ZiF-Forschungsgruppe

Erkenntnistheorie der evidenzbasierten Politikgestaltung:
Wie Philosophie den Austausch zwischen Wissenschaft und Politik befördern kann

Februar – Juni 2023

Leitung: Anne Schwenkenbecher (Murdoch, AUS), Remco Heesen (Crawley, AUS), Chad Hewitt (Murdoch, AUS)

Einführung

Wie gut schützen Masken in der Pandemie? Wie sind die Nebenwirkungen von Impfungen im Vergleich mit den Folgen einer Erkrankung zu bewerten? Welche Auswirkungen haben Schulschließungen auf die psychische Gesundheit der Schüler*innen? In der Covid-19-Pandemie ist deutlich geworden, wie stark politische Entscheidungen auf Informationen aus der Wissenschaft angewiesen sind. Ebenso deutlich geworden ist aber auch, dass Forschungsergebnisse politische Entscheidungen zwar informieren, aber nicht ersetzen können.

Die Pandemie hat damit ein anschauliches Beispiel für die Probleme geliefert, die die sogenannte evidenzbasierte Politikgestaltung mit sich bringt. Grundidee dieses Vorgehens, an dem sich mehr und mehr Regierungen orientieren, ist, dass Entscheidungen sich auf überprüfbare und validierte Erkenntnisse stützen sollen. Maßnahmen und Programme sollen zudem verlässlich evaluiert werden, am besten unter Beteiligung interessierter Bürger*innen. So soll die Qualität der Entscheidungen und Maßnahmen verbessert und zugleich für mehr Transparenz und Konsistenz bei der Entscheidungsfindung gesorgt sorgen werden.

Dieses Vorgehen birgt Chancen, bringt aber auch Herausforderungen mit sich. Zuerst einmal muss klar sein, wie Informationen beschafft und wie sie bewertet werden, wann es erforderlich ist, zusätzliche Informationen einzuholen und welche Informationen vielleicht auch gar nicht berücksichtigt werden. Zudem muss geklärt werden, wie Entscheidungen bei Ungewissheit getroffen werden, denn auch die Wissenschaft kann zumeist nur begrenzte und, etwa im Fall einer neu auftretenden Infektionskrankheit, vorläufige Erkenntnisse liefern.

Die Fragestellungen, mit denen Wissenschaftler*innen arbeiten, unterscheiden sich zudem massiv von den Fragen, die Politiker*innen beantworten müssen. Wissenschaftliche Ergebnisse müssen also so aufbereitet werden, dass sie für die Verantwortlichen aus der Politik nachzuvollziehen sind, Politiker*innen müssen sich zumindest zu einem gewissen Grad auf die wissenschaftliche Arbeits- und Denkweise einlassen, damit Entscheidungen verantwortungsvoll getroffen werden können. So entstehen an der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik oft auch kommunikative Probleme.

Wie entscheidet man etwa auf der Basis statistischer Daten? Wie ist eine Studie zu bewerten, deren Ergebnis statistisch nicht signifikant ist? Wie viele Versuchspersonen sind genug, damit das Studienergebnis verwendet werden kann? Wie verhält sich die Pflicht, weitere Evidenz zu suchen, zu der Pflicht, schnell zu handeln, um Leben zu retten? Und wie wird wissenschaftliche Evidenz in Bezug zu anderen Faktoren, etwa der Vermittelbarkeit und Akzeptanz von Entscheidungen in der Bevölkerung bewertet? Kann der Versuch, Politik an wissenschaftlichen Erkenntnissen auszurichten, der notwendigen Komplexität politischer Aushandlungsprozesse überhaupt gerecht werden? Führt die Orientierung an der Wissenschaft am Ende zu einer Flucht der Entscheidungsträger aus der Verantwortung?

Viele dieser Herausforderungen sind ethischer und erkenntnistheoretischer Natur. Deshalb bringen wir in dieser Forschungsgruppe Philosoph*innen mit politischen Entscheidungsträger*innen und Expert*innen aus den Bereichen Wissenschaft, Politik, Regulierung und Gesetzgebung zusammen. Gemeinsam werden wir Erfolge und Misserfolge bei der Beschaffung, Berücksichtigung oder Einbeziehung von wissenschaftlichen Erkenntnissen in politische Entscheidungen anhand von realen Fällen aus den Bereichen Naturschutz/Biosicherheit und öffentliche Gesundheit untersuchen.

Wir werden uns dabei auf drei philosophische / epistemologische Themenfelder konzentrieren:

1. (Fehl-)Interpretationen wissenschaftlicher Methoden, wie z. B. nicht aussagekräftige Studien oder zu wenige vorliegende Studien;
2. Voreingenommenheiten bei der Beschaffung und Berücksichtigung von Belegen, einschließlich der Frage nach den Anreizen für solche Voreingenommenheiten und deren Rationalität;
3. Erkenntnistheoretische Standards der Sorgfaltspflicht.

Unser Ziel ist, einen praxistauglichen philosophischen Rahmen zu entwickeln, der die Interaktionen an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik erleichtert, indem er die Beteiligten mit dem nötigen Wissen über die Möglichkeiten und Herausforderungen der wissenschaftlichen Politikgestaltung ausstattet.

Bei Fragen und für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an Susanne Fizell:

zif-group-support@uni-bielefeld.de
+49 521 106-2792