ZiF-Forschungsgruppe

Multimodale Rhetorik in der Onlinemedien-Kommunikation

Mai 2020 - September 2020

Leitung: Kay O'Halloran (Liverpool, GBR), John Bateman (Bremen, GER), Mehul Bhatt (Örebro, SWE)

Einführung

Multimodal Rhetoric

Die Forschungsgruppe wird untersuchen, wie die rasante Vermehrung von Medienplattformen es politischen Gruppierungen ermöglicht, rhetorische Diskurse ins Leben zu rufen und zu lenken, die die in traditionellen konsensbasierten Medienrahmen geführten Diskurse zunehmend verdrängen. Ein flagrantes Beispiel ist zurzeit höchst personalisierte Werbung, in der falsche Nachrichten nach Nutzerprofilen konstruiert werden und durch Plattformen wie Twitter sich schneller verbreiten als traditionelle Nachrichten. Daraus folgt die dringende Notwendigkeit, die Mechanismen solcher Diskurse zu verstehen. Dazu gehört eine detaillierte Auseinandersetzung mit den als Träger solcher Diskurse identifizierten Erscheinungsorten sowie mit den für diese Diskurse eingesetzten multimodalen kommunikativen Strategien (linguistisch, visuell, filmisch). Insbesondere werden wir die Mechanismen solcher rhetorischen Formationen in Bezug auf ihre Beziehung zu Mainstream-Nachrichten und den Einsatz von Social Media für deren Verstärkung und Verbreitung durchleuchten.

Ein Fokus der Untersuchungen wird bei Themen liegen, zu deren Unterstützung oder Ablehnung die Mainstream- und Social-Media-Plattformen traditionell eine zentrale Rolle gespielt haben: Themen wie Nationalismus, Populismus, Humanitarismus und Rassismus. Die angewendete Methodik wird sich mit dem Verfolgen von Nachrichtenartikeln befassen, die auf den Homepages prominenter Nachrichtenagenturen erscheinen, einschließlich der Reaktionen zu diesen Artikeln über weitere Medienplattformen (z. B. soziale Medien, Blogs und andere Websites). Schlüsselfragen werden aufzeigen, wie die Integration von Sprache, Bildern und Videos dazu fähig ist, Bruchstücke von Diskursen, die in konventionellen Wahrheitssystemen und rationalen Argumentationen begründet sind, zu unterlaufen oder zu repetieren, um stärker geladene und extremistische rhetorische Formulierungen zu fördern. Dies wird als zunehmend kritischer Faktor für die Interpretation und das Verständnis der Entstehung und Verbreitung alternativer Logiken der sozialen Ordnung (soziale Ontologien) und Konzeptionen von Gerechtigkeit, Moral und sozialen Verpflichtungen (moralische Ordnungen) in einer Zeit zunehmender Spannungen, Unruhe und Desillusionierung im Westen angesehen.

Die primären bisherigen Ansätze zur Behandlung dieser Problematik basieren auf Big-Data-Ansätzen wie Social Network Analysis, Data Mining und anderen Tools zur Analyse großer Datensätze. Solche Analysen bieten wichtige Erkenntnisse über das Bedeutungspotenzial von politischen und medialen Berichten und über die Übertragungskanäle für deren Verbreitung, sind aber überwiegend noch sprachzentriert. Es mangelt an theoretisch fundierten Methoden, um jene gesellschaftlich relevanten Bedeutungen herauszuarbeiten, die sich gerade aus der Gegenüberstellung visueller Botschaften wie Bildern und Videos mit der Sprache ergeben. Als Konsequenz reichen die existierenden Big-Data-Ansätze nicht aus, um die Auswirkungen solcher multimodaler Medienbotschaften in vielen für die Meinungsbildung entscheidenden Kontexten zu verstehen.

Dieses Projekt wird daher eine Proof-of-Concept-Methodologie sowie ein funktionierendes Computersystem liefern, das auf multimodaler Diskursanalyse, soziopolitischen Modellen rhetorischer Effekte und tiefer semantischer maschineller Verarbeitung von Sprache, Bildern und deren Kombinationen aufbaut. Diese zusammen werden einerseits die Ergebnisse von Computer Vision und Systemen zum Verstehen natürlicher Sprache, von inhaltsbasiertem Video-Retrieval und maschinellem Lernen verbessern und andererseits ein detailliertes diskursbasiertes Tracking von Nachrichten und von deren Uminterpretationen ermöglichen. Die multimodale Diskursanalyse bietet ein hochentwickeltes und fein differenzierendes Instrumentarium, um zu erklären, wie sich Bedeutungen aus der Integration von Sprache, Bildern und anderen Ressourcen in Texten, Interaktionen und Ereignissen ergeben. Der kombinierte Ansatz zielt somit darauf ab, die Kluft zwischen hochdetaillierten, kontextualisierten Analysen kleiner Stichproben multimodaler Texte einerseits und hochaggregierten, dekontextualisierten Big-Data-Ansätzen (z.B. reduktive Inhaltsanalyse) andererseits durch Nutzung neu entwickelter Ansätze zu überbrücken. Dadurch wird ein neuer Maßstab für produktive Interaktionen zwischen Sozialwissenschaften, Geisteswissenschaften und computergestützten Ansätzen etabliert und umgesetzt.

Anfragen zur Forschungsgruppe Multimodale Rhetorik in Onlinemedien-Kommunikation beantwortet Prof. Dr. Kay O'Halloran.

kay.ohalloran@liverpool.ac.uk