ZiF-Arbeitsgemeinschaft
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Rhythmus, Zeit, Form - Ein Konzept der Künste und ihrer Wissenschaften um 1900 und seine temporalen und kulturellen Implikationen


Termin: 26. - 28. September 2018
Leitung: Boris Roman Gibhardt (Bielefeld, GER)

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und angrenzenden Gebieten entwickeln neue Perspektiven auf ein Grenzphänomen der Künste

Im Zentrum der Arbeitsgemeinschaft stand das literatur-, kunst- und musikgeschichtliche Phänomen des Rhythmus, wie es vor allem um 1900 diskutiert wurde. Die Rede vom Rhythmus wurde zu dieser Zeit geprägt, um die leibliche Verankerung von Wahrnehmung und ästhetischer Erfahrung gegenüber einem sinnzentrierten Kunstverständnis zu betonen sowie empirisch und physiologisch zu begründen. Davon ausgehend, fragte die Arbeitsgemeinschaft gegenüber einer eher ästhetikgeschichtlichen Forschung gezielt, welche zeitliche Dimension der Rhythmusbegriff für die Erfahrung von Kunst impliziert und welche kulturellen Konzeptionen von Zeitlichkeit um 1900 der Rede von Rhythmen zugrunde liegen. Untersucht wurde zudem, warum sich Rhythmus als Grundbegriff der Ästhetik nach 1900 nicht hat durchsetzen können, und schließlich welche Potentiale die Rede vom Rhythmus in aktuellen Debatten wie der Frage nach Präsenz-Effekten oder nach der rezeptionsästhetischen Spezifizität der Bild- und Texterfahrung ausspielen könnte.

Die Arbeitsgemeinschaft nahm sich daher verschiedene Fragestellungen vor: Wie ist der Rhythmusbegriff in historischer Perspektive und darüber hinaus in systematischer Hinsicht angemessen zu fassen? Worin lag bzw. liegt heute die Produktivität der Rede von Rhythmen? Wie können in methodischer Hinsicht Rhythmen in exemplarischen Analysen von Bildern und Texten beschrieben werden, insbesondere hinsichtlich des Rezeptionsvorgangs und der Frage, wie dieser durch Rhythmen beeinflusst wird?

Mit Blick auf diese Desiderate einer rezeptionsästhetischen Grundlagenforschung wurden materielle, phänomenologische, semiologische, semantische und empirische Aspekte text- und bildbasierter sowie musikalischer Darstellung erörtert und interdisziplinär reflektiert.

So ging etwa Helmut Hühn auf ein Gedicht des Archilochos ein, das er als eine Urszene des Rhythmusdenkens in der griechischen Antike vorstellte, während Jutta Müller-Tamm über wissenschaftliche Versuche der Moderne um 1900 sprach, den Rhythmus der Sprache und der aus ihm folgenden symbolischen Bedeutung empirisch zu bestimmen. Johannes Grave nahm sich im Anschluss des systematischen Rhythmusbegriffs in Bezug auf die Analyse von Bildern an und brachte die Unterscheidung von Kunstwerk im materiell-objektiven Sinn und ästhetischem Objekt als dem, was dem Betrachter erscheint (und in der Folge eine rhythmische Erfahrung ermöglicht), in die Diskussion ein. Hans-Jörg Rheinbergers Vortrag war Gaston Bachelards Idee eines temps vibré, einer elementaren Zeit- und Körpererfahrung, gewidmet, die Rheinberger interdisziplinär mit Albert Flocons, auf Bachelard-Lektüren beruhenden graphischen Arbeiten in Verbindung brachte. Weitere Vorträge waren den Experimenten der physiologischen Ästhetik um 1900 (Robert Brain), der Etablierung des Rhythmusbegriffs als Grundkonzept der Künste im späten 19. Jahrhundert (Bernadette Collenberg-Plotnikov), dem polychronen Zeitbegriff in der Zeitphilosophie Henri Bergons (Reinhold Görling) sowie dem sprachtheoretischen Rhythmus-Konzept Henri Meschonnics gewidmet (Nathalie Mälzer / Marco Agnetta). Vorgestellt und historisch eingeordnet wurden ebenfalls Rhythmus-Konzepte in der russischen Avantgarde (Elena Vogman), beim mittleren und späten Nietzsche (Eva Geulen / Elisa Ronzheimer), bei Julius Meier-Gräfe (Dominik Brabant) und die Rede von Rhythmen in der Musikwissenschaft vor und um 1900 (Marie-Louise Herzfeld-Schild) sowie schließlich Zeitvorstellungen in Ostasien am Beispiel des Zen (Kirill Ole Thompson). In einem abschließenden Beitrag ging Hans Ulrich Gumbrecht auf die Schwierigkeit ein, Rhythmus literatur- und kunstwissenschaftlich angemessen zu beschreiben. Während der Tagung las außerdem Christoph Geiser Auszüge aus seinen Romanen und Texten, woran sich eine Diskussion über Rhythmus in der Gegenwartsprosa anschloss.

Mit dieser wissens- und kulturgeschichtlichen sowie darstellungsanalytischen Perspektive ist die Arbeitsgemeinschaft dem Ziel, ein adäquates Verständnis der Denkfigur von Rhythmus zu entwickeln, deutlich nähergekommen und hat die Rede vom Rhythmus an solchen Dichtern und Künstlern aufgezeigt, die bislang nicht im Fokus einer rhythmusbezogenen Untersuchung standen. Am Thema der Arbeitsgemeinschaft ließ sich auf diese Weise exemplarisch nachvollziehen, wie unterschiedliche phänomenologische, semiologische und semantische Aspekte von Zeit und Darstellung ineinandergreifen, um komplexe, anspruchsvolle Wahrnehmungen zu ermöglichen und anzustoßen.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Dominik Brabant (Eichstätt, GER), Robert Brain (Vancouver, CAN), Wolfgang Braungart (Bielefeld, GER), Bernadette Collenberg-Plotnikov (Bochum, GER), Christoph Geiser (Bern, SUI), Eva Geulen (Berlin, GER), Reinhold Görling (Düsseldorf, GER), Johannes Grave (Bielefeld, GER), Hans-Ulrich Gumbrecht (Stanford, USA), Marie Louise Herzfeld-Schild (Köln, GER), Britta Hochkirchen (Bielefeld, GER), Helmut Hühn (Jena, GER), Helga Lutz (Bielefeld, GER), Nathalie Mälzer (Hildesheim, GER), Stephanie Marchal (Bochum, GER), Miriam Sarah Marotzki (Bielefeld, GER), Jutta Müller-Tamm (Berlin, GER), Max Pommer (Jena, GER), Hans-Jörg Rheinberger (Berlin, GER), Elisa Ronzheimer (Berlin, GER), Björn Spiekermann (Heidelberg, GER), Kirill Thompson (Taipei, TPE), Céline Trautmann-Waller (Paris, FRA), Elena Vogman (Berlin, GER)

Tagungsprogramm
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