Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

The Importance of Being Dead - The Dead Donor Rule and the Ethics of Transplantation Medicine

Termin: 12. - 14. September 2013

Leitung: Bettina Schöne-Seifert (Münster, GER) und Ralf Stoecker (Bielefeld, GER)

Organspenden können Leben retten. Voraussetzung für ihre Durchführung ist nach dem deutschen Transplantationsgesetz die Einhaltung der Dead Donor Rule (DDR), der zufolge lebenswichtige Organe nur entnommen werden dürfen, wenn der Spender tot ist. Durch die Möglichkeiten intensivmedizinischer Behandlung ist es jedoch schwierig geworden, eine eindeutige Trennlinie zwischen Leben und Tod zu bestimmen.
In Hinblick auf die Frage, ob hirntote Patienten bereits tot sind, wurden auf der Tagung zwei Positionen vertreten. Eine erste Gruppe von Wissenschaftlern sieht den Tod durch den irreversiblen Bewusstseinsverlust gekennzeichnet. Der Mensch als empfindendes Subjekt seiner eigenen Geschichte höre mit seinem Hirntod auf zu existieren, damit ende das "Ich", so Nikolaus Knopeffler und ähnlich auch Karen Gervais. Klaus Steigleder bezeichnet den Hirntod als Ende der leibhaften Existenz des Menschen. Dieter Birnbacher betont, dass es nicht rational sei, sich vor dem Hirntod zu fürchten, da es sich dabei nicht um einen erfahrbaren Zustand handele.
Eine andere Gruppe von Teilnehmern verweist darauf, dass der Mensch mehr ist als ein mentales Wesen. Er ist darüber hinaus ein integrierter Organismus, eine Eigenschaft, die er mit anderen Wesen der Natur teilt. Doch der Hirntod markiere nicht den organismischen Tod des Menschen, so Alan Shewmon. Seines Erachtens hat ein hirntoter menschlicher Organismus noch immer lebenskonstituierende Fähigkeiten, erkennbar an Eigenschaften, wie der Aufrechterhaltung von Schwangerschaften oder der Immunabwehr, die nur aus dem Zusammenspiel verschiedener Teile des Organismus hervorgebracht werden können. Sabine Müller stärkt diese Position, indem sie auf Befunde verweist, die zeigen, dass der Verlust von Neuronen im Gehirn Hirntoter teilweise nur minimal ist. Auch Claudia Wiesemann stützt sich auf ein Verständnis des lebenden Organismus als integriertem Ganzen, wenn sie eine kürzlich vom US-amerikanischen President's Council on Bioethics vorgeschlagene neue Rechtfertigung der Hirntodkonzeption zurückweist.
Sollte die Annahme stimmen, dass Hirntote noch lebende Patienten sind, so verstieße eine Entnahme lebenswichtiger Organe bei ihnen gegen die DDR, und es müsste nach möglichen Rechtfertigungen für eine solche Ausnahme des Tötungsverbots gesucht werden, wollte man an Organspenden festhalten. Vertreter der DDR, wie Eckhard Nagel, sehen eine Ausnahme vom Tötungsverbot als unvereinbar mit dem ärztlichen Berufsethos an. Für andere Wissenschaftler, wie Jürgen in der Schmitten, ist es hingegen durchaus gerechtfertigt, Organentnahmen als Ausnahme des Tötungsverbots zuzulassen. Dies begründet er mithilfe eines normativ-sozio-kulturell geprägten Todesverständnisses. Auch für Don Marquis stellen Organspenden keinen Schaden für den Patienten dar, wie es üblicherweise der Fall sei, wenn man jemanden töte. Franklin Miller verweist auf die Möglichkeit, Organspenden durch die Einhaltung anderer medizinethischer Prinzipien zu begründen, welche eine Aufgabe der DDR möglich mache. Wann es akzeptabel sei, Menschen lebenswichtige Organe zu entnehmen, sei eine gesellschaftliche Entscheidung, wie Hartmut Schmidt ausführte.
Neben hirntoten Organspendern werden in den letzten Jahren in verschiedenen Ländern zunehmend auch Organe nach einem irreversiblen Kreislaufstillstand entnommen, so dass sich die Frage stellt, ob sich angesichts der Organknappheit Deutschland diesem Trend noch lange verschließen kann. In diesem Zusammenhang verweisen Tanja Krones und David Rodríguez-Arias jedoch auf empirische Unsicherheiten darüber, wie schnell nach Herzstillstand ein Hirntod eintrete. Auch die organprotektiven Maßnahmen seien ethisch fragwürdig, würden sie doch nur dem Empfänger, jedoch nicht dem Spender selbst nützen. Thomas Gutmann zufolge handele es sich bei Organspenden nach Kreislaufstillstand um Entscheidungen, die das Lebensende beträfen und mit einem Verweis auf die Autonomie des Spenders zu begründen seien. Auch James Childress betont die Notwendigkeit der Achtung der Autonomie des Spenders, die durch eine verstärkte öffentliche Diskussion gefördert werden solle.
Betont wird die Notwendigkeit einer differenzierten Debatte. Dabei sei auf eine Trennung der unterschiedlichen Ebenen zu achten, so Bettina Schöne-Seifert. Ralf Stoecker fordert zudem eine Wende in der Art der Diskussion, in der bisher die falschen Fragen gestellt worden seien. Innerhalb einer solchen Diskussion, so Robert Veatch, müsse man sich in jeder Gesellschaft auf Kriterien einigen, die den Tod im moralischen Sinne kennzeichneten.
Zusammenfassend zeigt der Workshop, wie notwendig eine weitere Beschäftigung mit Fragen nach dem angemessenen Todeskonzept sowie der normativen und rechtlichen Bedeutung der DDR ist.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Pia Becker (Bielefeld, GER), Lucas Behrendt (Weimar, GER), Dieter Birnbacher (Düsseldorf, GER), James F. Childress (Charlottesville, USA), Sebastian Christ (Freiburg i.Br., GER), Heinz Czernohous (Stelle-Wittenwurth, GER), Daniel Friedrich (Münster, GER), Karen G. Gervais (St. Paul, USA), Thomas Gutmann (Münster, GER), Bruno Haas (Göttingen, GER), Ina Herbst (Bielefeld, GER), Uwe Herrmann (Bielefeld, GER), Michael Heuer (Hannover, GER), Ralf Jürgen Jox (München, GER), Nikolaus J. Knoepffler (Jena, GER), Stefan Kroll (Stelle-Wittenwurth, GER), Tanja Krones (Zürich, SUI), Jessica Laimann (Bielefeld, GER), Manuela Lenzen (Bielefeld, GER), Thomas Liesen (Köln, GER), Donald Marquis (Lawrence, USA), Franklin G. Miller (Bethesda, USA), Sabine Müller (Berlin, GER), Laura Münker (Münster, GER), Eckhard Nagel (Bayreuth, GER), Lisa Peters (Aachen, GER), Axel Rahmel (Leiden, NED), Theda Rehbock (Dresden, GER), Jan-Ole Reichardt (Münster, GER), Ulrike Ritterbusch (Essen, GER), Reinhard Merkel (Hamburg, GER), David Rodríguez-Arias Vailhen (Madrid, ESP), Xavier Rogiers (Gent, BEL), Stephan Sahm (Offenbach, GER), Hartmut Schmidt (Münster, GER), Jürgen in der Schmitten (Düsseldorf, GER), Ulrike Scholderer (Bielefeld, GER), David Schumann (Tübingen, GER), Alan Shewmon (Los Angeles, USA), Klaus Steigleder (Bochum, GER), Barbara Stroop (Münster, GER), Hugo Van Aken (Münster, GER), Robert M. Veatch (Washington, USA), Almut von Wedelstaedt (Bielefeld, GER), Claudia Wiesemann (Göttingen, GER), Ulrike Wirges (Essen, GER), Stuart Youngner (Cleveland, USA)



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