Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Dimensionen der Messung

Termin: 14. - 16. März 2013

Leitung: Alfred Nordmann (Darmstadt, GER) und Oliver Schlaudt (Heidelberg, GER)

Die Messtechnik hat in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht. Die nicht immer unumstrittene Ausdehnung quantitativer Methoden auf neue Gebiete und erhebliche Verbesserungen der Präzisionsmessung in den alten Gebieten war oft Motor des wissenschaftlichen Fortschritts. Gleichwohl hat die Messung ihre prominente Stellung in der Wissenschaftsphilosophie eingebüßt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellte sie einen zentralen Gegenstand philosophischer Forschung dar, das Interesse an der Messung vermochte sehr disparate Strömungen der frühen Wissenschaftsphilosophie zu verbinden: Vertreter des Empirismus, des Neukantianismus, Pragmatismus und Instrumentalismus schenkten messtheoretischen Fragen hohe Aufmerksamkeit.
Die Tagung Dimensions of Measurement verfolgte das Ziel, die Messung wieder prominenter zu platzieren und knüpfte ausdrücklich an den Pluralismus früherer Auseinandersetzungen an. Dabei ging es einerseits um die klassische Frage, ob alles messbar sei, also auch psychologische Zustände oder Lebensqualität, aber beispielsweise auch um die ganz neue Frage, ob auch Simulationsmodelle als Messinstrumente aufgefasst werden können. Intensiv wurde diskutiert, ob Messung vornehmlich als instrumentelle Technik oder als theoriegeleitete Abbildung der Natur aufgefasst werden sollte. Einige Sektionen widmeten sich der Rolle von Visualisierungen, andere zeichneten den Übergang von standardisierter Datenerfassung zu aussagekräftigen Messergebnissen nach.
Mit elf Plenarvorträgen und 50 eingereichten Vorträgen erwies sich Dimensions of Measurement als erste große Messtheorie-Tagung seit 1959. Schon die Plenarvorträge brachten unterschiedliche Perspektiven zusammen: Wissenschaftsphilosophie und -geschichte (Hasok Chang, Nadine de Courtenay, Michael Heidelberger, Eran Tal), Wissenstheorie und -soziologie (Martin Kusch, Simon Schaffer), Methodologie und Methodengeschichte (Marcel Boumans, Luca Mari, Joel Michell, Mary Morgan), aber auch Literaturwissenschaft (Laura Dassow Walls). Diese Perspektiven ergänzten sich so gut, dass zum Ende der Tagung von einem neuen Forschungsfeld, nämlich einer historischen Epistemologie oder Erkenntniskritik der Messung die Rede war.
Die angestrebte Pluralität der Ansätze erwies sich somit als durchaus verträglich mit programmatischen Ansätzen, die die heutige Problemlage der Wissenschafts- und Technikforschung reflektieren. Programmatische Impulse gaben schon die beiden Organisatoren zur Eröffnung der Tagung. Alfred Nordmann setzte ein Fragezeichen hinter die Repräsentation als Grundbegriff der Messtheorie. Durch eine Perspektivenverschiebung sollten Fragen nach dem Repräsentationsgehalt von Messergebnissen und den Bedingungen der Quantifizierbarkeit zurückgestellt werden zugunsten einer Auffassung von Messung als technischer Koordination von Praktiken. Diese Programmatik wurde während des Kongresses in etlichen Fallstudien zu Fragen der Visualisierung, Kalibrierung und Standardisierung, zum Funktionieren von Messung in Labor und Feld, in Technologie, Sozial- und Humanwissenschaft eingelöst. Oliver Schlaudt hob hervor, dass sich die derzeit viel diskutierte gesellschaftliche Relevanz der Wissenschaftsphilosophie in Bezug auf Fragen der Standardisierung und Objekivierung besonders scharf konturieren lässt, wenn etwa im Feld der Psychiatrie durch neue Messverfahren neue diagnostische Kategorien definiert werden. Auf diese Weise wurde die Messung als boundary object auf der Grenze von Theorie und Praxis, Labor und Feld, Erforschtem und Unbekanntem und auch auf der Grenze verschiedener Disziplinen sichtbar. In vielen Diskussionen zeigte sich die Bedeutung und Omnipräsenz quantitativer Methoden in der modernen Industriegesellschaft, und die Messung erwies sich als ein Problemfeld, das nach wie vor disparate Traditionen wissenschaftsphilosophischer Reflexion zusammenführt.

Participants

Zed Adams (New York, USA), Catherine Allamel-Raffin (Straßburg, FRA), Erik Angner (Fairfax, USA), Malte Bachem (Zürich, SUI), Francesca Biagioli (Paderborn, GER), Mieke Boon (Enschede, NED), Marcel Boumas (Amsterdam, NED), Ramona Braun (Cambridge, GBR), Emily K. Brock (Columbia, USA), Martin Carrier (Bielefeld, GER), Hasok Chang (Cambridge, GBR), Nadine de Courtenay (Paris, FRA), Sharon Crasnow (Norco, USA), Laura Cupples (Columbia, USA), Donna J. Drucker (Darmstadt, GER), Stéphanie Dupouy (Straßburg, FRA), Andreas Gelhard (Damstadt, GER), Fabien Grégis (Paris, FRA), Jim Grosier (London, GBR), Godfrey Guillaumin (Mexico City, MEX), Genco Guralp (Baltimore, USA), Verena Halsmayer (Wien, AUT), Anne Harrington (Washington, USA), Liv Hausken (Oslo, NOR), Michael Heidelberger (Tübingen, GER), Christian Hennig (London, GBR), Marcel Henrich (Darmstadt, GER), François Hochereau (Marne-la-Vallèe, FRA), Aud Sissel Hoel (Trondheim, NOR), Lara Huber (Wuppertal, GER), Ann Johnson (Columbia, USA), Saana Jukola (Hannover, GER), Andreas Kaminski (Darmstadt, GER), Shaul Katzir (Tel Aviv, ISR), Philipp Keim (Darmstadt, GER), Sharon Ku (Bethesda, USA), Martin Kusch (Wien, AUT), Tord Larsen (Trondheim, NOR), Daniel Lawler (Bielefeld, GER), Johannes Lenhard (Bielefeld, GER), Alexandre Mallard (Paris, FRA), Luca Mari (Castellanza, ITA), Carlo Martini (Helsinki, FIN), Andrew Maul (Boulder, USA), Patrick Maynard (Norfolk, GBR), Leah McClimans (Columbia, USA), Joshua McGrane (Crawley, WA), Uta Meier-Hahn (Berlin, GER), Ave Mets (Tartu, EST), Joel Michell (Sydney, AUS), Teru Miyake (Singapur, SGP), Nicola Mößner (Aachen, GER), Mary Morgan (London, GBR), Elizabeth Neswald (St. Catharines, CAN), Mathis Nolte (Bielefeld, GER), Flavia Padovani (Philadelphia, USA), Wendy Parker (Athens, USA), Laura Perini (Claremont, USA), Wolfgang Pietsch (München, GER), Sébastien Plutniak (Toulouse, FRA), Danka Radjenovic (Darmstadt, GER), Hans A. Radder (Amsterdam, NED), Carsten Reinhardt (Bielefeld, GER), Insa Rebekka Röpke (Bielefeld, GER), Simon Schaffer (Cambridge, GBR), Daniel Schindler (Darmstadt, GER), Tobias Schöttler (Bochum, GER), Astrid Schwarz (Jena, GER), Pablo Schyfter (Edinburgh, GBR), Adel Selmi (Marne-la-Vallée, FRA), Minoo Seo (Cambridge, USA), Tim-Oliver Sick (Darmstadt, GER), Léna Soler (Nancy, FRA), Michael Stöltzner (Columbia, USA), Eran Tal (Bielefeld, GER), Hector Vera (Mexico City, MEX), Tom Vogt (Columbia, USA), Laura Dassow Walls (Notre Dame, USA), Kenneth R. Westphal (Bielefeld, GER), Frédéric Wieber (Nancy, FRA), Mark Wilson (Berkeley, USA), Cheryce von Xylander (Darmstadt, GER), Sjoerd D. Zwart (Delft, NED), Michael J. Zyphur (Parkville, AUS)



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