Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Umgang mit Fiktionalität

Termin: 4. - 6. Juli 2013

Leitung: : Jens Eder (Mannheim, GER) und Benjamin Schnieder (Hamburg, GER)

Die Rolle, die Fiktionalität für Menschen jeden Alters, jeder Epoche und Kultur spielt, wird oft radikal unterschätzt und fälschlicherweise auf Funktionen wie Unterhaltung, Ablenkung oder Eskapismus reduziert. Dabei ist Fiktionalität fundamental für die mentale Entwicklung, für die theoretische und praktische Orientierung in der Welt und das gesellschaftliche Zusammenleben. Mittels Fiktionen erlernen und verbessern wir u.a. soziale Verhaltensstrategien, kontrafaktisches, kausales und logisches Denken, emotionale Reaktionen, unser moralisches Urteilsvermögen, die Fähigkeit, uns selbst und anderen mentale Zustände zuzuschreiben, und nicht zuletzt unseren wissenschaftlichen Zugang zur Welt. Dabei sind es nicht nur die Literatur- und Medienwissenschaft, die Philosophie und die Psychologie, sondern auch die Rechts-, Geschichts-, Wirtschafts- und Naturwissenschaften, die dem Umgang mit Fiktionalität eine zentrale Rolle in den Grundlagen der jeweiligen Disziplin zuschreiben. Dies betrifft beispielsweise die kreative Theoriebildung, den Einsatz von wissenschaftlichen Modellen und die Notwendigkeit von Gedankenexperimenten. Die einschlägigen Debatten sind jedoch weitestgehend unvernetzt und disparat.
Ziel des Workshops Fiction and its Use war es, international führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Theorie und Anwendung der Fiktion zusammenzubringen und eine Plattform für gegenseitigen Austausch und zukünftige Zusammenarbeit im Feld der Fiktionsforschung zu schaffen. Dabei ging es zum einen darum, Anknüpfungspunkte der einzelnen Diskussionsfelder untereinander aufzuzeigen und Lösungsansätze für verwandte Probleme auszutauschen. Zum anderen sollten Rückbezüge zu den Kerndebatten der Theorie der Fiktion in den Literatur- und Medienwissenschaften sowie der Philosophie geschaffen werden. Dadurch sollte eine Besinnung auf gemeinsame Wurzeln erreicht und die Debatte in der Grundlagenforschung mit neuen Impulsen stimuliert werden.
An dem Workshop nahmen Psychologen, Philosophen, Medien-, Literatur-, Wirtschafts-, Rechts- und Geschichtswissenschaftler teil. Im Rahmen des Workshops hat sich bestätigt, dass zum einen jedes der vertretenen Fachgebiete das Potenzial hat, die fachfremden Debatten zur Fiktion zu bereichern und zum anderen ein großer Bedarf an fachübergreifendem Input besteht. Erstaunlich war die breite gemeinsame wissenschaftliche Basis der Teilnehmer, insbesondere was die Grundlagenforschung anbelangt. Die Fiktionstheorie des Philosophen Kendall Walton war beispielsweise sämtlichen anwesenden Wissenschaftlern bekannt, und eine Vielzahl der Vorträge berief sich auf Aspekte dieser Theorie. Professor Walton konnte dadurch immer wieder aktiv als Vermittler eingreifen und die Debatten lösungsorientiert lenken. Gerade durch die teilweise hitzigen Debatten und die genuin neuen Perspektiven und Forschungsfelder anderer Disziplinen kam es zu erhofften Synergieeffekten. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, dass das ZiF mit seiner hervorragenden Infrastruktur den Teilnehmern des Workshops viel Raum für Austausch bot.
Auf Grund der sehr positiven Gesamtstimmung, des persönlich wie wissenschaftlich fruchtbaren Miteinanders und nicht zuletzt der großartigen Betreuung durch das ZiF hat sich die Gruppe vorgenommen, den begonnenen Austausch nicht abreißen zu lassen, sondern die Zusammenarbeit weiterzutragen und die Vernetzung zu vertiefen. Für einige Teilnehmer des Workshops war es nicht die erste Veranstaltung im ZiF, und es wird womöglich auch nicht die letzte bleiben. Mehrere Teilnehmer des Workshops haben ein großes Interesse an einer interdisziplinären Forschergruppe zum Thema Fiktion bekundet, und die Beantragung einer solchen Gruppe beim ZiF wird derzeit erwogen.
Die Organisatoren danken dem ZiF und seinen Mitarbeitern, ein ebensolcher Dank gilt den Teilnehmern des Workshops.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Remigius Bunia (Berlin, GER), Sabine Döring (Tübingen, GER), Christian Folde (Hamburg, GER), Melanie Green (Chapel Hill, USA), Tilmann Köppe (Göttingen, GER), Markus Kuhn (Hamburg, GER), Maria Kuper (Hamburg, GER), Uskali Mäki (Helsinki, FIN), Raymond A. Mar (Toronto, CAN), Mary S. Morgan (London, GBR), Claire Norton (Twickenham, GBR), Alexander Steinberg (Hamburg, GER), Kendall Walton (Ann Arbor, USA), Melanie Williams (Exeter, GBR)



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