ZiF-Forschungsgruppe

'Felix Culpa'?

Zur kulturellen Produktivität der Schuld

Oktober 2018 - Juli 2019

Leitung: Matthias Buschmeier (Bielefeld, GER),
Katharina von Kellenbach (St. Mary's City, USA)
Nachwuchstagung

Poster

Schuldnarrative. Zum produktiven Umgang mit Schuld

 

7. - 8. Mai 2019
Leitung: Felix Bathon (Bielefeld, GER), Dominik Hofmann (Bielefeld, GER), Marius Littschwager (Bielefeld, GER), Valerij Zisman (Bielefeld, GER), Arin Haideri (Bielefeld, GER), Justus Robert Heck (Bielefeld, GER), Karima Lanius (Bielefeld, GER)

Dieser Workshop ist das Resultat eines Kooperationsprojektes junger WissenschaftlerInnen verschiedener Disziplinen wie der Germanistik, vergleichenden Literaturwissenschaft, Philosophie und Soziologie mit der ZiF-Forschungsgruppe ›Felix Culpa? Zur kulturellen Produktivität der Schuld‹.

Ausgangspunkt des Workshops war es, Schuld vornehmlich als ein vielfältiges, in allen gesellschaftlichen Bereichen vorkommendes, soziales Phänomen zu denken. Im Mittelpunkt standen Vorüberlegungen, die nach der Aushandlung, Zuschreibung und Anerkennung von Schuld und der damit möglicherweise einhergehenden kommunikativen Produktivkraft fragten.

Eröffnet wurde die Diskussion mit den von Arin Haideri vorgestellten Thesen zur Goethe-Gesellschaft in Weimar. Vor dem Hintergrund der deutschen Schuldfrage kennzeichnete sich die Dichter-Organisation durch ein bezeichnendes Nicht-Schuld-Narrativ aus, das sich für ihr Werden und Wirken als äußerst produktiv erweisen sollte. Im Anschluss veranschaulichte Justus Heck, wie der Einsatz von vermittelnden Dritten, etwa in Form von Vermittlern oder Schlichtern, Schuld herunterspielte und doch präsent hielt, und dadurch eine produktive Dynamik freisetzte.

Der Abendvortrag von Taner Akcam, der im Rahmen der Norbert-Elias-Lectures stattfand, überzeugte nicht nur durch eine umfassende, historisch-kritische Quellenbasis. Auch verstand es der Vortragende, ungeachtet der politischen Brisanz eine Antwort auf die fehlende Anerkennung der Schuldfrage hinsichtlich des armenischen Genozids zu formulieren.

Einblicke in die rechtsphilosophische Begründung von Strafen gab Valerij Zisman. Er resümierte, dass die sog. Wiedergutmachungstheorien noch nicht beantwortet haben, inwiefern Straftaten gegen eine ›Gemeinschaft‹ (harms to society) begangen werden und wie darauf aufbauend die jeweiligen Strafen zu begründen seien.

Schließlich bereicherte André Kieserling die Diskussion mit soziologischen Perspektiven auf die Kunst, es nicht gewesen zu sein. Ausgehend von der Unterscheidung zwischen Verantwortung und Verantwortlichkeit konturierte Kieserling, wie diese Differenz jeweils auf der Ebene der Interaktion, Organisation und Gesellschaft erzeugt würde. Anlass zu weiterführenden Überlegungen bot vor allem sein Vorschlag, in Interaktionen indirekte Kommunikation in den Blick zu nehmen, da sie die Zurechenbarkeit von Schuld mit Rückgriff auf das breite Instrumentarium der un- und mehrdeutigen Handlungsweisen (Ironie, Schweigen, Körpersprache, Intonation) unterlaufe.

Am Nachmittag beherrschten die Kurzgeschichte Jorge Luis Borges Deutsches Requiem (1946) und Sebastian Brants satirisches Werk Das Narrenschiff (1494) die Diskussion. In Borges Erzählung manifestiert sich Schuld in der Figur Otto zur Linde, einem ehemaligen Leiter eines Konzentrationslagers, der am Abend vor seiner Hinrichtung von seiner vermeintlichen Unschuld Rechenschaft ablegt. Die Kurzprosa erscheint als Kippfigur, die bedenklich zwischen der Figuration des Konfliktes von Zivilisation und Barbarei oszilliert. Marius Littschwager gelang es, die Verhandlung von Schuld und fehlendem moralischen Eingeständnis als narrative Strategie offenzulegen. Karima Lanius Vortrag trug den gewitzten Titel ?Warum man Gott nicht am Bart ziehen sollte?. An einem ausgewählten Kapitel aus dem Narrenschiff demonstrierte sie, wie das satirische Moment nahezu unausweichlich an moralisch fundierte Sentenzen christlicher Prägung gekoppelt wurde und dabei Schuld in ihrer immanenten Bandbreite als narratives Grundmuster hervortrat, das potentiell für den zeitgenössischen Rezipienten eine mentale Produktivkraft barg.

Ehe der Workshop mit abschließenden Diskussionsbeiträgen beendet wurde, skizzierte Dominik Hofmann, in Anlehnung an Niklas Luhmanns Vorschlägen zur Gesellschaftsstruktur und Semantik, die historische Genese von Schuld, Strafe und Impunität anhand von vier Narrativen seit der Antike.

In der abschließenden Diskussion kristallisierte sich heraus, dass Schuldnarrative in unterschiedlichen Formen entworfen, theoretisiert und verbreitet werden. Die interdisziplinäre Reflexion dieses spezifischen Narrativs eröffnete neue Denkräume für fortführende Überlegungen, Präzisierungen und Diskussionen.

Arin Haideri

Tagungsprogramm
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Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Stephan Barton (Bielefeld, GER), Corinna Betz (Bielefeld, GER), Matthias Buschmeier (Bielefeld, GER), Holger Dainat (Bielefeld, GER), Saskia Fischer (Bielefeld, GER), Parvis Ghassem-Fachandi (New Brunswick, USA), Victor Igreja (Toowoomba, AUS), Kay Junge (Bielefeld, GER), André Kieserling (Bielefeld, GER), Kirsten Kramer (Bielefeld, GER), Maria-Sibylla Lotter (Bochum, GER), Michael Lurie (Hanover, USA), Joachim Michael (Bielefeld, GER), Juliane Schallau (Potsdam, GER), Meinolf Schumacher (Bielefeld, GER), Lisa Spanierman (Tempe, USA), Katharina von Kellenbach (St. Marys City, USA)

Bei weiteren Fragen und für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an Karin Matzke.



E-Mail: karin.matzke@uni-bielefeld.de
Tel. +49 521 106-2793