ZiF-Forschungsgruppe

'Felix Culpa'?

Zur kulturellen Produktivität der Schuld

Oktober 2018 - Juli 2019

Leitung: Matthias Buschmeier (Bielefeld, GER), Katharina von Kellenbach (St. Mary's City, USA)
ZiF-Workshop
Poster


Forgiveness and other (un)encoded Ways of Moral Repair



13. - 15. Juni 2019
Leitung: Maria-Sibylla Lotter (Bochum, GER), Michael Lurie (Hanover, USA)

In allen Gesellschaften kommt es zu Konflikten und Übergriffen, die Vergeltungswünsche auslösen. Ein zivilisiertes Zusammenleben wird erst dadurch möglich, dass gewaltsame Übergriffe in normative Kategorien übersetzt und als Unrecht betrachtet werden, das als Schuld einzelnen Tätern oder Gruppen zugerechnet werden kann. Jedoch bleibt auch in Gesellschaften mit einer funktionierenden unabhängigen Justiz stets ein schmutziger Rest von Schuld bestehen. Ohne weitere Möglichkeiten der Schuldentlastung würde ein diffuses Schuldbewusstsein ständig zunehmen und die sozialen Beziehungen und Handlungsspielräume belasten.

Der Workshop geht der Frage nach, welche nicht-verrechtlichten Formen der Schuldentlastung und Aussöhnung sich in der Kulturgeschichte herausgebildet haben. Hannah Arendt bezeichnet die Fähigkeit zum Verzeihen als ein unverzichtbares universales Heilmittel gegen die Unwiderruflichkeit des Handelns und seine destruktiven Folgen. In der Debatte der Schuld für den Holocaust und andere politische Großverbrechen hat die Forderung zum Verzeihen eine wichtige Rolle gespielt. Auch die gegenwärtige philosophische Diskussion kreist vor allem um den Begriff des Verzeihens, der stark vom christlichen Gedanken der Vergebung beeinflusst ist. Unter Verzeihung verstehen die meisten eine Entlastung von Schuld, die vom Opfer ausgeht, jedoch nicht an fixe Bedingungen gebunden ist oder eine Verpflichtung im einklagbaren Sinne darstellt. Verzeihen scheint in der westlichen Tradition grundsätzlich auch dann möglich und moralisch empfohlen, wenn keine echte Reue und Wiedergutmachungsleistungen des Täters vorliegen. Allerdings werden mit Blick auf die Theorie und Praxis des Verzeihens auch zunehmend kritische Stimmen laut. So wurden Zweifel geäußert, wie weit die Forderung zu verzeihen überhaupt kulturell entschlussfähig ist. Schon Solomon Schimmel und andere Judaisten haben gezeigt, dass die Vorstellung eines quasi bedingungslosen Verzeihens nicht auf die jüdische Tradition anwendbar ist, die das Verzeihen an Bedingungen bindet. Und vor einigen Jahren hat auch der Altphilologe David Konstan die Universalisierbarkeit dieses Begriffs in Zweifel gezogen und darauf hingewiesen, dass es in der Antike keine Praxis oder Vorstellung gab, die dem modernen Verständnis des Verzeihens entspricht. Der Workshop geht über diesen Forschungsstand hinaus, indem er erstmals islamwissenschaftliche, buddhologische und afrikanologische Perspektiven einbezieht. So stellt sich die Frage, ob es zumutbar sein kann, die Opfer staatlich organisierten Unrechts oder ihre Nachkommen um Verzeihung zu bitten, und ob dies überhaupt die angemessene Art der Verarbeitung von Schuld nach solchen Großverbrechen sein kann. Es soll diskutiert werden, welche alternativen Vorstellungen und Praktiken der Konfliktlösung und Entlastung von Schuld sich in nichtwestlichen Kontexten entwickelt haben, und welche Folgeprobleme mit Situationen verbunden sind, in denen keine entsprechenden Traditionen existieren. Mit Blick auf diese Fragen versucht der Workshop erstmals eine umfassende Perspektive zu entwickeln, die es den beteiligten Fachwissenschaftlern ermöglicht, die von ihnen erforschten regionalen Praktiken im Vergleich genauer zu bestimmen.

Bei weiteren Fragen und für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an Dr. Saskia Fischer, Koordinatorin der Forschungsgruppe Felix Culpa.



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Tel. +49 521 106-12836