ZiF-Forschungsgruppe

Weltweite Anfechtungen von Frauen- und Geschlechterrechten

Oktober 2020 – Juli 2021

Leitung: Alexandra Scheele (Bielefeld, GER), Julia Roth (Bielefeld, GER), Heidemarie Winkel (Bielefeld, GER)

Einführung

Gender Rights

Frauen*- und Genderrechte waren niemals universell und niemals inklusiv, sondern bilden seit jeher eine Arena kontroverser Auseinandersetzungen. Vierzig Jahre nach ihrer Annahme durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen haben die meisten Staaten das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (UN-Frauenrechtskonvention CEDAW) zwar ratifiziert, aber kein Staat hat Geschlechtergleichheit vollständig verwirklicht. Im Gegenteil, Geschlecht ist weltweit zunehmend eine Kategorie struktureller, institutioneller und kultureller Ungleichheiten. Diese Diskrepanz zwischen rechtlich garantierter Gleichheit und faktischer Kontinuität von Geschlechterungleichheit bildet die Basis des Arbeitsprogramms der Forschungsgruppe.

Der Fokus liegt jedoch primär auf den weltweit zunehmenden Anfechtungen (contestations) von Gleichheitsprinzipien. Die Forschungsgruppe Global Contestations of Women's and Gender Rights geht von der Feststellung aus, dass der bislang unterstellte normative Konsens zum Gleichheitsgrundsatz in der (politischen) Öffentlichkeit strittig geworden ist. Das Problematisieren von Geschlechtergleichheit ist weltweit zu einer ideologischen Ressource verschiedener Akteur*innen geworden, die hierüber neue Bündnisse knüpfen. Die Dämonisierung von Geschlechterpolitiken und Rechtsansprüchen als „Gender-Ideologie“ fungiert in diesem Zusammenhang als rhetorisches Mittel in der Konstruktion eines neuen Common Sense gegen Gleichheitsstandards – häufig über das Narrativ, dass Gleichheit schon erreicht sei. Frauen*- und Genderrechte werden also selbst in Frage gestellt.

Besonders deutlich zeigt sich dies etwa in den erneut aufflammenden Debatten um Abtreibungsrechte, die Ehe für alle, sexuelle Früherziehung oder die Anfeindungen gegenüber Feministinnen und Gender Studies. Die Auseinandersetzungen darüber, ob Frauenemanzipation traditionelle Familienmodelle unterlaufe oder ob preiswerte Frauenarbeit der Ausbreitung des neoliberalen Kapitalismus diene, sind weitere Beispiele für ein Ringen um Inhalt und Umsetzung von Frauen*- und Geschlechterrechten. Dies gilt in gleicher Weise für neo-patriarchale, autoritäre Regime, Parteien und Bewegungen, die Gleichheitsstandards als integrale Bestandteile der hegemonialen globalen Ordnung infrage stellen und Religion gegen Gleichheitsrechte instrumentalisieren.

Frauen* und Genderrechte sind in der Folge nicht mehr Basis für soziale Solidarität und sozialen Zusammenhalt, sondern werden zum Medium symbolischer Grenzziehung. Zugleich verstärkt die zunehmende neoliberale Durchdringung aller Lebensbereiche die Funktion von Geschlecht als konstitutiver Dimension ungleicher Verteilung materieller und sozio-kultureller Ressourcen. Hierauf aufbauend geht die Forschungsgruppe der Frage nach, wie die Semantik der Gleichheitsrechte weltweit in eine Arena kontroverser Auseinandersetzungen transformiert wird. Diese Transformation untersuchen die Fellows der internationalen Forschungsgruppe exemplarisch in drei empirischen Feldern, innerhalb derer diese Kontroversen weltweit besonders manifest sind:

  1. Geschlechtliche Arbeitsteilung
  2. Instrumentalisierung von Religion
  3. Vergeschlechtlichung von Staatsbürgerschaft und die Infragestellung sexueller Rechte.

Mit Hilfe unterschiedlicher disziplinärer Zugänge will die Forschungsgruppe in ausgewählten lokalen Kontexten in diesen drei Feldern diejenigen sozialen Prozesse vertiefend untersuchen, in deren Folge die Semantik der Rechte zur Streitfrage geworden ist.

Die Leitfragen lauten:

  1. Inwiefern sind Gleichheitsrechte gegenwärtig weltweit umkämpft und wie werden Vorstellungen von Geschlechterungleichheit neu konfiguriert?
  2. Inwieweit werden die weltweiten Anfechtungen von universellen Geschlechterrechten durch die empirische Realität vielfältiger sozialer Vorstellungen von Gleichheit und darauf bezogener Rechtskulturen gespiegelt?
  3. Inwieweit sind soziale Solidaritäten trotz des kolonialen Erbes und jenseits der unterschiedlichen Kontroversen um Rechte möglich? Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, um den notwendigen transkulturellen Austausch über (Un)Gleichheit und die weltweite Kontroverse um Gleichheitsnormen zu ermöglichen?

Bei weiteren Fragen und für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an Anna Efremowa, Koordinatorin der Forschungsgruppe.

global-contestations@uni-bielefeld.de
+49 521 106-12837