Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Die Imagination der Menschenrechte

Termin: 27. - 29. Juni 2013

Leitung: : Susanne Kaul (Bielefeld, GER) und David D. Kim (East Lansing, USA)

Das Thema der ZiF-Arbeitsgemeinschaft hieß "Imagination" der Menschenrechte, weil es darum ging, die Kluft zwischen dem sehr lebendigen und aktuellen theoretischen Diskurs der Menschenrechte zu den faktischen Erfahrungen mit Menschenrechtsverletzungen in Beziehung zu setzen. Der letzte Bericht von Amnesty International dokumentiert beispielsweise Fälle von Folter und Unterdrückung der Redefreiheit in mehr als hundert Ländern. Hinzu kommen unfaire Gerichtsverfahren, Todesstrafe, Kinderarbeit und sexuelle Ausbeutung, aber auch die Unterversorgung vieler Menschen mit Nahrung und Medizin, die zum Teil, wie Thomas Pogge betont, durch ungerechte Anreizsysteme verursacht wird.
Menschenrechte haben einen normativen Status, sind deshalb aber nicht utopisch im Sinne eines nicht zu erreichenden Ziels. Einen utopischen Status haben sie eher im Sinne einer Idee, über deren Ursprünge - seien sie in der sogenannten Achsenzeit, in der Naturrechtsidee, in den Menschenrechtserklärungen des 18. Jahrhunderts, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs oder seit den 1970er Jahren - im Moment viel diskutiert wird.
Die prominentesten Vertreter dieser Debatte, Samuel Moyn und Hans Joas, sind im Rahmen der Arbeitsgruppe zu einer öffentlichen Podiumsdiskussion zusammengekommen, die in Kooperation mit dem Institut für Weltgesellschaft und der Fakultät für Geschichte veranstaltet wurde. Dabei wurde die Frage der Genealogie der Menschenrechte behandelt, und es kam zu einer gegenseitigen kritischen Stellungnahme der Konzepte von Utopie (Moyn) und Sakralität der Person (Joas). Letzteres ist insbesondere von Thomas Gutmann angefochten worden, der dem Sakralisierungsgedanken ein säkulares Erklärungsmodell für die Entstehung der Menschenrechte entgegensetzt.
Der Begriff der Imagination zielte allerdings nicht nur auf die genealogischen Fragen und die Diskrepanz zwischen Theorie und Realität ab, sondern auch auf die Frage, inwieweit Imaginationen wie literarische und filmische Fiktionen sowie Kunstwerke und symbolische Politik Menschenrechte stärken bzw. zu deren Verwirklichung beitragen können. Neben Beiträgen zu Literatur und Film (Anker, Weitin, Wogenstein) ist besonders hervorzuheben, dass die Londoner Künstlerin griechischer Herkunft Kalliopi Lemos ihre Werke präsentiert hat, in denen beispielsweise die zur Zeit besonders brisante Flüchtlingssproblematik dargestellt wird (eine Fotografie aus dem Werk Navigating in the Dark ist auf dem Konferenzposter zu sehen).
Einerseits können Literatur und Kunst einen großen Beitrag dazu leisten, die Menschen anzusprechen, auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen und Empathie zu befördern. Andererseits besteht darin zugleich ein Problem, dass die Darstellung von Emotionen erregenden Einzelschicksalen nichts gegen Massenmord ausrichten kann, wie Paul Slovic erklärt. Es bedarf also einer nachhaltigen Urteilskraft, die über moralische Intuitionen und temporäre Empathie hinausgeht. Des Weiteren wurde sowohl über konkrete Beispiele humanitärer Arbeit gesprochen (Wildenthal, Berman) als auch über theoretische Konzepte von globaler Solidarität und sozialen Rechten (Kim, Davy). Insgesamt hat sich gezeigt, dass das Thema Imagination der Menschenrechte die Grenzen der Disziplinen überschreitet und nur im Austausch zwischen Geschichte, Soziologie, Philosophie, Psychologie, Anthropologie, Rechtswissenschaft, sowie Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaft fruchtbare Erkenntnisse möglich sind. Die Konferenzsprache war Englisch, und es wird voraussichtlich nächstes Jahr ein englischsprachiger Sammelband, herausgegeben von Susanne Kaul und David Kim, unter dem Titel The Imagination of Human Rights erscheinen.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Elizabeth S. Anker (Ithaca, USA), Nina Berman (Columbus, USA), Matthias Buschmeier (Bielefeld, GER), Ulrike Davy (Bielefeld, GER), Elizabeth Drexler (East Lansing, USA), Angelika Epple (Bielefeld, GER), Thomas Gutmann (Münster, GER), Hans Joas (Freiburg i.Br., GER), Eszter Kollar (Münster, GER), Duck-Joo Kwak (Seoul, KOR), Kalliopi Lemos (London, GBR), Samuel Moyn (New York, USA), Thomas Pogge (New Haven, USA), Daniela Ringkamp (Paderborn, GER), Paul Slovic (Eugene, USA), Thomas Weitin (Konstanz, GER), Lora Wildenthal (Houston, USA), Sarah Willen (Storrs, USA), Sebastian Wogenstein (Storrs, USA), Véronique Zanetti (Bielefeld, GER)



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