Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Züchtung, Vererbung und Reproduktion: Zur Verwissenschaftlichung und Industrialisierung von Tieren und Pflanzen im 19. und 20. Jahrhundert

Termin: 20. - 22. März 2013

Leitung: Beat Bächi (Bern, SUI)

Die Tagung ging von der Beobachtung aus, dass Tiere und Pflanzen trotz ihrer (über)lebenswichtigen Bedeutung für die Menschen in den Sozial- und Kulturwissenschaften nach wie vor ein Schattendasein fristen. Als natürliche Ressourcen scheinen sie einfach gegeben, unveränderlich und somit auch keiner historischen respektive sozial- oder kulturwissenschaftlichen Analyse zugänglich zu sein. Aber auch Kühe und Getreidepflanzen haben eine Geschichte und sind in spezifische soziale, ökonomische, politische, natürliche und technische Umwelten eingebettet.
Die Kulturtechnik der Züchtung ist eine vergleichsweise alte Reproduktions- respektive Biotechnologie. Spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nehmen Züchtung, Vererbung und Reproduktion eine wichtige Scharnierfunktion zwischen den Lebenswissenschaften und der Ökonomie ein. Zugleich wurde die Landwirtschaft zusehends industriellen Logiken anzupassen versucht. Obwohl die Nutzung lebender Ressourcen durch Zyklizität, Saisonalität und die Integration von Produktion und Reproduktion gekennzeichnet ist, sollte sie nach Vorgabe industrieller Logiken wie Standardisierung, Serialität, Gleichmäßigkeit, Großproduktion und Trennung von Produktion und Reproduktion rationalisiert werden. Für die Nutztiere und -pflanzen hieß das, dass sie ebenso regelmäßig, standardisiert und normiert produzieren und produziert werden sollten wie die mineralischen Ressourcen der Industrie. So haben etwa (die meisten) Kühe ihre Hörner verloren, bewegen sich in einem Laufstall, fressen nicht mehr einfach nur Gras und Heu, sondern auch ganz viel Kraftfutter, ihre "Melkmaschineneuter" geben wesentlich mehr Milch, und sie werden nicht mehr von einem Stier gedeckt, sondern mit tiefgefrorenem, nachzuchtgeprüftem Sperma künstlich besamt. Dabei beruht der Entscheid für die Wahl des "richtigen" Reproduktionspartners nicht mehr auf dem geübten Auge des Züchters, sondern wird, wie Oskar Grüter von Braunvieh Schweiz ausführte, immer häufiger durch genomische Selektion entschieden.
Während die Beiträge von Christophe Bonneuil und Thomas Wieland die Geschichte der Pflanzenzucht in den Vordergrund stellten, widmeten sich Ulrike Heitholt, Bert Theunissen, Oskar Grüter und Beat Bächi vornehmlich der Tierzucht. Insbesondere durch den Vortrag von Peter Moser zu den unterschiedlichen Vergesellschaftungsformen der Pflanzen- und Tierzüchter sowie die Kommentare von Bernd Gausemeier und Jean-Paul Gaudillière kristallisierten sich zahlreiche Interdependenzen, Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den Denkstilen und -kollektiven der Tier- und Pflanzenzüchter heraus. Die Abschlussdiskussion führte jedoch nicht zu abschließenden Antworten auf die Frage nach den komplexen Interaktionen von Tier- und Pflanzenzucht, sondern vielmehr zu neuen Forschungsdesideraten: Namentlich das fast vollständige Fehlen einer Historiographie der Veterinärmedizin fordert - so viele der TagungsteilnehmerInnen - gleichsam zu einer Weiterführung des durch diese Arbeitsgemeinschaft angestoßenen Dialoges auf.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Christophe Bonneuil (Paris, FRA), Jean-Paul Gaudillière (Villejuif, FRA), Bernd Gausenmeier (Berlin, GER), Oskar Grüter (Zug, SUI), Ulrike Heitholt (Bielefeld, GER), Peter Moser (Bern, SUI), Jesper Oldenburger (Utrecht, NED), Bert Theunissen (Utrecht, NED), Steven van der Laan (Utrecht, NED), Jozef Visser (Utrecht, NED), Natalija Visser-Martinov (Utrecht, NED), Thomas Wieland (München, GER)



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