ZiF-Forschungsgruppe

'Felix Culpa'?

Zur kulturellen Produktivität der Schuld

Oktober 2018 - Juli 2019

Leitung: Matthias Buschmeier (Bielefeld, GER),
Katharina von Kellenbach (St. Mary's City, USA)
ZiF-Workshop

Poster


Forgiveness and other (un)encoded Ways of Moral Repair

 

 

13. - 15. Juni 2019
Leitung: Maria-Sibylla Lotter (Bochum, GER), Michael Lurie (Hanover, USA)

In der Debatte um die Aufarbeitung von Völkermord, staatlich organisierten Verbrechen und strukturellem Unrecht, etwa im Zusammenhang der Wahrheitskommissionen in Südafrika oder Argentinien, hat der Begriff des Verzeihens eine wichtige, aber sehr umstrittene Rolle gespielt. Dabei ist nicht ganz klar, was mit Verzeihen gemeint ist und was für Voraussetzungen und Ziele damit verbunden sind. Besteht das Verzeihen schlicht im Aufhören gewisser reaktiver moralischer Gefühle wie Groll und Wut (Joseph Butler, Jeffrie Murphy), geht es um den Verzicht auf Rache und Entschädigung oder um eine volle Wiederherstellung der bürgerlichen Respektabilität der Täter auch nach schweren Verbrechen? Verlangt Verzeihen ein Vergessen des Unrechts oder ist es mit Erinnerung und Forderung nach Strafe vereinbar? Und wer darf dann verzeihen und zu welchem Zweck? Verzeiht man, um dem Täter eine unbelastete Zukunft zu ermöglichen, oder geht es eher darum, sich selbst als Opfer von der Last der Vergangenheit zu befreien? Kann Verzeihen, wenn von der falschen Person, aus falschen Gründen oder zum falschen Zweck ausgeübt, auch ein illegitimer Akt sein? Müssen gewisse Voraussetzungen erfüllt sein wie Reue des Täters und Wiedergutmachungsleistungen? Wäre man dann nicht sogar zur Verzeihung verpflichtet, wenn solche Bedingungen erfüllt sind? Aber handelt es sich dann noch um Verzeihen? Derrida etwa hat diese Frage verneint und gefordert, das Verzeihen als eine reine grundlose und bedingungslose Gabe zu begreifen. Kann dies jedoch ein angemessenes Modell der Aussöhnung nach Großverbrechen sein?

Fragen wie diese wurden auf der interdisziplinären, von der DFG geförderten Tagung Overcoming Guilt. Forgiveness and other (un)encoded Ways of Moral Repair diskutiert. Bei der Planung waren die Veranstalter Lotter (Philosophie) und Lurie (Gräzistik) von der Beobachtung ausgegangen, dass das heutige Verständnis der angemessenen Reaktionen auf Gewalt, insbesondere mit Blick auf Kollektivverbrechen durch eine starke kulturelle Dominanz westlicher Vorstellungen von Schuld und Verzeihen sowie neuerdings auch von psychoanalytisch beeinflussten Modellen der Traumaverarbeitung und Erinnerungskultur bestimmt ist. Tendenziell sind Entwicklungen hin zu einer Ideologie mit moralischem Missionsanspruch zu beobachten, die in ihrer Auswirkung etwa auf die Politik westlicher Organisationen in einzelnen Fällen neokolonialistische Züge zeigt. Im Gegenzug zu diesen Entwicklungen sollte der Workshop die Aufmerksamkeit auch auf anderskulturelle Praktiken richten, die weder mit derzeit gängigen westlichen Vorstellungen von Buße, Erinnerungskultur und Traumaverarbeitung, noch mit den Ansprüchen an eine endgültige Überwindung von Groll und Übelnehmen verbunden sind.

Der Workshop war in einen ersten Teil zur jüdisch-christlichen Philosophie und Theologie und einen zweiten Teil gegliedert, der spezielle Diskussionen und Praktiken untersuchte, die durch islamische, buddhistische und afrikanische Denkweisen und Praktiken bestimmt sind. Er brachte erstmals Philosoph/Innen (Theo Kobusch, Oliver Hallich, Martina Herrmann, Maria-Sibylla Lotter, Valerij Zisman), Religionswissenschaftlerinnen (Katharina von Kellenbach, Nelly van Doorn-Harder), Gräzisten (David Konstan, Michael Lurie), einen Sinologen (Heiner Roetz), einen Indologen (Parvis Ghassam-Fachandi), eine Judaistin (Francoise Mirguet), einen Tibetologen (Jan-Ulrich Sobisch), eine Koreanistin (Marion Eggert), Islamwissenschaftler (Bertram Turner, Amahnullah de Sondy), Afrikanologen (Simeon Ilesanmi, Viktor Ingreja), Literaturwissenschaftler (Fritz Breithaupt, Matthias Buschmeier) und Psychologinnen (Lisa Spanierman, Angela Moré) zusammen, die sich in ihren jeweiligen Disziplinen mit Konzepten und Praktiken der Überwindung oder Transformation von Schuld, Formen der Aussöhnung oder den Folgen von Schuldverdrängung befassen.

Der Workshop lieferte mit 12 über drei Tage verteilten Vorträgen und langen Diskussionen wichtige Impulse zur Beantwortung der Frage, inwieweit man mit Blick auf Verzeihen und Versöhnen von kulturübergreifenden Problemstellungen und Antworten ausgehen kann, wo wichtige Unterschiede liegen und wie man bei einer zukünftigen kulturvergleichenden Forschung zum Thema methodisch vorgehen könne. Hierzu stellten am ersten Tag David Konstan, Theo Kobusch, Francoise Mirguet und Oliver Hallich verschiedene Konzepte und Kontexte von Verzeihen von der frühen jüdischen Literatur und der griechisch-homerische Welt über die frühmodernen Theorien der Vergebung bis zur Perspektive der Aufklärung heraus, die allesamt das geprägt haben, was heute als ?westliches Denken? bezeichnet wird. Am zweiten Tag gingen wir anhand von ausgewählten Beispielen aus koreanischen Praktiken, durch den Vergleich buddhistischer und konfuzianistischer Vorstellungen und durch Hinzuziehung praktischer Beispiele aus eher islamisch geprägten Kulturen der Frage nach, inwieweit man kulturübergreifend von Schuld und Verzeihen sprechen kann bzw. inwieweit diese Konzepte von speziellen Menschenbildern und Metaphysiken abhängen. Dieser Vergleich wurde am dritten Tag durch ein Beispiel aus einer nichtchristlichen afrikanischen Tradition (Mozambique) sowie durch gegenwärtige afrikanische Diskussionen mit Blick auf die Aufarbeitung von kollektiven Großverbrechen ergänzt. Zum Schluss wurde unter Leitung des Literaturwissenschaftlers Fritz Breithaupt zusammenfassend die Bedeutung von Narrativen für die Mobilisierung von Emotionen in Schuldzuschreibungs- und Aussöhnungsprozessen diskutiert.

Wir hatten uns nicht nur viel Zeit für die Diskussion der einzelnen Vorträge genommen, sondern zusätzlich für jeden Tag eine Stunde vergleichende Diskussion eingeplant. Diese Extra-Diskussion erwies sich als sehr fruchtbar mit Blick auf das Anliegen, ein übergreifendes Konzept des Verzeihens bzw. zumindest diejenigen Elemente von Versöhnungspraktiken zu erarbeiten, die kulturübergreifend in der Reaktion auf Unrecht und Gewalt eine Rolle spielen. Dabei wurde dreierlei deutlich. Erstens erwies sich unser Anliegen, nicht-westliche Traditionen in den Blick zu nehmen, ohne sie von vornherein mit einem westlichen Verständnis von Schuld, Reue und Verzeihen zu interpretieren, teilweise als viel schwieriger als erwartet. Es wurde immer wieder deutlich, dass auch herausragende Kulturwissenschaftler, die nach ihrem Selbstverständnis dem Prinzip folgen, jede Kultur aus sich verstehen zu wollen, nicht gegen die Neigung immun sind, etwas der westlichen Tradition ähnliches darzustellen, damit nicht der Eindruck von ›Primitivität‹ entsteht. Zweitens zeigt sich, dass man nicht von dem ›westlichen‹ Begriff des Verzeihens ausgehen kann und möglicherweise die intrakulturellen Differenzen gar nicht geringer sind als die interkulturellen. So arbeitete David Konstanz (Altphilologie) die extreme strukturelle Differenz zwischen einer griechischen Form von Schuldentlastung und einer christlichen heraus, durch die vermutlich auch noch unser gegenwärtiges Denken geprägt ist. Während es in der griechischen Antike darum geht, die Person durch Entschuldigungsgründe von der Handlung abzutrennen, ohne dass sie sich durch den Prozess der Verschuldung und Entschuldung verändert, steht in der christlich-theologischen Diskussion der Vergebung der Sünde die Transformation der Person im Mittelpunkt, die nach einem Prozess der Reue eine andere ist als die, die die Tat begangen hat. Das letztere Modell scheint auch der neueren politischen Praxis der politischen Reuebekenntnisse zugrunde zu liegen, wobei es in diesem Fall die Nation ist, die sich moralisch transformiert. Drittens erwies es sich als eine hochstrittige Frage, wie eine nicht-ethnozentrische methodische Grundlage für den Kulturvergleich zu entwickeln wäre. Auf Vorschlag von Jan-Ulrich Sobisch versuchten wir es schließlich mit der Isolierung von Elementen, die mehr oder weniger häufig transkulturell zu finden sind. Das einzige wirklich universal anzutreffende Element ist vermutlich der praktische Verzicht auf Rache. Insgesamt wurde die Tagung von allen Teilnehmern als intellektuell außerordentlich fruchtbar und bereichernd empfunden, sie gab vielen Teilnehmern wichtige methodische Anstöße. Es ist nicht nur geplant, die Ergebnisse für eine Publikation zu überarbeiten, sondern auch weiter zu der Frage im wissenschaftlichen Austausch zu bleiben.

Maria-Sibylla Lotter

Tagungsprogramm
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Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Fritz Breithaupt (Bloomington, USA), Eike Brock (Bochum, GER), Matthias Buschmeier (Bielefeld, GER), Amanullah de Sondy (Cork, IRL), Marion Eggert (Bochum, GER), Saskia Fischer (Bielefeld, GER), Rebecca Förster (Bielefeld, GER), Dorit Funke (Bielefeld, GER), Parvis Ghassem-Fachandi (New Brunswick, USA), Oliver Hallich (Essen, GER), Martina Herrmann (Dortmund, GER), Dominik Hofmann (Bielefeld, GER), Victor Igreja (Toowoomba, AUS), Simeon Ilesanmi (Winston-Salem, USA), Marco Iorio (Bielefeld, GER), Roland Kipke (Bielefeld, GER), Theo Kobusch (Bonn, GER), David Konstan (New York, USA), Francoise Mirguet (Tempe, USA), Angela Moré (Hannover, GER), Britta Padberg (Bielefeld, GER), Bianca Pick (Oldenburg, GER), Qian Ran (Bochum, GER), Heiner Roetz (Bochum, GER), Stascha Rohmer (Bochum, GER), Jochen Sauer (Bielefeld, GER), Marc Schalenberg (Bielefeld, GER), Stephan Schlothfeldt (Bielefeld, GER), Meinolf Schumacher (Bielefeld, GER), Jan-Ulrich Sobisch (Bochum, GER), Lisa Spanierman (Tempe, USA), Bertram Turner (Halle (Saale), GER), Nelly van Doorn-Harder (Winston-Salem, USA), Katharina von Kellenbach (St. Marys City, USA), Uwe Walter (Bielefeld, GER), Véronique Zanetti (Bielefeld, GER), Andreas Zick (Bielefeld, GER), Valerij Zisman (Bielefeld, GER)

Bei weiteren Fragen und für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an Karin Matzke.



E-Mail: karin.matzke@uni-bielefeld.de
Tel. +49 521 106-2793