ZiF-Arbeitsgemeinschaft
Poster

Menschenwürde als unverfügbare Eigenschaft

Tagung anlässlich des 70. Jahrestags der UN-Menschenrechtserklärung vom 10. Dezember 1948


Termin: 5. – 6. Dezember 2018
Leitung: Christoph Horn (Bonn, GER), Dietmar von der Pfordten (Göttingen, GER)

Am 10. Dezember 2018 feierte die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ihren siebzigsten Geburtstag. Sie ist einer der frühesten und bedeutendsten Rechtstexte, die auf die menschliche Würde verweisen. In ihrer Präambel beruft sie sich auf »die Anerkennung der inneren Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Menschheitsfamilie« und in Art. 1 statuiert sie, dass alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren sind. Es kann kein Zweifel bestehen, dass hier von einer Menschenwürde die Rede ist, die allen Menschen in unverfügbarer Weise zukommt. Doch gegenwärtig wird diese Gewissheit einer unveräußerlichen menschlichen Würde philosophisch vielfach in Frage gestellt. In der Philosophie findet eine breite (und durchaus differenzierte) Debatte darüber statt, ob man Menschenwürde nicht im Sinn einer kontingenten, sozial zuschreibbaren Eigenschaft deuten sollte.

Das war der Anlass für die Arbeitsgemeinschaft ›Menschenwürde als unverfügbare Eigenschaft‹, diese theoretische Kritik der Grundlagen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und des Grundgesetzes nicht unwidersprochen stehen zu lassen. Ziel war es, die verschiedenen philosophischen, juristischen und theologischen Positionen zu versammeln, welche die Menschenwürde als unverfügbare Eigenschaft verständlich zu machen versuchen. In einer intensiven und vielfältigen zweitägigen Tagung, organisiert von Christoph Horn (Bonn) und Dietmar von der Pfordten (Göttingen), konnten hierzu viele Ansätze vorgestellt und diskutiert werden.

Am ersten Tag standen vor allem philosophische Entwürfe auf dem Programm. Hierbei stellten Markus Rothhaar, Dietmar von der Pfordten, Marcus D&uumlwell und Stephan Kirste eigene moral- und rechtsphilosophische Entwürfe zur Menschenwürde vor. Ob als universeller menschlicher Anspruch auf Anerkennung im Sinne Fichtes (Rothhaar), als Eigenschaft der Selbstbestimmung über die eigenen Belange (von der Pfordten), als Grundbedingung und Folge des menschlichen Selbstverständnisses (Düwell) oder als Recht auf Rechtssubjektivität (Kirste) – es wurde schnell deutlich, dass die Philosophie die Menschenwürde sehr wohl als nicht-kontingent, sondern unverfügbar denken kann. Christoph Horns, Corinna Mieths und Benno Zabels Vorträge ergänzten diese Überlegungen durch eine Systematisierung der bestehenden Theorien (Horn), die Anwendung auf das Problem der globalen Armut (Mieth) und eine Kritik der neueren, abwägungsoffeneren Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts (Zabel).

Am zweiten Tag stellten Thomas Buchheim und Walter Schweidler zwei ganz andere philosophische Begründungen vor, nämlich einen anthropologischen Ansatz, der die Würde als Axiom der menschlichen Ontologie versteht (Buchheim), und einen phänomenologischen, der den Begriff der menschlichen Natur in den Mittelpunkt rückte (Schweidler). Sigrid Müller, Jochen Sautermeister und Franz-Josef Bormann trugen theologisch-ethische Konzeptionen bei, in denen die Menschenwürde etwa im menschlichen Gewissen (Sautermeister) und seiner Moralfähigkeit (Müller, Bormann) verortet wurde. Zudem zeichnete Franz-Josef Bormann auch die Geschichte des Verhältnisses von Gottesebenbildlichkeit und Menschenwürde nach und begegnete so dem Vorwurf, Menschenwürde sei nur aus dem christlich-jüdischen Glauben heraus zu verstehen. Schließlich warb Philipp Gisbertz mittels einer Analyse der historischen Gründe der größeren, wenngleich keinesfalls umfassenden Skepsis gegenüber der Menschenwürde im angelsächsischen Denken für eine stärkere und informiertere internationale Verständigung über diesen Begriff.

Am Ende der zwei Tage blieben – wie bei jeder guten Tagung – viele Fragen offen. Doch die fruchtbaren und interdisziplinären Diskussionen im anregenden Ambiente des ZiF dürften alle Beteiligten zu weiterem tiefen Nachdenken über die Unverfügbarkeit der Menschenwürde angeregt haben. Die Ergebnisse dieses Nachdenkens sollen, wie man auf der Tagung gemeinsam verabredete, in einem Sammelband festgehalten werden.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Franz-Josef Bormann (Tübingen, GER), Thomas Buchheim (München, GER), Chao-Chin Chan (Göttingen, GER), Volker Dieringer (Bielefeld, GER), Marcus Düwell (Utrecht, NED), Philipp Gisbertz (Göttingen, GER), Stephan Kirste (Salzburg, AUT), Georg Lohmann (Magdeburg, GER), Corinna Mieth (Bochum, GER), Sigrid Müller (Wien, AUT), Michaela Rehm (Bielefeld, GER), Markus Rothhaar (Eichstätt, GER), Jochen Sautermeister (Bonn, GER), Gesine Schepers (Bielefeld, GER), Walter Schweidler (Eichstätt, GER), Angelika Siehr (Bielefeld, GER), Ludwig Siep (Münster, GER), Ralf Stoecker (Bielefeld, GER), Katharina von Kellenbach (St. Marys City, USA), Benno Zabel (Bonn, GER), Véronique Zanetti (Bielefeld, GER)

Organisatorische Fragen beantwortet Trixi Valentin im Tagungsbüro. Bei inhaltlichen Fragen wenden Sie sich bitte direkt an die Veranstaltungsleitung: Professor Horn (christoph.horn@uni-bonn.de) oder Professor von der Pfordten (rechtsph@gwdg.de).


Tel: +49 521 106-2769
Fax: +49 521 106-152769
E-Mail: trixi.valentin@uni-bielefeld.de