ZiF-Arbeitsgemeinschaft

With a little help from – whom?
‚Helfen‘ als situatives und organisationales Phänomen

Termin: 7. – 8. November 2019
Leitung: Daniela Böhringer (Osnabrück, GER), Sarah Hitzler (Bielefeld, GER), Martina Richter (Essen, GER)

Im modernen Wohlfahrtsstaat haben sich ausdifferenzierte institutionalisierte Kontexte für Hilfsbeziehungen ausgebildet. Angesichts eines steigenden und sich weiter ausdifferenzierenden gesellschaftlichen Hilfebedarfs bilden sich darüber hinaus selbstorganisierte Hilfeformen und Unterstützungs¬praktiken aus. Obwohl unterschiedliche Disziplinen sehr zentral am Hilfebegriff ausgerichtet sind, bleibt dieser aber bislang – insbesondere mit Blick auf die Praxen des Helfens – untertheoretisiert.

Die Tagung adressierte diesen Umstand, indem sie Wissenschaftler*innen versammelte, die vornehmlich mit qualitativer Methodologie empirisch in Feldern geforscht haben, in denen geholfen wird, oftmals ohne diesen Umstand zu fokussieren. Eingeladen waren Vertreter*innen der Sozialen Arbeit, der Pflegewissenschaften, der Diakoniewissenschaft, der Psychologie, der Ethnologie, der Linguistik und der Soziologie, um anhand unterschiedlich angelegter Studien das Helfen in seinen vielfältigen Praktiken und Formen sichtbar werden zu lassen und davon ausgehend ein empirisch fundiertes Verständnis davon zu erlangen, worin Hilfe besteht.

Beiträge aus dyadischen Hilfskontexten wie dem Coaching, der Psychotherapie, aber auch dem Beratungsgespräch im Verkauf (Eva-Maria Graf, Claudia Scarvaglieri/Ina Pick) loteten die Grenzbereiche helfender Interaktionen aus und betonten die Koproduktion der Beteiligten in der Etablierung von Hilfe. Wyke Stommel befasste sich in einer vergleichenden Analyse von Begegnungen zwischen älteren Menschen mit Unterstützungsbedarf und ihren Pflegekräften einerseits und Selbstdarstellungen in Online-Selbsthilfeforen andererseits mit der Frage, ob ein Beitrag interaktiv dazu eingesetzt wird, um Hilfe zu ersuchen oder nicht. Die motivationalen und kontextuellen Grundbedingungen für das Helfen wurden von Ralf Hoburg aus einer diakoniewissenschaftlichen und von Anamaria Depner aus einer gerontologischen Perspektive diskutiert. Die Einbettung professionellen Helfens in organisationale Bezugskontexte wurde mit Blick auf die öffentliche Verwaltung (Oliver Schmidtke), die Soziale Arbeit (Cornelia Rüegger) und die pädagogische Praxis im Kindergarten (Barbara Lochner) nachgezeichnet; sehr deutlich wurde dabei, dass es sich in keinem dieser Felder darum handelt, organisationale Vorgaben lediglich anzuwenden oder umzusetzen. Auf die Reziprozitätsstrukturen des Helfens und die daraus sich ergebenden Erwartungsstrukturen der Helfenden wiesen Laura Gozzer und Johannes Moser anhand einer Studie zu Ehrenamt in der Flüchtlingsarbeit hin. Den abschließenden Konterpunkt setzten Sylvia Kühne, Christina Schlepper und Jan Wehrheim mit einer Studie über Kontrollbeziehungen in der Jugendgerichtshilfe, was das in der Sozialen Arbeit vieldiskutierte Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle relevant machte.

Die Diskussion zeigte, dass der Dialog verschiedener Disziplinen zu einem klar gefassten Phänomen erkenntnisfördernd und produktiv war. Das situierte helfende Handeln lässt sich als Ort fassen, an welchem individuelle Bedarfslagen und organisationale/institutionelle Vorbedingungen zueinander in Bezug gesetzt werden. Darüber hinaus ist es, wie die verschiedenen Arbeiten im Dialog deutlich erkennen ließen, stets auch eingebettet in weitere soziale Kontexte wie etwa konkurrierende Rollen, Reziprozitätserwartungen oder weiterreichende Interaktionsziele, welche in der Situation selbst mitverhandelt werden müssen, um das Gelingen der Hilfe nicht zu gefährden. Ein Tagungsband ist in Vorbereitung.

Daniela Böhringer, Sarah Hitzler, Martina Richter

Tagungsprogramm
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Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Priska Cimbal (Bielefeld, GER), Anamaria Depner (Heidelberg, GER), Laura Gozzer (München, GER), Eva-Maria Graf (Klagenfurt, AUT), Ralf Hoburg (Hannover, GER), Sylvia Kühne (Essen, GER), Barbara Lochner (Fulda, GER), Johannes Moser (München, GER), Cornelia Rüegger (Olten, SUI), Claudio Scarvaglieri (Gent, BEL), Christina Schlepper (Essen, GER), Oliver Schmidtke (Siegburg, GER), Wyke Stommel (Nijmegen, NED), Jan Wehrheim (Essen, GER)

Organisatorische Fragen beantwortet Trixi Valentin im Tagungsbüro. Bei inhaltlichen Fragen wenden Sie sich bitte direkt an die Veranstaltungsleitung.


Tel: +49 521 106-2769
Fax: +49 521 106-152769
E-Mail: trixi.valentin@uni-bielefeld.de