Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Mathematics as Practice and Culture

Interdisziplinäre Perspektiven auf Kultur und Praxis der Mathematik

Termin: 27. - 29. Mai 2010

Leitung: Christian Greiffenhagen (Manchester), Martina Merz (Luzern)

Mit der Entwicklung neuer soziologischer, anthropologischer und historischer Ansätze seit den 1970er Jahren rücken in den Analysen wissenschaftlichen Wissens auch die sozialen, kulturellen, materialen und politischen Dimensionen in den Blick. Zunächst schien es, als blieben mathematische oder theoretische Wissenschaften (z.B. Mathematik, formale Logik, theoretische Physik) von dieser Neuorientierung unberührt. Erst in der letzten Zeit mehren sich Studien zu Forschungsfeldern, die mit Beweis, logischen Schlüssen und Berechnungen assoziiert werden. Ziel des im Mai 2010 am Zentrum für interdisziplinäre Forschung durchgeführten (von der Cogito-Stiftung co-finanzierten) internationalen Workshops war es, die verschiedenen, oftmals interdisziplinären Zugänge zur Kultur und Praxis mathematischer Wissenschaften anhand konkreter Fallstudien vorzustellen sowie einer systematischen Prüfung zu unterziehen. Zu diesem Zweck fanden sich Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus den Gebieten der Wissenschaftssoziologie, -geschichte, -philosophie und Mathematik zu einem intensiven Gespräch zusammen. Die zwölf Vorträge mit anschließender Diskussion zeigten, wie vielgestaltig das Forschungsfeld sich aktuell darstellt und wie vielfältig die Bezüge zwischen den einzelnen Arbeiten sind. Die soziale und materiale Dimension der Beweispraxis z.B. lässt sich sowohl am Fall der antiken chinesischen Mathematik analysieren (Chemla) als auch am Beispiel eines logischen Theorems in der künstlichen Intelligenz (Rosental). Die Frage, wie mathematisches Wissen kollektiv erzeugt und validiert wird, stand im Zentrum von Vorträgen zur Spieltheorie (Breslau), mathematischen Logik (Greiffenhagen/Sharrock), theoretischen Physik (Merz) und Peer-Review-Praxis der Mathematik (Löwe/Müller). Dabei erkunden die den Vorträgen zugrunde liegenden Untersuchungen unterschiedliche empirische Zugänge zur mathematischen Praxis und Kultur: von der teilnehmenden Beobachtung, teilweise kombiniert mit Videoaufzeichnungen der Arbeit an der Tafel bzw. der Dokumentation von E-Mail-Interaktionen eines kooperierenden Teams, über qualitative Interviews und eine Netzwerkanalyse von Koautorenschaften bis hin zur Erfassung von Erzählungen, in denen Mathematiker und Mathematikerinnen ihre Kindheitserfahrungen mit Zahlen und Algorithmen kund tun (Borovik). Auf welche Weise mathematische Regelwerke in andere Praxisfelder eingeschrieben sind, welche Konventionen und Standards dabei wirksam werden und welche Effekte diese Mathematisierung zeitigt, illustrierte zunächst ein Vortrag zur Geschichte der Ingenieurswissenschaften (Johnson). Von großer Aktualität waren in diesem Zusammenhang die Berichte über zwei Studien zu heutigen Finanzmärkten, die insbesondere Evaluationspraktiken und Risikoberechnungen von Finanzinstrumenten in den Blick nahmen (Kalthoff, MacKenzie). Zwei Beiträge programmatischer Natur ergänzten die kritische Würdigung der vorliegenden Analysen mathematischer Praxis und Kultur (Lynch, Mehrtens). In der angeregten Diskussion, die sich nicht auf die Einzelbeiträge beschränkte, wurden Möglichkeiten für eine wechselseitige konzeptuelle und methodische Befruchtung der disziplinär unterschiedlichen Herangehensweisen eruiert. Der Workshop endete mit der Bezeugung starken Interesses, das begonnene Gespräch über Fächergrenzen hinweg fortzusetzen. So wird der Anlass für die Beteiligten sicherlich nicht der letzte sein, an dem sie interdisziplinäre Perspektiven auf Kultur und Praxis der Mathematik erschließen.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Andrea Blunck (Hamburg), Alexandre Borovik (Manchester), Daniel Breslau (Blacksburg, VA), Karine Chemla (Paris), Juliet Floyd (Göttingen), Norma B. Goethe (Göttingen), Ann Johnson (Columbia, SC), Herbert Kalthoff (Mainz), Benedikt Löwe (Amsterdam), Michael Lynch (Ithaca, NY), Donald MacKenzie (Edinburgh), Herbert Mehrtens (Braunschweig), Thomas Müller (Utrecht), Delio Mugnolo (Ulm), Claude Rosental (Paris), Wes Sharrock (Manchester), Leonidas Tsilipakos (Manchester), Hendrik Vollmer (Bielefeld), Yun Xie (Guangzhou)



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