ZiF-Arbeitsgemeinschaft

Veränderung aus sich selbst heraus – Eigendynamik in vormodernen Gesellschaften

Termin: 12. – 14. Februar 2020
Leitung: Franz-Josef Arlinghaus (Bielefeld, GER), Andreas Rüther (Bielefeld, GER)

Die auf der Tagung zur Diskussion gestellte These lautet, dass die grundlegenden Strukturen vormoderner Gesellschaften weltweit Elemente aufweisen, die selbst Antrieb für andauernde Veränderungen dieser Gesellschaften darstellten. Dabei ist zugleich auch die Art dieser Veränderung spezifisch vormodern. Der fortwährende Umbau führt, so die zweite Annahme, tendenziell zu einer Vereindeutigung eben dieser Strukturen. Anders formuliert: Die vormodernen Gesellschaften kommen sozusagen erst zum Ende des ausgewählten Beobachtungszeitraums (ca. 700 bis ca. 1700), kurz vor der in dieser Perspektive vergleichsweise raschen und überraschenden Umgestaltung zur funktional ausdifferenzierten Moderne, zu sich selbst.

Die Organisatoren haben ihre Überlegungen größtenteils auf der Basis westeuropäischen Materials für das Mittelalter und die Frühe Neuzeit entwickelt. Die Tagung zielt darauf ab, a) die Thesen für diesen Raum zu überprüfen, b) sie mit Expert*innen der vormodernen Geschichte anderer Weltregionen zu diskutieren und c) den Ansatz in der historischen Forschung zur Diskussion zu stellen. ‚Eigendynamik‘ als Begriff und allgemeines Konzept meint, dass aus den Phänomenen selbst heraus, etwa durch Interagieren von zu ihm gehörenden Elementen, spezifizierbare Veränderungen entstehen können.

Als Grundstrukturen vormoderner Gesellschaften erscheinen drei Aspekte zentral: 1. Segmentäre Gruppenbildung: Max Weber machte darauf aufmerksam, dass die Mitgliedschaft in einer Gruppe (Zunft, Kloster, adelige familia) die Gesamtqualität der Person umfassend bis in das Privatleben hinein determinierte. Die sich daran anschließenden Zugehörigkeitsregime und Zuständigkeitsprobleme führten zu permanentem Umbau sowohl der Binnenstruktur dieser Gruppen wie der Beziehungen zwischen ihnen. 2. Ständisch-hierarchische Ordnung: Niklas Luhmann stellte die weitgehende Gleichheit innerhalb eines Standes, aber kaum überbrück- bare Differenz zwischen den verschiedenen Ständen (z.B. zwischen Adel und Bauern) heraus. Sowohl die graduellen Unterschiede innerhalb wie die Differenzen zwischen den strata bedurften jedoch immer wieder der Reaffimierung und/oder Neujustierung. 3. Präsenzkultur und Konsensorientierung: Zusammenkünften und der Anwesenheit oder Abwesenheit kommt dabei eine ganz andere konstitutive Bedeutung zu als heute; mit Dissens und abweichenden Meinungen wurde anders umgegangen als in der Gegenwart.

Wir fragen also danach, ob das spezifisch vormoderne Verhältnis des Einzelnen zum jeweiligen Personenverband, ob der hierarchische Aufbau der Gesellschaften und die Art der Kommunikation weltregional Ähnlichkeiten aufweisen, die vergleichbare Eigendynamiken erzeugen.

Ziel der Tagung ist es, das Erklärungspotenzial von Eigendynamik als bisher nahezu unbeachteten Antrieb für sozialen Wandel in der Vormoderne auszuloten. Gefragt wird danach, ob und wenn ja, in welchem Maße Veränderungen aus den Grundstrukturen vormoderner Gesellschaften selbst entstanden sind. Dabei soll die Wichtigkeit anderer Aspekte (etwa Kulturtransfer; Verflechtung verschiedener Regionen) gar nicht in Frage gestellt werden. Gerade weil das Projekt auch diese Vorschläge ernst nimmt, wird es auch darum gehen, diese Antriebe für Veränderung gegen die hier gemachten Überlegungen abzuwägen.

Das Innovative des Vorhabens besteht darin, dass die zumeist als statisch geltende Vormoderne nicht nur nicht als statisch beschrieben wird, sondern sogar aus ihrer Eigenstruktur heraus sozialen Wandel hervorbringt. Die Relevanz der These ist darin zu sehen, dass sie Fragezeichen hinter den in jeder Weltregion prominenten ‚Sonderwegerzählungen‘ setzt, die ja davon handeln, dass die eigene Modernität über Jahrhunderte zurückreichende Wurzeln habe und in einer je eigenen, spezifischen Kultur gründe.

Tagungsprogramm
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Organisatorische Fragen beantwortet Trixi Valentin im Tagungsbüro. Bei inhaltlichen Fragen wenden Sie sich bitte direkt an die Veranstaltungsleitung.


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