und sie liefern keine Antworten auf Fragen, die uns heute beschäftigen. Dennoch beschränkt sich die Exegese nicht auf eine museale Arbeit der Katalogisierung vergangener Ideen, sondern zwingt uns, über die Bedingtheit der eigenen Perspektive kritisch nachzudenken.
Diese sowohl historische wie kritische Arbeit an politischen Ideen und Begriffen lässt sich besonders gut am Begriff der Freiheit exemplifizieren, wie der Preisträger in seinem Festvortrag eindrucksvoll bewies. Unser (liberales) Verständnis von Freiheit als Abwesenheit von Zwang, so verrät uns der kritische historische Blick, ist zu eng. Der Sklave, so Skinner, ist auch dann unfrei, wenn er von seinem Herrn in Frieden gelassen wird. Frei ist man nur in einer Republik, in einer Gemeinschaft von politisch partizipierenden Bürgern, die in keiner innen- oder außenpolitischen Abhängigkeit stehen. Genau diese Ansicht wurde aber von Rüdiger Bittner in seinem Vortrag angegriffen. Dass jemand Macht über mich hat, so Bittners Einwand, verringert nicht meine Freiheit. Der Freund, mit dem ich in den Alpen klettern gehe, hat die Macht, mich in die Tiefe zu reißen. Deshalb bin ich aber nicht weniger frei, im Gegenteil. Ohne ihn könnte ich vieles beim Bergsteigen nicht tun. Nicht die Macht selbst, sondern die Wahrscheinlichkeit ihres gegen mich gerichteten Gebrauchs ist es, was meine Freiheit einschränkt.
Auf welcher Ebene spielt sich indes diese theoretische Auseinandersetzung um den negativen Freiheitsbegriff ab? Haben wir mit einer systematischen oder einer rein historischen Frage der Philosophie zu tun? Sollen wir Hobbes ernst nehmen, so Reinhard Brandt, wenn er den Wunsch äußert, seine politische Theorie möge wie ein wissenschaftlicher Traktat gelesen werden? Oder ist seine Äußerung reine Rhetorik, die wir allein aus dem Kontext seiner von Religionskriegen erschütterten Epoche verständlich machen können? Haben wir bloß mit der semantischen Analyse eines Begriffs zu tun? Und wie können wir wissen, so Martin Papenheim, ob Hobbes zum Beispiel einen neuen Begriff von Freiheit einführt? Sind Begriffe, so Papenheim weiter, wie Knoten in einem Netz, sind sie vom herrschenden Diskurs abhängig, oder beeinflussen sie diesen auch wieder? Damit stellt sich die Grundsatzfrage, wie neue Begriffe entstehen können. Die Philosophie, hatte Schlegel gesagt, ist ihre Geschichte. Aber er hatte hinzugefügt, dass sie auch deren Kritik sei.



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